Sprechstunde soll entzerren

Hebammenmangel auch im Landkreis Rotenburg ein Problem

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Durch den Hebammenmangel im Landkreis müssen Hebamme Antje Jäger (l.) und ihre Kolleginnen frühzeitig planen. Hier schaut die Hebamme mit der Mutter Friederike Döderlein nach Justus 

Rotenburg - Von Farina Witte. Der Hebammenmangel ist deutschlandweit ein Problem, und auch im Landkreis Rotenburg ist er zu spüren, sagt Antje Jäger von der Hebammenpraxis Rotenburg. Landkreisweit sind 37 Entbindungshelferinnen im Verband gemeldet, davon arbeiten 14 komplett freiberuflich. Jäger und ihre Kolleginnen Ruth Meyer, Birgit Große, Astrid Steinberg und Ulrike Müller betreiben gemeinsam eine Praxis in der Goethestraße. Um dem Engpass entgegenzuwirken, sind sie sich sicher, müssten die Rahmenbedingungen, besonders für Berufseinsteiger, besser werden.

Ein Grund für den Mangel seien die hohen Versicherungskosten, denn die Haftpflichtversicherungsprämien seien immer mehr gestiegen. Dazu kommen noch Kosten für die Renten- und Krankenversicherung sowie für Material: Viele Hebammen würden aufhören, weil sie so wenig verdienen. „Dadurch ist der Beruf natürlich nicht so attraktiv“, schätzt Jäger die Situation ein. „Und es kostet schon Mühe, sich zu organisieren“, weist Meyer auf den Aufwand einer freiberuflichen Hebamme hin. Große ergänzt: „Das ist auch nicht unbedingt Teil der Ausbildung.“

Durch den Mangel im Landkreis stünden die fünf Hebammen momentan zusätzlich unter Belastung. „Man hat meistens eine Sieben-Tage-Woche und ist so bei 60 Stunden“, sagt Meyer. Die Arbeitswoche ließe sich selten planen, denn es gebe häufig Zwischenfälle neben den Kursen und festen Terminen. „Wir müssen viel fahren. Es kann sein, dass man erst in Bothel ist und dann ein Anruf aus Stuckenborstel kommt“, berichtet Jäger. In solchen Fällen sei es gut, wenn Hebammen einspringen können, die in der Gegend unterwegs sind.

„Wir sind zum Glück gut mit den Kolleginnen vernetzt“, meint Jäger. Eine möglichst genaue Planung der Touren sei dennoch wichtig, und die Hebammen legen werdenden Müttern nahe, sich rechtzeitig zu melden. „Am besten sobald sie wissen, dass sie schwanger sind“, empfiehlt Meyer. Derzeit hätten sie Anmeldungen bis April. „Wir bekommen aber auch ganz oft Anrufe von Frauen, die sich erst sehr spät melden“, so Jäger. Da sie dann oft schon ausgelastet sind, könne es sein, dass sie die Frauen dann nicht betreuen können.

In der Hebammenpraxis gibt es jetzt immer mittwochs ab 15 Uhr eine Notsprechstunde. Dort können Frauen, die keine Hebamme gefunden haben, nach vorzeitiger Anmeldung hinkommen und sich beraten lassen. Die Hebammen der Rotenburger Praxis hoffen, die Situation so etwas entzerren zu können.

Seit drei Jahren ist das Problem spürbar

Wie stark die Hebammen derzeit ausgelastet sind, zeigen die Zahlen: Auf 1 371 Geburten im Jahr 2016 im Landkreis kommen 37 Geburtshelferinnen. Fünf bis zehn Hebammen seien sicherlich nötig, um den Bedarf zu decken, schätzt Meyer. Die Hebammen im Landkreis arbeiten teilweise freiberuflich, wie die fünf Frauen von der Rotenburger Praxis, und teilweise sind sie in Kliniken angestellt. „Aber auch in den Krankenhäusern sind sie oft unterbesetzt. Da kümmert sich eine Hebamme schon mal um vier Frauen“, sagt Jäger. Sie schätzt, dass die Situation vor etwa drei Jahren anfing, sich zu verschlechtern. Im Landkreis sei sie mittlerweile die einzige Hebamme, die Hausgeburten betreut. Sie bekäme sogar Anfragen aus den Nachbarkreisen. Diese könne sie aber nicht annehmen, denn das wären zu weite Wege. „Das können wir nicht leisten. Wir müssen so schon viele Kilometer fahren“, betont sie. Zudem dürften die Hebammen ohnehin nur bis zu einer bestimmten Streckenlänge abrechnen. Hier im ländlichen Raum übernähmen die Hebammen außerdem noch Sozial- und Vernetzungsfunktionen.

„Es ist ein total schöner Beruf“, bekräftigt Ruth Meyer trotz der Widrigkeiten, die damit einhergehen. „Ich würde auch jetzt die Ausbildung noch mal machen“, meint die Hebamme, die über 30 Jahre in dem Beruf tätig ist.

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