Stalking ist auch im Landkreis Rotenburg Thema / Opfer fühlen sich schutzlos

Wenn der Ex nicht loslässt

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Wer zum Beispiel vom Ex-Partner belauert wird, büßt viel seiner Freiheit ein.

Rotenburg - Von Stephan Oertel. Verfolgt, bedroht, eingeschüchtert: Stalker belästigen ihre Opfer oft jahrelang. Die Betroffenen werden von den Tätern beharrlich bedrängt, leiden unter den Nachstellungen und werden massiv in ihrer Lebensführung eingeschränkt. Auch im Landkreis Rotenburg kommt es immer wieder zu solchen Vorfällen. Die Opfer fühlen sich oft hilflos und alleingelassen. In jedem Fall sollten sie die Polizei verständigen, raten die Beamten. Rat und ein offenes Ohr gewährt auch die Opferschutzorganisation Weißer Ring.

Diese nennt beispielhaft die Situation von Bianca S. Seit sechs Jahren wird sie immer wieder von ihrem Ex-Partner gestalkt. „Ich bin seit der Trennung zweimal umgezogen und habe mehrfach meine Telefonnummer gewechselt“, berichtet sie. In der Kleinstadt findet der Ex-Freund aber immer wieder Wege, Kontakt aufzunehmen. Und er weiß, wo sie arbeitet. „Als Mitarbeiterin im Außendienst bin ich immer auf der Straße unterwegs. Weil er mir auch dabei immer wieder nachgestellt hat, konnte ich irgendwann nur noch mit einer Kollegin zusammen meine Runden machen“, schildert Bianca S.

Kollegen und Vorgesetzte bekommen zwangsläufig mit, wie der ehemalige Partner die heute 42-Jährige belästigt. Acht Mal habe er ihre Autoreifen zerstochen. Der Mann, mit dem sie elf Jahre lang ihr Leben teilte, veröffentlichte zudem intime Briefe aus der Zeit, als sie noch ein Liebespaar waren. Einen habe er in der Nachbarschaft und auf ihrer Arbeitsroute aufgehängt. Noch heute sei sie peinlich berührt, wenn sie daran zurückdenkt, dass Kollegen und Bekannte diese persönlichen Worte lesen konnten.

Doch es bleibt nicht bei solchen Vorfällen. Zu Schikanen, Belästigungen und der Zerstörung von Eigentum kommen auch Drohungen. Sogar die Tochter sei vom Stalker belästigt worden. Sie solle sich ihre Mutter noch einmal genau angucken, weil sie so nie wieder aussehen werde, habe er gesagt. Da der Mann schon während der Beziehung handgreiflich geworden sei, eine glaubhafte Drohung.

Wie Bianca S. geht es vielen. Auch im Landkreis Rotenburg ist Stalking ein Thema. Rund 30 Fälle sind im vergangenen Jahr angezeigt worden, teilt Polizeisprecher Heiner van der Werp mit. In der Mehrzahl handelt es sich bei den Tätern um Ex-Partner, und häufig sind Frauen die Opfer. Es gibt aber auch Fälle, in denen Frauen ihrem „Ex“ nachstellen. Und manch ein Stalker nimmt den Neuen der oder des ehemaligen Partners ins Visier. Darüber hinaus registrieren die Beamten Stalking zum Beispiel unter Arbeitskollegen oder Nachbarn. Oder wenn eine Zuneigung nicht erwidert wird.

Die Belästigungen reichen von einem beharrlichen Auflauern über Verunglimpfungen, Ausspionieren und Telefonterror bis hin zu Sachbeschädigungen und Gewaltandrohungen. „Das Spektrum ist breit“, weiß van der Werp. Auch der Weiße Ring hat immer wieder mit Stalkingfällen zu tun. Viele Opfer ziehen sich zurück. Sie sind überfordert und leiden unter den Ängsten, berichtet die Organisation, die auch eine Außenstelle in Rotenburg unterhält. Und: Viele würden solche Vorfälle nicht anzeigen.

Auch Bianca S. hat sich nach und nach zurückgezogen. „Ich bin kaum noch vor die Tür gegangen“, erzählt sie. Die soziale Isolation ist oft das Ziel des Stalkings, berichtet der Weiße Ring. Die Täter üben so mit ihrem Verhalten Kontrolle über das Leben der Opfer aus. Im Durchschnitt dauern die Belästigungen zwei Jahre an, teilt der Verein mit. Der Fall von Bianca S. zeigt, dass es weitaus länger dauern kann.

Stalking-Opfer kostet es häufig Überwindung, nach Hilfe zu fragen, so der Weiße Ring. Viele schämen sich und befürchten, nicht ernst genommen zu werden. Bianca S. hat sich irgendwann dann doch ein Herz gefasst und sich an die Außenstelle des Vereins gewendet. Dort stieß sie auf Verständnis und ein offenes Ohr.

Weil sie psychisch stark angeschlagen war, stellte der ehrenamtliche Mitarbeiter ihr einen Hilfescheck für eine psychotraumatologische Erstberatung aus und vermittelte sie in eine Klinik, in der sie Hilfe erhielt. Auch um die juristische Beratung kümmerte er sich. Sehr wichtig sei es zudem, den Menschen Mut zu machen, ihnen Wege aus der Isolation aufzuzeigen. Darüber hinaus ermutigen die Mitarbeiter der Hilfsorganisation Betroffene dazu, die Polizei aufzusuchen. Denn seit 2007 ist Stalking ein Straftatbestand. So könne es schon kurzfristig dem Täter verboten werden, sich der Wohnung oder dem Arbeitsplatz zu nähern und Kontakt zum Opfer aufzunehmen. Bei Verstößen drohen eine Geld- und Haftstrafe.

Auch die Polizei ermutigt Stalkingopfer, sich an sie zu wenden – im Notfall über 110. Außerdem rät sie unter anderem dazu, Stalkinghandlungen zu dokumentieren, Beweise wie SMS und E-Mails zu sammeln, Namen von Zeugen zu notieren und das gesamte persönliche Umfeld zu informieren. Auch könne bei der Telefongesellschaft eine Geheimnummer beantragt werden, ohne dass die bekannte Nummer abgemeldet werden muss.

Nicht selten aber dauert es lange, bis etwas gegen den Täter bewirkt wird. Und so lange leiden die Opfer, sagt Bianca S. Auch ihr Ex-Freund habe sich wiederholt über Anweisungen hinweggesetzt. Nun hofft sie auf das Gericht. Ein Mitarbeiter des Weißen Rings will sie bei dem Verfahren begleiten – um sie zu stärken. Der Verein fordert einen besseren juristischen Schutz der Betroffenen. Schon die Beeinträchtigung der Lebensgestaltung sollte strafbar sein. Und Stalking sollte in den Anwendungsbereich des Opferentschädigungsgesetzes aufgenommen werden.

zz

Die Polizei hat eine Broschüre zum Thema Stalking veröffentlicht, die zum Beispiel in Polizeirevieren erhältlich ist. Sie enthält Tipps für die Opfer und zeigt auf, was die Polizei tun kann.

Der Weiße Ring ist mit einer Außenstelle in Rotenburg vertreten. Unter 04261/83894 (E-Mail: weisser-ring.rotenburg@t-online.de) ist diese zu erreichen.

www.weisser-ring.de

Macht über das Opfer

Sogenannte Stalker terrorisieren andere Menschen mit Anrufen, beharrlichem Auflauern oder Nachspionieren. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet „anpirschen“. Stalker haben oft eine verzerrte Wahrnehmung und wollen Macht und Kontrolle über ihr Opfer ausüben. Es kann zu körperlichen und sexuellen Angriffen kommen. In Deutschland ist Stalking seit 2007 als „unbefugtes Nachstellen“ strafbar. Im Jahr 2014 registrierte die Polizei laut Bundeskriminalamt 21857 Fälle, ein Rückgang um 8,3 Prozent im Vergleich zu 2013. Fast neun von zehn Fällen werden aufgeklärt. Einer Studie des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit zufolge werden etwa zwölf Prozent in Deutschland mindestens einmal im Leben gestalkt. Opfer sind meist Frauen, Täter überwiegend männlich.

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