Stephan Graf von Bothmer spielt Stummfilmkonzert in der Realschule Rotenburg

Zusammen lachen verbindet

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Der Pianist spielte zu Filmen von Stan und Olli.

Rotenburg - Von Stefanie Heitmann. Der Filmabend mit musikalischer Begleitung in der Realschule in Rotenburg hätte fast nicht stattgefunden. Doch die Besucher, die den Weg trotz der Ereignisse in Paris in der vorangegangenen Nacht in die Aula gefunden hatten, nahm der Pianist Stephan Graf von Bothmer in eine Welt mit, in der das Lachen über der Angst steht. Das galt auch für die Konzerte am Montag in der Lauenbrücker Fintau-Schule: Neben dem gleichen Programm wie in Rotenburg, spielte er dort nachmittags zusätzlich zu den „Kleinen Strolchen“.

Die Anschläge, die am Freitag in Paris verübt wurden, waren auch an von Bothmer nicht spurlos vorbeigegangen. „Ich habe erst nach meinem Konzert in Schneverdingen von den Ereignissen erfahren“, wandte er sich an sein Publikum. Es habe ihn sehr mitgenommen, zumal er seine Verwandten, die lange in Paris gelebt haben, oft besuchte und viele Erinnerungen an die Stadt hat.

Um den Opfern zu gedenken, spielte von Bothmer vor Beginn des Programms ein zusätzliches Stück am Klavier. „Aufgrund der Ereignisse habe ich auch überlegt, das Konzert abzusagen. Aber dann habe ich mich gefragt, ob wir uns wirklich den Spaß in der Welt versagen lassen sollten“, so der Lauenbrücker weiter. Auch die Stan-und-Olli-Filme durch ernsthaftere Stücke zu ersetzen, erwägte er – entschied sich dann aber dagegen. „Ich habe bei den Aufführungen die Erfahrung gemacht, dass das gemeinsame Lachen stark verbindet. Und die Filme von Stan und Olli sind weit mehr als nur Blödelei.“

Die Ereignisse waren wohl auch der Grund dafür, dass die Besucherzahl geringer ausfiel als erwartet. „Ich kann das verstehen, aber auch wenn nur wenige Menschen hier sind, haben wir einen guten Abend.“

Anders als in den modernen Vorstellungen mit einem abendfüllenden Film erwartete die Zuschauer eine abwechslungsreiche Veranstaltung – wie in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. „Das Programm besteht aus mehreren Sequenzen, zu denen etwa Vorfilm, Kino-Werbung und zusätzliche Musikstücke gehören. Relikte daraus sind heute etwa der Werbeblock, dann das Erscheinen der Eisverkäufer und dann erst das Abspielen des Hauptfilms. In der damaligen Zeit gehörten aber auch Tanzvorführungen dazu. Die Hauptfilme waren meist nur etwa 20 Minuten lang, weil nicht mehr auf eine Filmrolle passte. Um den ganzen Abend zu gestalten, hatte man sich deshalb an Varieté-Programmen orientiert“, so von Bothmer, der rund 600 Filme im Repertoire hat. Dem Publikum gefalle die Abwechslung.

Den Anfang machte der Musiker mit dem Begleiten eines kurzen Werbefilms aus dem Jahr 1913. Darauf folgte eine kurze Fassung mit Ausschnitten aus dem Film „Nosferatu“ von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922. Bei dem sich anschließenden kurzen Ausschnitt aus „Safety Last“, bei dem ein Angestellter, der zu spät zur Arbeit kommt, versucht, sich vor seinem Chef zu verstecken, überraschte Bothmer die Zuschauer mit einer Mundorgel, die er zur Untermalung einsetzte und der Szene so eine unbekümmerte Leichtigkeit gab.

Bei allen Ausschnitten suchte man Notenblätter am Klavier vergebens. Von Bothmer improvisiert bei jedem Auftritt. „Ich komponiere live und illustriere Szenen nicht einfach nur. Das hat den Vorteil, dass ich mich ganz auf mein Publikum einlassen kann, und reflektiere, in welcher Stimmung die Menschen gerade sind“, so der Pianist.

So habe er etwa die Möglichkeit, durch gezielte Melodien und Tonfolgen nicht nur einen Gag, etwa von Stan und Olli, zu pointieren, sondern auch die Zuschauer gezielt zu den weiterführenden Handlungen hinzuführen. Dafür befasse sich von Bothmer teilweise monatelang mit einem Film. „Während der Tonfilm weitgehend logisch rezipiert wird, wird Musik im emotionalen Teil des Gehirns verarbeitet. Der Stummfilm liegt genau dazwischen. Die Kunst ist es, die Menschen in die Filme einzusaugen und in eine imaginäre Welt zu entführen“, so von Bothmer.

Und dies gelang ihm mit seinem leichten und äußerst variantenreichen Spiel besonders bei den vier gezeigten Filmen von Stan und Olli, die etwa auf ihrer Flucht aus dem Gefängnis oder beim Versuch, ihre Ehefrauen zu hintergehen, von einem Schlamassel in das nächste gerieten und mit ihrer entschleunigten Komik in den 1920er Jahren den Slapstick revolutionierten. Von Bothmer schaffte es an diesem Abend, dass die Zuschauer für ein paar Stunden die Ereignisse in Paris vergessen und gemeinsam lachen konnten.

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