Ohne Posen

Streetworkout-Gruppe bekommt neue Geräte

Los geht’s: Der Bauhof beginnt mit der Installation der neuen Trainingsgeräte am Weichelsee und erntet ebenso wie das zuständige Amt für Verkehr, Entsorgung und Umweltschutz den Dank von Eduard Hermann.
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Los geht’s: Der Bauhof beginnt mit der Installation der neuen Trainingsgeräte am Weichelsee und erntet ebenso wie das zuständige Amt für Verkehr, Entsorgung und Umweltschutz den Dank von Eduard Hermann.

Rotenburg – Die Freude ist groß bei Peter Schäfer und Tobias Schulz. „Wow, das sieht ja super aus“, sagt Schäfer, als er einen Blick auf die Baustelle am Weichelsee-Strand wirft. Zwei Mitarbeiter des Rotenburger Bauhofes haben mit der Installation neuer Trainingsgeräte begonnen. Im Frühjahr soll alles fertig werden. Die bisherigen Übungsgeräte für die Teilnehmer des Streetworkout-Angebotes bleiben allerdings weiterhin stehen – der sogenannte Calisthenics-Park wächst also deutlich. Und zwar nach den Wünschen der Aktiven. Ganz so, wie es auch der Community selbst ergeht, die inzwischen rund 100 Jugendliche und junge Erwachsene begeistert.

Rund 35 000 Euro investiert die Stadt in das zusätzliche Angebot, sagt Eduard Hermann, der Rotenburger Straßensozialarbeiter. Das Sportprojekt ist Teil der aufsuchenden Sozialarbeit in der Kreisstadt und aus dem Fitnessraum am Lohmarkt hervorgegangen. „Die Teilnehmer dort sind zum Trainieren nach draußen gegangen, weil der Fitnessraum während der Schulferien geschlossen war“, erinnert sich Hermann. Zunächst trafen sie sich auf einem Spielplatz, 2013 dann haben sie ihren eigenen Trainingsplatz am Weichelsee geschaffen – ein offenes Angebot. „Wir haben dort auch schon Senioren beim Trainieren gesehen“, sagt Hermann.

Jetzt, sieben Jahre später, ist es aber an der Zeit, diesen Park zu erweitern und ihn den neuen Entwicklungen anzupassen. Calisthenics ist ein Sport, in dem die Teilnehmer in erster Linie mit dem eigenen Körpergewicht trainieren. „Es gibt inzwischen aber schon neue Strömungen, bei denen auch Gewichte eine Rolle spielen“, erklärt Tobias Schulz, der seit fünf Jahren dabei und bereits seit drei Jahren selbst als Trainer mit von der Partie ist.

In den Wintermonaten trainiert die Calisthenics-Community zwei Mal pro Woche in der Adolf-Rinck-Sporthalle, aber eigentlich wollen sie nach draußen, an die frische Luft, in die Natur, an den Strand und damit auch an den See. Auch dort gibt es zwar vereinbarte Termine, aber eigentlich kann jeder kommen, wann er will.

Das Trainieren mit dem eigenen Körpergewicht hat sich in den zurückliegenden Jahren enorm entwickelt und immer mehr Anhänger gefunden. Mittlerweile gibt es sogar einen eigenen Verband. Der bundesweit agierende DCSV hat seinen Sitz in Gütersloh – und Tobias Schulz wirkt in den Gremien als Assistent des Präsidiums mit.

Der Verband schreibe sich genau das auf die Fahne, was auch Schulz und Schäfer nach wie vor motiviert, sich in diesem Sport zu engagieren: „Es geht nicht um Kommerz.“ Die Trainingsparks sollen Treffpunkt sein, der Gemeinschaft einen Raum geben. Der Ausbau der Angebote, eine fundierte Ausbildung, faire Wettbewerbe mit einheitlichen Bedingungen – das sind einige der wesentlichen Ziele, die der Verband verfolgt.

„Als ich mit diesem Sport angefangen habe, hätte ich auch in ein Fitnessstudio gehen können“, sagt Schulz. Es gehe nicht darum, zu posieren, sich auf wenige Trainingsziele zu reduzieren und darüber definiert zu werden. „Nein, es geht um das Ganzheitliche.“ Jeder trainiere zwar für sich selbst, aber das alles spiele sich in einer Gemeinschaft ab, in der jeder willkommen sei. Für ihn und besonders auch für Peter Schäfer sei allerdings der soziale Aspekt von zentraler Bedeutung. Genau dieser war schließlich einst der Ausgangspunkt für das, was sich in den ganzen Jahren seit 2006 entwickelt und diese lange Zeit auch überlebt hat.

So schön auch Wettbewerbe sein mögen, sagt Schäfer, er selbst halte nicht viel davon. „Ich möchte einfach mit den jungen Leuten zusammenarbeiten, also in die Breite gehen.“ Viele dieser jungen Menschen kämen dazu, weil sie über die sozialen Medien darauf stoßen. Es seien aber Filme und Fotos, die ganz und gar nicht jenem Bild entsprechen, das die Rotenburger Streetworkout-Initiative zeichnet. Es gehe nicht ums „Posen“, um den schnellen Aufbau von Muskeln. Sie kämen also zum Training, und sie setzten sich mit der ganzen Palette von Calisthenics auseinander. „Schritt für Schritt machen sie ihre Übungen, sie kommen voran, und sie erleben, wie gut das in einer Gemeinschaft geht, in der sich jeder für die Fortschritte des anderen freut“, sagt Schäfer. Die Sportler tanken Selbstvertrauen, können sich Austauschen, aber über Dinge, die sie belasten, die ihnen Sorgen bereiten. Tipps zur gesunden Ernährung nehmen sie ebenfalls mit nach Hause.

Er selbst habe genau das erlebt als junger Mann von gerade einmal 22 Jahren. Er war Soldat und hatte das, was in den Jahren danach folgen sollte, absolut nicht auf dem Radar. „Man sucht sich als junger Mensch Vorbilder – aber leider nicht immer die richtigen“, erinnert er sich. Heute studiert er soziale Arbeit, während er in einem Kinder- und Jugendheim arbeitet, er war beim Rettungsdienst und auch schon in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig.

Sport als Wegweiser, als Möglichkeit, eigene Stärken und Interessen, aber vor allem auch die nötige Motivation zu entdecken, selbst etwas aus sich zu machen. Darum gehe es. Nicht gegeneinander, sondern miteinander – das zeichne dieses Training aus. Auch und vor allem jetzt in der Pandemie. Alles läuft online, und es funktioniert, wenngleich die Jugendlichen schon deutlich machten, dass sie den direkten Kontakt vermissten, weiß Eduard Hermann zu berichten. Schäfer und Schulz sehen allerdings auch Chancen in den neuen Wegen, die man sich jetzt suche. Schäfer: „Das ist eine ganz neue Herausforderung für uns alle.“ Er und auch Schulz und Hermann sind sich sicher: Nach der Pandemie werden sie alle wieder kommen. Zum Training in der Halle, im Fitnessraum und natürlich auch am Weichelsee.

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