Stephan Hertwig über die stetig wachsende Popularität des Dartsports

„Der Pfeil, der muss sitzen“

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Starten in ihre neue Saison: die DartROWdys Björn Ohse, Dominik Laatsch, Marvin Hertwig, Gabi Laatsch, Stephan Hertwig, Markus Schenk, Thomas Laatsch (von links).

Rotenburg. - Von Elisabeth Hintze. Darts, eine Randsportart? Ist es längst nicht mehr. Darts, ein geselliges Spiel in der Kneipe? Ja, schon, aber nicht nur. Darts ist weitaus mehr, sagt Stephan Hertwig. Ein Sport, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut, bei dem die Fernsehzuschauer während des Durchschaltens hängen bleiben und mitfiebern. Kurzum: ein ernsthafter Sport mit stetig wachsenden Anhängern.

Stephan Hertwig muss es wissen. Seit fast 20 Jahren spielt der Rotenburger Darts. Was „durch puren Zufall“ als gelegentliches Ausprobieren im Freundeskreis begann, gipfelte am Ende im Gewinn der Team-Weltmeisterschaft in Las Vegas. Unzählige Turniere, Siege und Titel später gründete Hertwig schließlich die Rotenburger DartROWdys. In diesem Jahr startet der Verein in seine zweite Saison im Hanseatischen Dart Sport Bund (HDSB).

Doch der Reihe nach. Zunächst habe er sich mit ein paar Freunden in der Spielhalle getroffen, erzählt Hertwig. „Einfach nur so zum Spaß“ hätten sie einige Pfeile auf die Scheibe geworfen. Im Jahr 1996 sei das gewesen. Schnell habe sich herauskristallisiert, dass Hertwig „den Dreh“ raushabe. Beim ersten Turnier in Soltau lernte Hertwig seinen späteren Doppelpartner kennen, noch am gleichen Abend folgte das erste Punktspiel. Und so begann seine Darts-Karriere.

„Zu der Zeit habe ich neben der Arbeit vier bis fünf Stunden täglich trainiert.“ Per Dart-Automat, der seit zig Jahren in seinem Wohnzimmer steht.

Was für ihn den Reiz des Spiels ausmacht? „Wie Billard hat es sich von einer Kneipenaktivität zu einer Präzisionssportart entwickelt. Bei Darts geht es immer um Millimeter.“ Zwar nicht körperlich anstrengend, sei es aber eine geistige Herausforderung: „Du stehst 2,37 Meter vor der Scheibe, die in 1,82 Metern Höhe hängt. Wenn alle Augen auf dich gerichtet sind, dann wird das Feld auf einmal winzig klein.“

Es sei eben kein reines Glücksspiel, wie es in früheren Zeiten oftmals bezeichnet wurde. Hertwig hat dazu die passende Anekdote parat: In England sei das gewesen, am Anfang des 20. Jahrhunderts, als Glücksspiele in der Öffentlichkeit und somit auch in den Pubs generell verboten werden sollten. Der Besitzer eines Pubs stand deshalb als Angeklagter vor Gericht. Er vermochte es, den Richter mithilfe einiger gekonnter Würfe davon zu überzeugen, dass der Erfolg beim Dartspiel durch Können zustande kommt und nicht Glück ausschlaggebend ist. Das Verbot wurde nicht verhängt, und der Siegeszug der Sportart ging weiter.

Die Teilnahme an der Landesmeisterschaft in Hannover im Jahr 1999 bezeichnet Stephan Hertwig heute als den Höhepunkt seiner persönlichen Laufbahn. Im Finale trat er gegen den Vorjahressieger an. „Ich hatte noch einen Pfeil auf der Hand und wusste, der muss sitzen.“ Der Pfeil saß, Hertwig gewann. „Weil ich der Neue war, hatte ich die Zuschauer auf meiner Seite. Den Jubel der Menge höre ich heute noch.“

Ein weiterer Meilenstein war die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Las Vegas im darauf folgenden Jahr. „Sensationell war das. Wir sind völlig ohne Erwartungen hingeflogen“, erinnert sich Hertwig zurück. Mit drei anderen Teilnehmern stellte er unter insgesamt 52 das deutsche Team – und gewann erneut, diesmal das Finale gegen Spanien.

Sein sportlicher Siegeszug endete allerdings, und das ziemlich abrupt. Nach dem Weltmeistertitel habe es Angebote mehrerer Teams gegeben, bei ihnen einzusteigen. Das sei aber nichts für ihn gewesen, erzählt der 49-Jährige. Also habe er die „Darts an den Nagel gehängt“, sei beruflich ohnehin sehr eingespannt gewesen. Jahrelang habe er keinen Dart-Pfeil mehr in der Hand gehabt – bis zum Jahr 2009.

Sein jüngerer Sohn Marvin war es schließlich, der ihn zurück an die Scheibe brachte. Die ersten Spiele, „das war die Hölle“, sagt Hertwig. „Ich kam einfach nicht mehr an die Leistung von damals ran.“ Aber das sei irgendwann in Ordnung gewesen, für ihn reichte es.

Nach einem Aufruf in der Zeitung gründeten sich 2009 die Rotenburger DartROWdys. „Der Name ist auf meinem Mist gewachsen“, berichtet Hertwig. In der Lüneburger Dart-Liga angemeldet, schafften die DartROWdys innerhalb von nur drei Jahren den Aufstieg von der C- in die Bezirksliga.

Die Rotenburger spielten dort sehr erfolgreich, bis zum vergangenen Jahr. Aus Kostengründen – die meisten Turniere wurden in der Region um Lüneburg ausgetragen – sei man schließlich zum Hanseatischen Dart Sport Bund nach Bremen gewechselt. In der C-Liga gestartet, spielen die Rotenburger heute in der B-Liga. Das Ziel für die nun beginnende Saison heißt: Klassenerhalt sichern.

Neun DartROWdys – acht Männer und eine Frau – treffen sich derzeit einmal in der Woche im Bistro Max in Rotenburg, ihrer Heimgaststätte, um dieses Ziel zu erreichen. „Wir sind ein rundes Team. Die Stimmung ist klasse, alle fühlen sich wohl.“ Kapitän Stephan Hertwig schätzt insbesondere die Einstellung seiner Team-Mitglieder: „Alle sind Vollblut-Spieler.“ So habe sich jeder beispielsweise einen eigenen Dart-Automaten zugelegt, um zuhause neben dem regulären Training zu üben. Das schätzt Hertwig ebenfalls an „seinem“ Sport: „Jeder kann Darts spielen. Der gut, der andere eben nicht so gut.“

Einer, der es richtig gut kann, ist Raymond van Barneveld. Der Niederländer hat unter anderem fünf Weltmeistertitel errungen, gilt als einer der ganz Großen in der Branche. Vor nicht allzu langer Zeit war er in Bremen zu Gast. Hertwigs Sohn Marvin hatte das Glück, gegen ihn antreten zu dürfen.

Der Vater konnte kaum glauben, was dann vor seinen Augen geschah: Marvin (20) gewann. „Er hat van Barneveld die Pfeile um die Ohren gehauen, der Saal hat getobt“, blickt Hertwig nicht ohne eine gehörige Portion Stolz zurück. Im kommenden Jahr will der Junior in die Professional Darts Corporation (PDC) einsteigen, einer der Welt-Dartverbände. Dass er es schafft, daran hat sein Vater keinen Zweifel.

Stephan Hertwig hingegen ist zufrieden, einmal in der Woche mit den DartROWdys zu trainieren. „Aus sportlicher Hinsicht habe ich alles erreicht.“ Gern schaut er sich die großen Turniere im Fernsehen an, die Profi-Spieler in ihren bunten Hemden.

Die farbenfrohen Kleidungsstücke seien so etwas wie das Markenzeichen der Dart-Profis geworden. „Einige Turniere, wie etwas das im Ally Pally in London – das ist eine einzige Party.“ Die Spieler marschieren zu Musik ein, lassen sich vom Publikum feiern, tragen ihre bunten Hemden als Erkennungsmerkmal. „Früher wurde noch geraucht und Bier dabei getrunken.“ Ein bisschen Kneipelgefühl gehöre beim Darts halt doch dazu.

Übrigens: Um Nachwuchs zu gewinnen, werden die DartROWdys in Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum ein Schnuppertraining im Kinderferienprogramm anbieten. Die Details werden noch ausgearbeitet und im Ferienkalender bekannt gegeben, teilt Hertwig mit.

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