Hauptzeugin verschläft Termin

Streit aus Zug landet im Rotenburger Amtsgericht

Schild vor dem Amtsgericht Rotenburg
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Wegen Körperverletzung muss sich ein Mann vor dem Amtsgericht verantworten. Das Verfahren wird eingestellt.

Rotenburg – Das Amtsgericht liefert manchmal die besten Geschichten. Es sind Geschichten über das wahre Leben – mal mit großen, mal mit kleinen Gaunern in der Hauptrolle. Hin und wieder sind sie sogar filmreif. Um eine Geschichte, die es immerhin auf einen YouTube-Kanal geschafft hat, geht es an diesem Donnerstagmorgen vor dem Rotenburger Amtsgericht. Ein wegen Körperverletzung angeklagter Mann aus Bremen verlässt den Saal nach knapp anderthalb Stunden und regt sich auf – und das, obwohl Richterin Nehring zuvor das Verfahren gegen ihn bei Zahlung einer Geldauflage in Höhe 300 Euro eingestellt hat.

Im Juli soll der Bremer eine Zugbegleiterin des Metronom auf der Strecke von Hamburg in Richtung Bremen geschlagen haben – mit der Faust gegen die Schulter. Die Frau sei mit dem Kopf gegen eine Tür gestoßen und habe sich eine Schädelprellung zugezogen, heißt es in der Anklage. Als der 35-Jährige damals in Hamburg den Zug bestieg, habe er diese Zugbegleiterin wiedererkannt, die ihm bereits zwei oder drei Monate zuvor aufgefallen war, weil sie sehr unfreundlich gegenüber den Fahrgästen sei. Ihre 33-jährige Kollegin bestätigt gegenüber dem Gericht, dass die Frau ein recht „barsches“ Auftreten habe. Der Bremer zerriss vor Fahrtantritt sein Niedersachsen-Ticket und warf es weg, um absichtlich schwarz zu fahren. Er spricht von einem Experiment und wollte sehen, wie die Zugbegleiterin reagiert. In einem von ihm auf YouTube veröffentlichten Video sagt er mehrmals „Ich kriege Dich!“

Im Zug informierte er die Metronom-Mitarbeiterin darüber, dass er kein Ticket habe. Er habe seinen Ausweis gezeigt. Dann blieb er an ihr dran und beobachtete, wie sie eine junge Frau „unfreundlich“, „aggressiv“ und von oben herab darauf hingewiesen habe, die Füße von den Sitzen zu nehmen. Der Bremer – er verdient sein Geld als YouTuber – nahm das zum Anlass, die Zugbegleiterin zu fragen, warum sie so unfreundlich auftritt. „Aber Du, schwarz fahren und so“, habe sie gesagt. Die beiden seien nun verbal aneinandergeraten. Sie haben nah beieinander gestanden. Die Frau habe ihn schließlich zwei oder drei Mal geschubst und attackiert. Er habe sich leicht am Arm verletzt und dann die Frau einmal mit der Hand zurückgeschubst. Schließlich habe er selbst die Polizei informiert und gebeten, in Rotenburg zum Bahnhof zu kommen. Er sagt vor Gericht: „Ich wollte sehen, wie sie menschlich reagiert.“

Für die Richterin ist es nun an der Zeit, die Geschichte aus Sicht der Zugbegleiterin zu hören – doch die ist nicht da. Einer der beiden Justizbeamten im Saal macht sich auf die Suche und kommt schließlich mit der Nachricht zurück, die Frau sei am Telefon. Die Richterin unterbricht die Verhandlung. Der Frau tue es sehr leid – der Wecker habe nicht geklingelt. Sie hat verschlafen, könne aber später noch kommen. Der Anwalt des Angeklagten macht diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung: „Termine.“ Sein Vorschlag: Man könne das Verfahren einstellen. Aber nur in Verbindung mit einer Geldauflage, sind sich die Richterin und die Staatsanwältin einig. Schließlich erkenne man die Provokation und das Vorhaben des Mannes während der Zugfahrt. Nehring erinnert auch an das lange Vorstrafenregister des YouTubers – mehr als 20 Einträge.

Mehrfach war es um die Erschleichung von Leistungen, außerdem um Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und um die Verwendung von Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation gegangen. Außerdem musste er sich für Beleidigungen und Bedrohung sowie Körperverletzung vor Gericht verantworten. Dieses Verfahren nun ist eingestellt. „Für sie wie ein Geschenk“, sagt die Richterin. Doch der YouTuber regt sich auf, während er zum Ausgang des Gerichts geht: „Wie kann es sein, dass sie nicht vor Gericht erscheint?“

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