In ständiger Bereitschaft

Rotenburger Jägerbataillon 91 hat es oft mit Auslandseinsätzen zu tun

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Die Auslandseinsätze in Mali, Afghanistan und auch im Nord-Irak haben es in sich. Das wissen Kompaniechef Major Sven Schuster (M.), Hauptmann Marco Meyer (r.) und Stabsfeldwebel Carsten Kahle als Leiter der Familienbetreuungsstelle in der Lent-Kaserne. 

Rotenburg - Von Guido Menker. Mali, Afghanistan, Nord-Irak oder Kosovo: Die Bundeswehr hat inzwischen seit vielen Jahren schon Auslandseinsätze zu bewältigen. Das gilt auch für das in der Rotenburger Lent-Kaserne stationierte Jägerbataillon 91.

Im Januar sind fünf Soldaten aus dem Nord-Irak, im Februar 53 Soldaten aus einem sechsmonatigen Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt, im März haben fünf weitere Soldaten ihren Einsatz in Mali hinter sich gebracht. Seitdem ist es ruhig. „Aber das kann sich schnell ändern“, sagt Major Sven Schuster, Chef der 2. Kompanie des Jägerbataillons 91. Der nächste Auslandseinsatz kommt bestimmt. Die Frage ist nur, wann das der Fall sein wird. 

Schuster und auch Hauptmann Marco Meyer wissen, wovon sie reden. Sie beide haben bereits Auslandseinsätze hinter sich. Zurück in Deutschland freuen sie sich dann auf eine Scheibe Schwarzbrot mit Leberwurst, und wenn sie das erste Mal nach langer Zeit wieder eine Jeanshose tragen, müssen sie sich an das Gefühl erst gewöhnen, in zivil unterwegs zu sein. Der Kompaniechef berichtet zusammen mit dem Hauptmann und Stabsfeldwebel Carsten Kahle, Leiter der Familienbetreuungsstelle Rotenburg, über Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ein Thema, dass nicht nur die Kameraden im Einsatz, sondern in gewisser Weise auch die gesamte Kaserne in eine ständige Bereitschaft versetzt. Denn die Soldaten durchlaufen eine intensive und gezielt auf den jeweiligen Einsatz fokussierte Ausbildung und Vorbereitung.

Im Nord-Irak bildet die Bundeswehr die Peschmerga aus, in Afghanistan geht es um die Ausbildung und Unterstützung von Sicherheitskräften, in Mali steht die durch die Europäische Union geführte Ausbildung der Streitkräfte neben der durch die Vereinten Nationen geführte Aufklärung und Unterstützung auch im Sanitätsbereich im Blickfeld. Unterschiedliche Aufgaben in unterschiedlichen Ländern mit jeweils eigenen Bedrohungslagen. Wer sich auf den Weg in den Einsatz macht, ist umfassend geschult. Technik, Kultur, Aufgabenstellung, Land und Leute, Rechtsausbildung: „Wir haben festgelegte Kataloge dafür“, sagt Schuster.

Keiner macht es wegen des Geldes

Diese umzusetzen, erfordere sehr viel Zeit. Sechs bis zwölf Monate. Es gehe darum, sich Handlungssicherheit zu verschaffen. Dabei spiele ein Medizincheck inklusive erforderlicher Impfungen ebenso eine Rolle, wie die an das Klima vor Ort angepasste persönliche Ausrüstung.

Wer in einen Auslandseinsatz geht, bekommt mehr Geld. Die Tagessätze variieren je nach Einsatzland und Bedrohungslage. In Afghanistan sind es 110 Euro pro Tag, die auf das Grundgehalt kommen. Doch wegen des Geldes macht das keiner. Denn die Entbehrungen sind erheblich. Weg von der Familie und eigentlich 24 Stunden am Tag im Dienst. Dazu die Bedrohung. Schuster: „Jeder weiß, worauf er sich einlässt. Das ist das Soldatenleben.“

Mit der Situation im Einsatz zurechtzukommen, sei nicht immer leicht. Marco Meyer: „Jeder findet für sich einen eigenen Weg.“ Schuster spricht die Routine an, die helfen kann, nicht permanent über die Gefahren nachzudenken. Eigentlich sind es zwei Routinen. Eine regelt den Tagesablauf, die andere hilft bei der Arbeit. Im Sinne der eigenen Sicherheit sind Regeln zu befolgen. Etwa die, sich außerhalb des Lagers der aktuellen Sicherheitslage angepasst zu bewegen und zu verhalten. „Aber wir sind immer im Team, können uns aufeinander verlassen“, sagt Meyer. Und der Kompaniechef ergänzt: „Die Kameradschaft ist der wichtigste Punkt, der hilft.“ Reicht das dennoch nicht aus, stehen Pfarrer, Ärzte und auch Psychologen bereit. Fast alle schaffen den Einsatz.

Die Soldaten bereiten sich intensiv auf ihre Einsätze vor. Dazu gehört auch das schnelle Überwinden freier Geländeabschnitte.

Mit Blick auf die Familie, die zu Hause wartet, spricht Schuster von drei Phasen. Da sei die Vorbereitung. „Es gibt viel Papierkram zu erledigen. Es geht zum Beispiel um Testamente und Vollmachten.“ Der Einsatz selbst stelle die zweite Phase dar: „Wir bieten den Soldaten alle Arten von Medien, um Kontakt mit zu Hause zu halten.“ Aber: Was darf, kann oder sollte kommuniziert werden? Auch diese Fragen gehören zur Vorbereitung. Ein falsches Bild per „WhatsApp“ verschickt, kann Krisen auslösen. Phase drei beginnt mit der Rückkehr. Der Soldat muss sich wieder einfinden, während die Familie eigene, vielleicht auch neue Routinen entwickelt hat. Weiter wie bisher? Das geht nicht immer, sagt Kahle. Daran seien schon Familien zerbrochen.

Schuster erinnert sich an einen Einsatz in Afghanistan. Zwei Monate lang habe er jeden Tag seinem kleinen Sohn via Live-Chat eine Geschichte erzählt. Erst dann gelang es dem Jungen, sich mit dem Abstand zum Vater anzufreunden. „Das alles ist eine sehr individuelle Sache“, sagt er. Die Betreuung der Familien vor Ort mit regelmäßigen Treffen, Ausflügen und Informations- sowie Hilfsangeboten gehöre ebenso dazu wie die Betreuung der Soldaten im Einsatzland. Und die dürfen dort – je nach Einsatz – auch mal ein Bier trinken, wenn es die Zeit und die Lage vor Ort erlauben. Die Mengen seien allerdings genau festgelegt und würden kontrolliert.

„Die Soldaten lernen, sich deutlich einzuschränken und eben mit weniger auszukommen. Nach dem Einsatz wissen sie, ihr Leben zu Hause umso mehr zu schätzen“, fasst der Kompaniechef zusammen. Und sei es nur das Schwarzbrot mit Leberwurst oder der erste gemütliche Spaziergang in zivil – mit einer Jeans an den Beinen und der Familie an der Hand.

Jägerbataillon 91 als Teil der „Nato-Sperrspitze“

Stationiert sind in der Lent-Kaserne seit Juli 2015 das Jägerbataillon 91, die 3. Kompanie des Versorgungsbataillons 141 und das Sanitätszentrum Rotenburg. Das zur Panzerlehrbrigade 9 gehörende Jägerbataillon ist mit sechs Kompanien und rund 1 000 Soldaten die größte Einheit. Es führt Operationen verbundener Kräfte im Rahmen der Brigade oder als Gefechts-/Einsatzverband im gesamten Aufgabenspektrum des Heeres im Verbund des Jägerbataillons oder des übergeordneten Verbandes in allen Intensitäten, Operationsarten, besonderen Landoperationen und Gefechtshandlungen durch. Es stellt Kräfte für Eingreifoperationen sowie zur Bündnis- und Landesverteidigung und hat eine besondere Befähigung zum Einsatz in urbanem und sonstigem schwierigem Gelände. Im Rahmen der Very High Readiness Joint Task Force (Einsatzgruppe mit sehr hoher Einsatzbereitschaft oder auch bekannt als „Sperrspitze der NATO“ / VJTF) stellt das Jägerbataillon 91 dafür von 2018 an für drei Jahre eine Infanterie-Kompanie. Damit einhergehend reduzieren sich für die Rotenburger die großen Auslandseinsätze, um personell die neue Aufgabe stemmen zu können. Die 196 beteiligten Soldaten bleiben in Rotenburg und bereiten sich seit einem Jahr permanent darauf vor, sagt Kompaniechef Major Sven Schuster. Dabei sind vor allem Soldaten gefordert, die eine entsprechend lange Verpflichtung haben.

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