„Habe Interesse, dass sich die Tiere wohl fühlen“

Putenzüchter setzt auf Transparenz

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Landwirt Frank Heilemann möchte Transparenz in seine Putenmast bringen. Er, seine Frau Susanne sowie seine Söhne Dennis (l.) und Mirco öffnen am 10. Juli den Stall für interessierte Besucher.

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Wo kommt das Fleisch aus dem Supermarkt-Kühlschrank eigentlich her? Das haben sich wohl alle schon mal gefragt, davon Geschichten gehört und sich Urteile gebildet. Wirklich drin in einem Maststall waren aber die wenigsten Verbraucher. Landwirt Frank Heilemann und seine Familie wollen das ändern und zeigen, wie Geflügelmast heutztage aussieht. Sie haben sich einer Transparenzoffensive angeschlossen.

Vom idyllischen Leben auf einem Bauerhof ist in diesem Stall nichts zu sehen: Puten, soweit das Auge reicht, tausende weiße Hälse recken sich in die Höhe, wenn man den riesigen Raum betritt. Sie weichen zurück, wenn man über das Stroh in die Mitte des Raumes geht, nach einer kurzen Gewöhnungszeit wagen sie sich allerdings wieder näher. Ständiges Glucken, die Lüftungsanlage brummt laut, gelegentlich rascheln die beiden Futterlinien. Es ist eine permanente Geräuschkulisse. Die Tiere stehen eng beieinander, dennoch gibt es einige freie Flecken. Besucher tragen hier Overall, Überschuhe aus Plastik und Haarnetz – zum Schutz der Vögel. Moderne Landwirtschaft ist glanzlos.

Désirée Heijne

Dass das nicht unbedingt bedeutet, dass es den Tieren schlecht geht, möchte Landwirt Frank Heilemann beweisen. Er gehe gut mit seinen Tieren um, sagt er, und möchte das der Öffentlichkeit zeigen. Daher macht er zusammen mit 90 anderen Höfen im Land bei einem Tranzparenzprojekt der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft und der Universität Vechta mit. Am Sonntag, 10. Juli (14 bis 17 Uhr), öffnet er einen seiner Putenställe am Kesselhofskamp in Rotenburg interessierten Besuchern und erklärt den Weg des Tieres vom Ei bis zum Abtransport zum Schlachter.

Jeweils 6 100 Putenhähne leben pro Durchlauf 16 Wochen lang in den beiden Mastställen der Heilemanns. Es ist ein Familienbetrieb in der vierten Generation, neben der Putenmast und -aufzucht, betreiben Frank Heilemann, seine Frau Susanne sowie die Söhne Mirco und Dennis zudem eine Milchviehwirtschaft mit 650 Kühen und zwei Biogasanlagen – eine direkt am Hof und eine in Bötersen. 20 Mitarbeiter greifen der Familie unter die Arme.

Weniger Kritik nach Besichtigung

Insgesamt 12 200 Puten; das sind viele Vögel, und viel Arbeit. Eine Mast lohne eben erst ab einer gewissen Größe, so der Landwirt. Doch die artgerechte Haltung komme nicht zu kurz, das sieht auch Désirée Heijne vom Wissenschafts- und Informationszentrum Nachhaltige Geflüchtelwirtschaft (Wing) an der Universität Vechta so: „Entscheidend, ob es den Tieren gut geht, ist nicht ihre Anzahl, sondern wie gut sich der Landwirt um sie kümmert“, sagt sie.

Das können sich Verbraucher jetzt selbst ansehen. Vor und nach den Stallbesichtigungen führen sie und ihre Kollegen Befragungen der Besucher durch. Ihre Erfahrung: Etwa 80 Prozent kämen mit einer kritischen Haltung in den Stall. Der Wert würde nach der Besichtigung auf unter zehn Prozent sinken. „Für uns ein toller Erfolg“, sagt Heijne.

In zwei Ställen mästet die Familie Heilemann pro Durchlauf 12 200 Puten.

Heilemann will das Beste für seine Puten. Der Platz entspreche der Putenschutzverordnung, zweimal in der Woche kommt routinemäßig ein Tierarzt. Seine Ställe sind auf dem neuesten Stand, Futter- und Wasserversorgung laufen automatisch, Temperatur ebenso. Doch: „Bei uns im Stall wird nichts dem Zufall überlassen“, sagt Heilemann. Mehrmals am Tag kommt er oder ein Mitarbeiter zur Kontrolle, schaut, ob die Technik funktioniert oder sortiert gelegentlich totes Geflügel aus. Fünf bis acht Prozent Verlust gebe es im Schnitt in einem Mastdurchlauf, so Heilemann. Oder: 305 bis 488 Puten pro Stall.

Der Verbaucher soll das Produkt nicht nur im Discounter kaufen, er soll erfahren, wo das Geflügel wirklich herkommt und wie es produziert wird. Das wissen mittlerweile auch die Landwirte: Heijne: „Sie sehen es mittlerweile als Teil des Berufes, Transparenz zu zeigen.“

„Ich habe ein Interesse daran, dass sich die Tiere wohl fühlen“, sagt Heilemann. Er spricht von einer „besseren biologischen Leistung“, die die Tiere bringen. 20 bis 21 Kilo würde eine Pute idealerweise wiegen, wenn er sie schließlich zum Schlachten verkauft. Durch Futter, viel Wasser und viel frischer Luft, könne er das erreichen. Das sei reale Landwirtschaft, und das wolle er zeigen und mit Vorurteilen aufräumen. Seine Tür steht am 10. Juli offen.

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