Antrag der Rotenburger Mehrheitsgruppe kommt durch

Im dritten Anlauf: Stadtrat sagt „Ja“ zur IGS-Oberstufe

Friedrich Behrens (v.l.) und Telman Aliev zählen die geheim abgegebenen Stimmen aus. Uwe Radtke notiert das Ergebnis, das ein Ja zur IGS-Oberstufe bedeutet.
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Friedrich Behrens (v.l.) und Telman Aliev zählen die geheim abgegebenen Stimmen aus. Uwe Radtke notiert das Ergebnis, das ein Ja zur IGS-Oberstufe bedeutet.

Rotenburg – Im dritten Anlauf hat der Wunsch der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Rotenburg nach einer eigenen Oberstufe die erste Hürde genommen. Der Stadtrat entscheidet, den Antrag dafür zeitnah bei der Regionalen Behörde für Schule und Bildung einzureichen. Ziel ist der Oberstufenstart zum nächsten Schuljahr.

Es ist 21.23 Uhr: Auf der Tribüne im Lucia-Schäfer-Saal bricht Jubel aus, und einige der Besucher dieser Ratssitzung fallen sich um den Hals. Der Vorsitzende des Rotenburger Stadtrates hat gerade erst damit begonnen, das Ergebnis der geheimen Abstimmung bekannt zu geben, die für die Zukunft der Integrierten Gesamtschule (IGS) von zentraler Bedeutung ist: „Es gab 18 Ja-Stimmen“, sagt Gilberto Gori – weiter kommt er zunächst nicht. Doch damit ist klar: Die Kreisstadt wird zeitnah bei der Regionalen Behörde für Schule und Bildung in Lüneburg den Antrag auf Einrichtung einer Oberstufe an der IGS Rotenburg einreichen. Gori mahnt energisch zur Ruhe, um nun verkünden zu können, dass 16 Ratsmitglieder dagegen votiert haben. Es gab eine Enthaltung.

Im dritten Anlauf hat es also geklappt, und jetzt ist das Ziel klar formuliert: Mit Beginn des nächsten Schuljahres soll die Oberstufe – neben der am Ratsgymnasium sowie einer weiteren an den Berufsbildenden Schulen – die dann dritte in der Kreisstadt an den Start gehen. Damit endet eine jahrelange Grundsatzdebatte, die nicht zuletzt auch von Emotionen getragen war. Das dürfte dann auch den Jubel und die kleinen Freudentänze auf der Tribüne erklären.

Für die IGS in Rotenburg soll es zum neuen Schuljahr eine Oberstufe geben. Die Entscheidung trifft die zuständige Behörde in Lüneburg.

Diese Freude kommt nicht nur Bürgermeister Torsten Oestmann, sondern auch der Arbeitsgruppe von CDU, FDP, Wir und Freien Wählern mindestens ein Jahr zu früh. Denn nicht nur Henning Poppe (CDU) und Frank Peters (FDP) machen in der rund einstündigen Diskussion an diesem Abend deutlich, dass es eben nicht mehr um das Ob, sondern eigentlich nur noch um das Wie gehe.

Oestmann hatte trotz des Votums im Schulausschuss an seinem Beschlussvorschlag für die Ratssitzung festgehalten. Dieser sah die Einrichtung einer unabhängigen Arbeitsgruppe unter externer Moderation vor, die ergebnisoffen eine faktenbasierte und transparente Entscheidungsgrundlage für die endgültige Beschlussfassung zur eventuellen Einführung einer IGS-Oberstufe für das Schuljahr 2023/2024 erarbeitet. Hierbei sollte der Schulstandort Rotenburg ganzheitlich betrachtet werden. „Wir unterstützen diesen Vorschlag“, betonen die, die gegen einen Start schon im kommenden Jahr sind.

Anders Marje Grafe (Die Grünen), die sich seit Jahren vehement für die IGS grundsätzlich und für eine dort angesiedelte Oberstufe im Besonderen einsetzt: „Heute Abend haben wir die Chance, eine Entscheidung für alle Rotenburger Kinder zu treffen, geschlossen hinter unserer städtischen Schule zu stehen und für unser liebenswertes Rotenburg die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen.“ Der erneute Antrag, so Frank Peters, sei nicht verwerflich, doch er führe womöglich nicht zum besten Ergebnis. Es gebe neue Sachverhalte, neue Fakten. Er spricht die bereits von Torsten Oestmann im Schulausschuss dargestellten Kosten an, die mit der Einrichtung einer Oberstufe verbunden seien. Peters: „Lassen Sie der Verwaltung und der Schule Zeit, um es richtig zu machen.“

Dirk Schenckenberg (Wir) schlägt in die gleiche Kerbe. Man müsse in Ruhe überlegen. „Ohne ein Konzept werden wir es nicht schaffen.“ Seine Befürchtung: „Vom Schuldenabbau der letzten Jahre wird nichts mehr übrig bleiben.“ Die Stadt habe große Aufgaben vor sich. Sein Appell: „Vielleicht ist ja doch noch ein Konsens zu erzielen.“ Für Joachim Hickisch (Grüne) indes ist eine zeitnahe Entscheidung unabdingbar. Kooperationsgespräche mit den anderen Schulen müssten auf „Augenhöhe“ stattfinden – daher die Entscheidung. Die IGS, sagt er, sei trotz der „Anfeindungen“ erfolgreich. Also erst das Ob und dann das Wie.

Doch Hickisch bringt auch seine Freude über die an diesem Abend andere Gesprächskultur zum Ausdruck – eine, die es bei diesem Thema in all den Jahren so nicht gegeben hat. Der Grüne: „Ich würde mir wünschen, dass das auch in Zukunft so ist.“ Und mit Blick auf die zu treffende Entscheidung fügt er am Ende hinzu: „Lassen Sie uns endlich gemeinsam den Schulfrieden für Rotenburg schaffen!“

Die Schüler der IGS haben mit diesen Plakaten Flagge gezeigt am Wahltag im September.

Ihn und damit die gesamte Mehrheitsgruppe von SPD, Grünen, Die Linke, Telman Aliev und Alexander Gridin doch noch vom Gegenteil zu überzeugen, versuchen derweil Vertreter der anderen Arbeitsgruppe. Auch Aaron Kruse (CDU). Der greift nicht zuletzt den Hinweis von Hickisch auf die geplante Sanierung des Ratsgymnasiums für rund 24 Millionen Euro durch den Landkreis auf. „Der Landkreis hat einen Plan für das Ratsgymnasium. Es geht um den Erhalt eines Gebäudes. Wir aber wollen etwas Neues schaffen. Die Frage ist aber, ob es überhaupt einen Bedarf gibt.“ Unklar sei auch, wie viele Mittel überhaupt zur Verfügung stehen. „Wir alle wollen das Beste für Rotenburg, aber können wir das wirklich erreichen, wenn wir so viele Fragezeichen zulassen?“

Dennoch betont Henning Poppe (CDU): „Wir sind nicht pauschal gegen die IGS-Oberstufe, diese Diskussion führen wir nicht mehr.“ Aber es sei in den vergangenen Jahren viel Geschirr zerbrochen worden und Vertrauen verloren gegangen. „Ich habe den Eindruck, dass ein Großteil der Diskussion am Thema vorbeigeht.“ Die Eile der Mehrheitsgruppe könne er sogar ein bisschen verstehen. Dennoch halte er weiter den Lösungsansatz des Bürgermeisters für richtig. Das Ende vom Lied: Tilman Purrucker beantragt eine geheime Abstimmung. Das Ergebnis löst schließlich Jubel und kleine Freudentänze aus.

„Wir haben jetzt ein Ergebnis, mit dem wir arbeiten werden“, betont Torsten Oestmann. Die Verwaltung werde den Auftrag annehmen und umsetzen. Auch, wenn es nicht der Weg ist, den er sich vorgestellt habe.

Thiemer: „Wir sind gut vorbereitet“

Der Rotenburger Stadtrat gibt grünes Licht für den Antrag auf Einrichtung einer Oberstufe. Gefreut hat das nicht zuletzt auch den Schulleiter Sven Thiemer: „Der Jubel war sehr groß, unsere Freude ist unbeschreiblich größer. Als wir gestern Abend nach der Entscheidung noch zusammen standen und feierten, sagte jemand: ,Heute hat der Stadtrat die IGS erst so richtig beschlossen’.“ Nun seien die Weichen gestellt, dass die IGS sich richtig entwickeln kann.

Der Schule steht allerdings ein sportliches Programm bevor – das betonen die Kritiker. Und das weiß auch Sven Thiemer. Dennoch: „Die Planungsgruppe hatte 2014 auch ein halbes Jahr Zeit, die Schule zu planen, damals sind wir ja bei Null angefangen. Jetzt kennen wir die Schule, unsere Schüler und Kollegen. Für unser Team sollte die Planung der letzten drei Jahrgangsstufen kein zeitliches Problem sein.“, sagt er. Parallel zum Antrag in Lüneburg werde man jetzt die Arbeit in der Planungsgruppe vorantreiben. Thiemer: „Wir gehen von einem positiven Votum des Regionalen Landesamts aus.“

Darüber hinaus habe der Rat ja ebenfalls beschlossen, dass die Stadt eine moderierte Arbeitsgruppe für Sondierungen über Kooperationsmöglichkeiten einberufen wird. „Auf diese Arbeitsgruppe sind wir sehr gespannt und werden auch im Vorfeld sicher schon viele Gespräche in Richtung Kooperationen führen“, betont der Schulleiter. Am Abend nach der Entscheidung habe er schon gleich ein Angebot einer benachbarten IGS zur Unterstützung bei der Planung bekommen. Außerdem werde es nun darum gehen, die räumliche Planung und auch die notwendigen Schüler- und Elterninformationen auf den Weg zu bringen. „Ich denke, dass wir gut vorbereitet sind. Es gibt grobe Konzepte über eine inhaltliche und räumliche Ausgestaltung der Oberstufe.“

Dennoch könnte es eng werden, weil sich die Schüler bereits im Frühjahr in der jeweiligen Schule anzumelden haben. „Ja, das ist ganz sicher sportlich. Wir hätten schon vor Jahren starten wollen und können, das haben Teile des Stadtrates wiederholt verhindert, und das wirkt sich nun auch aus.“

Man sei es dem jetzigen zehnten Jahrgang aber schuldig, ihm die Möglichkeit zu bieten, das Abitur an der IGS zu machen, denn die Schüler hätten sich in den vergangenen Wochen sehr engagiert. Thiemer zeigt sich zudem sehr optimistisch, dass die Zahlen ausreichend sind. Der Umfang der Profil-Gestaltung für die Oberstufe werde noch erarbeitet, und sie sei auch abhängig von der Möglichkeit und Bereitschaft zur Kooperation der Rotenburger Oberstufen.

Die Vorgeschichte der Entscheidung des Stadtrates vom Donnerstagabend ist sehr lang und hatte zur Folge, dass es keinen nahtlosen Übergang für alle Schüler der IGS gegeben hat. Das hat die Schule, die Schüler und auch deren Eltern geschmerzt. Bei der Ratssitzung am Donnerstagabend waren auch ehemalige Eltern des ersten Jahrgangs der IGS dabei. „Ihren Kindern wurde die Möglichkeit des Abiturs verwehrt. Sie haben sich mit uns gefreut, aber auch betont, dass sie sich diese Ratsentscheidung auch für ihre Kinder schon gewünscht hätten.“

Vor diesem Hintergrund hat sich Sven Thiemer noch einmal einen Artikel der Kreiszeitung aus dem Jahr 2012 herausgesucht. „Die Überschrift des Artikels ist ein Zitat des ehemaligen Schulleiters des benachbarten Gymnasiums. Er sagte. ,Schützen Sie Ihr Gymnasium!’“ Anlass der Berichterstattung sei ein Infoabend über die Idee zur Einrichtung einer IGS gewesen. Schon damals seien Ängste geschürt und Untergangsszenarien aufgestellt worden – „auch von dem damaligen Landrat“, betont Thiemer. Diese Strategie sei konsequent von vielen bis zuletzt weiter verfolgt worden. Thiemer: „Auch politische Rivalitäten, so wird gesagt, wurden mit der inhaltlichen Debatte um die Schulpolitik vermischt. Ich hoffe, dass wir die Vergangenheit nun hinter uns lassen können.“ men

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