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Sprechen mit den Händen: Maike Sander vermittelt Kernvokabular Gebärden 

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Von: Ann-Christin Beims

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Zwei Handflächen nebeneinander gelegt.
Ein Buch lässt sich darstellen, indem die zusammengeklappten Hände geöffnet werden, wie beim Lesen: Gebärden sind oft aus dem Alltag heraus entstanden. © Baucke

Bereits mit einem Kernvokabular in Gebärdensprache kann man sich bereits gut mit Gehörlosen verständigen. Beibringen kann das zum Beispiel Maike Sander. Auch kleine Kinder können davon profitieren, wenn man ihnen schon früh die Grundlagen beibringt.

Rotenburg – Die 17-jährige Ruby, gespielt von Emilia Jones, ist eine „Coda“ – das einzig hörende Mitglied in einer gehörlosen Familie. Mit dem gleichnamigen, jüngst erst „Oscar“-prämierten Drama wird ein Thema aufgegriffen, das noch allzu oft in der Versenkung verschwindet. „Gehörlose müssen sehr viele Kompetenzen erwerben, um sich mit uns zu verständigen“, sagt Maike Sander. Es gibt vergleichsweise nur wenige Menschen, die Gebärden beherrschen. Sander gibt daher im Mai in der Volkshochschule Rotenburg einen Kurs zum Kernvokabular, damit die Verständigung auch von der anderen Seite aus funktionieren kann.

In ihren Kursen sind jedoch meist Teilnehmer, die entweder beruflich oder privat ohnehin mit dem Thema verbunden sind, darunter beispielsweise Tagesmütter oder Ergotherapeuten. Es gibt aber auch andere: Einmal sei eine Busfahrerin darunter gewesen, bei der oft ein Gehörloser einsteigt und die daher ein paar Gebärden lernen wollte, erzählt Sander. „Ich möchte ihnen vermitteln, wie viel Spaß das machen kann.“

80.000 Gehörlose, aber nur 850 Dolmetscher

Denn die Dozentin kennt die Herausforderungen, denen Gehörlose gegenüberstehen. Nach aktuellem Stand gibt es für die gut 80.000 Gehörlosen in Deutschland etwa 850 Dolmetscher. „Das ist ein Problem“, sagt Sander. Hinzu kommen Kinder, die sich sprachlich (noch) nicht ausreichend verständigen können. Für sie sind Gebärden eine gute Option, miteinander zu kommunizieren.

Das haben auch die Sottrumer „Wurzelfreunde am Dannert“ längst erkannt: Die Kinderkrippe ist offiziell zertifiziert und der Erfolg ist da. „Zum einen verstehen wir die Kinder besser, zum anderen unterstützen die Gebärden die Sprachentwicklung der Kinder“, berichtete die stellvertretende Leiterin Annika Rippe.

Daher versucht auch Sander, in ihren Kursen ein Kernvokabular zu vermitteln. Sie gibt den Teilnehmern die wichtigsten Alltagsvokabeln an die Hand. Und das ist mitunter gar nicht so schwer, denn viele Gebärden sind einfach aus dem Alltag heraus entstanden: „Manche Gebärden kennt man auch schon, zum Beispiel den Becher zum Mund zu führen bedeutet trinken“, sagt Sander.

Sprache erst seit 2002 eigenständig anerkannt

Sie ist keine Gebärdendolmetscherin, hat sich aber über mehr als 20 Jahre viel Wissen angeeignet. Angefangen hat alles, als sie in der Lebenshilfe Verden in der Sprachförderung gearbeitet hat. „Über ein Kind bin ich dann dazu gekommen, Gebärden einzusetzen“, erklärt sie.

Das funktionierte so gut, dass sie es ausbaute. „Schon ein Kernvokabular genügt, um sich mit Gehörlosen zu verständigen“, weiß Sander. Die ihrerseits müssen sich sehr bemühen, in der Welt der Hörenden den Anschluss zu halten. In Deutschland beispielsweise ist die Gebärdensprache als eigenständige Sprache erst seit 2002 anerkannt. Im 19. Jahrhundert wurden taube Kinder zum Sprechen erzogen, erinnert Sander an die Geschichte. Sogenannte „Oralisten“ stellten die Gebärdensprache als Affensprache hin – später wurde sie in vielen Ländern dann aus dem Unterricht komplett verbannt.

Kernvokabular Gebärden

In ihrem Kurs an der Rotenburger Volkshochschule (VHS) vermittelt Dozentin Maike Sander die Gebärden der am häufigsten verwendeten 140 Wörter der deutschen Sprache. Die Teilnehmer kommen dafür am Samstag, 14. Mai, von 10 bis 15 Uhr im Kantor-Helmke-Haus zusammen. Die Kursgebühr beträgt 29,30 Euro.

Dabei reicht die Geschichte der Gebärdensprache weit zurück – sie entstand überall dort, wo gehörlose Menschen aufeinandertrafen. Aus diesem Grund gibt es auch viele verschiedene Gebärdensprachen, mit unterschiedlichen Dialekten.

Gebärden sollten in Kitas etabliert werden

Und Gebärden können eine Brücke sein, so Sander: Kinder aus dem Ausland, die noch kein Deutsch können, können die Anfänge über Gebärden machen, um sich zu verständigen. Gerade jetzt, wo viele Kinder mit ihren Müttern und Großmüttern aus der Ukraine hier ankommen, wäre das auch eine Option für den Anfang. Sich Bewegungen zu merken, falle Kindern leichter als Wörter: „Ihr visuelles Gedächtnis ist besser ausgeprägt als ihr akustisches.“

Daher wäre es grundsätzlich von Vorteil, Gebärden bereits in den Kindertagesstätten fest zu etablieren. Viele Kinder lernten zu Liedern schon Handbewegungen – warum nicht gleich die zu den Worten passenden, stellt Sander in den Raum. Es gibt ihnen weitere Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen, Bedürfnisse und Gefühle zu äußern, sich etwas zu wünschen, zustimmen und ablehnen zu können, etwas zu fragen oder erzählen zu können. Filme wie „Coda“ bieten ebenfalls Möglichkeiten, das Thema weiter in das Bewusstsein zu rücken.

Heute ist Sander oft unterwegs, gibt Kurse und besucht unter anderem Kindergärten, um den Jüngsten und ihren Erziehern Gebärden beizubringen. „Mir ist es ein Anliegen, Freude zu vermitteln und da spielerisch ranzugehen“, sagt die Bremerin. Auch bei den Erwachsenen zeigen sich die schnell, wenn sie ihnen im Kurs zum Beispiel an der Volkshochschule etwa 120 Vokabeln beibringt. „Sie sind überwiegend ganz begeistert am Ende, aber natürlich auch angestrengt“, erklärt sie – kein Wunder, sie lernen eine neue Sprache.

Eltern berichten von Erfolgserlebnissen

Aber sie freut sich, wenn sie anschließend von Erfolgserlebnissen hört. Wenn Eltern berichten, dass ihre Kinder sich dort mit Gebärden ausdrücken, wo ihnen die Sprache fehlt. Doch es muss gesellschaftlich anerkannter werden, weiß auch Sander. Selbst wenn Kinder es früh lernen, können es wieder verlernen, wenn sie es danach nicht mehr benötigen im Alltag und ihre Eltern die Bewegungen auch nicht kennen.

In den Jahren vor Ausbruch der Pandemie sei das Interesse der Menschen an Gebärden gestiegen, vor allem Kindertagesstätten haben vermehrt angefragt, ist ihr aufgefallen. Dann gab es einen Einbruch, Kurse konnten nicht stattfinden. Jetzt geht es wieder los, aber: „Ob sich das Interesse durch die Pandemie wieder verändert hat, weiß ich nicht. Oder ob es nun da wieder ansetzt.“

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