Staatsanwaltschaft wird Ermittlungen nach Vorfällen in Söhlingen einstellen

Es gab keinen Säureregen

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Denis Schimmeyer zeigte sich im vergangenen Jahr davon überzeugt, dass die Schädigungen durch einen Säureregen verursacht wurden.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die kurze Mitteilung am Ende der Sitzung der AG Erdgas im Rotenburger Kreishaus war die größte Neuigkeit. Erster Kreisrat Torsten Lühring berichtete, dass das Thema eines „Säureregens“ in Söhlingen erledigt sei. Die Staatsanwaltschaft Verden ermittle nicht weiter. „Damit endet eines der großen Aufreger-Themen des vergangenen Jahres sehr unspektakulär.“ Ein Gutachten widerspricht allen Vermutungen schädlicher Gase am Rande der Erdgasförderstellen Söhlingen Ost Z1 und Z5.

Am 25. März 2014 geht Denis Schimmeyer mit seiner Frau nach eigenen Angaben in Wittorf spazieren. „Dort haben wir eine chemisch riechende Wolke abbekommen“, berichtete Schimmeyer, der sich bei den Wittorfer Bürgern für Umwelt und Gesundheit (WUG) für die Aufklärung über die möglichen Gesundheitsrisiken der Erdgasförderung einsetzt. Kurz darauf habe er eine Flamme über dem Wald gesehen. „Wir fuhren los, um festzustellen, woher der Gestank kam. Bei der Anlage Söhlingen-Ost Z1 haben wir festgestellt, dass dort Gas abgefackelt wird. Der Lärm, die Flammen, aber vor allem der Geruch waren von bisher nie gekanntem Ausmaß. Wir hatten Husten, Augenbrennen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühl, einen metallischen Geschmack im Mund und ein Kitzeln im Gesicht.“ Seine Frau habe einen Rheumaschub erlitten, sein Nachbar einen Erstickungsanfall. Eine Woche später, am 1. April 2014, habe sich der Vorfall wiederholt. „Diesmal brannte es auf Z5 in Söhlingen. Geruch und Symptome waren bei uns gleich.“ Mit einem Unterschied: „Am nächsten Tag habe ich aus den Hautporen im Gesicht geblutet.“

Auch andere Anwohner klagen über ähnliche Symptome. Der Verdacht steht im Raum, dass bei Fackelarbeiten Salzsäure freigesetzt wurde. Die Betroffenen erstatten Anzeige wegen Körperverletzung. Das mediale Interesse war groß, die Staatsanwaltschaft Verden zog das Verfahren und die Informationshoheit an sich. Details zu den Ermittlungen gab es wenige, Bodenproben wurden schnell als nicht auffällig eingestuft.

Das betroffene Förderunternehmen „ExxonMobil“ zeigte sich auskunftsfreudiger. Im Mai verkündete der Konzern, er habe Pflanzen- und Bodenuntersuchungen durch „unabhängige Sachverständige“ veranlasst. Die Ergebnisse zeigten, dass die Blatt- und Pflanzenschäden im Umfeld der Förderplätze „standort- und arttypisch und damit natürlichen Ursprungs“ seien. So sei der Blaue Erlenblattkäfer für Fraßschäden an Erlen verantwortlich, Ampfer weise die typischen Pilzflecken auf. Auch die Bodenuntersuchungen hätten gezeigt, dass sowohl die Werte für Kohlenwasserstoffe und Benzol als auch der Quecksilber-Gehalt unter den Grenzwerten der Bodenschutzverordnung liegen.

Das Gutachten eines Sachverständigen aus Jeddingen, das die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hatte, bestätigt weitgehend das Ergebnis von „ExxonMobil“. Lange blieb es unter Verschluss, der Landkreis hakte nach eigenen Angaben nach und habe es „auf mehrfache Nachfrage hin am 17. Februar von der Staatsanwaltschaft Verden (Aller) erhalten“. Im Gutachten heißt es: „An den Sondenplätzen ‚Söhlingen Z5‘ und ‚Z1 Ost‘ wurden die Pflanzen der Umgebungsflächen auf wirtschaftliche Beeinträchtigungen und Schädigungen durch externe Kontamination untersucht. Es konnten keine abiotischen Ursachen für Einwirkungen auf Gräser und Kräuter festgestellt werden. Es bestehen ebenso keine Hinweise auf flächenhaft verbreitete Pflanzen- und Aufwuchsschäden.“ Und: „Die haptische Prüfung der Pflanzenoberflächen ergab keine Hinweise auf Abdeckung der Pflanzenoberfläche durch kohlenwasserstoffbeladene Rußpartikel.“ Die Schädigungen an den Pflanzen, die Schimmeyer und Co. auch auf den Säureregen zurückführten, seien durch Mäuse, Larven, Schnecken, Käfer und durch Pilzinfektionen entstanden. „ExxonMobil“-Sprecher Klaus Torp: „Wie von uns behauptet, sind die Säureregen-Vorwürfe im Zusammenhang mit den Bohrlochreinigungsarbeiten aus dem April 2014 unbegründet.“ Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Verden, Lutz Gaebel: „Einen Nachweis, dass Emissionen zu den Schädigungen geführt haben, gibt es nicht.“ Das Ermittlungsverfahren werde in Kürze eingestellt.

Die betroffenen Bürger zeigten sich wenig überrascht. Während Denis Schimmeyer auf den Kanaren unterwegs war, um seinen Wegzug aus der Region vorzubereiten, sagte Mitstreiterin Silke Döbel: „Das Ergebnis haben wir erwartet.“ Die Söhlingerin Birgit Brennecke sah sich in ihren Befürchtungen ebenfalls bestätigt. Es blieben aber viele Unstimmigkeiten. Der von „ExxonMobil“ aufgeführte Blaue Erlenblattkäfer lebe zur Zeit der Vorfälle noch gar nicht, und dass die Staatsanwaltschaft einen womöglich befangenen Gutachter aus der Region beauftrage, sei ein besserer Witz. Und schlussendlich bleibe die Frage: „Wer hat uns denn geschädigt?“

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