Sprachkurs in der Volkshochschule: Flüchtlinge aus sechs Ländern lernen Deutsch

Auf der Suche nach Perspektiven

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Dozentin Fatima Agayeva bringt den Teilnehmern die Tücken der neuen Sprache bei. Oftmals mutet es an, als ob die junge Frau ein Orchester dirigiert.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. „Aber die Lampe aus Italien ist sehr praktisch.“ – „Oh, so groß. Das Sofa ist im Sonderangebot.“ Sätze, die auf den ersten Blick nicht wirklich Sinn ergeben, sind für die zwölf Frauen und Männer in der Runde überaus wichtig. Zwei- oder dreimal hören sie sich die Beispiele an und sprechen sie anschließend nach. „Wir kümmern uns jetzt noch einmal um das A und das O“, leitet Dozentin Fatima Agayeva diese Lernrunde an. Von ihrem Tabletcomputer spielt sie die Beispiele ein, die Teilnehmer sind konzentriert.

Mutter und Tochter aus Serbien, ein Paar aus Syrien, eines aus Bosnien-Herzegowina, eine Frau aus Russland sowie eine Frau und zwei Männer aus Eritrea lernen seit einigen Wochen Deutsch. Träger der Maßnahme ist die Kreisvolkshochschule, das Geld dafür kommt von den Leas, dem weiblichen Ableger des Rotenburger Lions Clubs. Die katholische Gemeinde „Corpus Christi“ hat einen Raum zur Verfügung gestellt.

Dieses Angebot fällt in die Kategorie Intensivsprachkurs für Erwachsene. Er soll über drei Monate laufen und 20 Wochenstunden umfassen. Ein derartiges Angebot fordert die Mehrheitsgruppe von SPD, Grünen und Wählergemeinschaft Freier Bürger (WFB) im Rotenburger Kreistag für alle Asylbewerber. Sprache, so das Argument, sei der Schlüssel für eine Perspektive in Deutschland. Jene Kurse sollten in erster Linie Menschen mit einer Perspektive angeboten werden. Darauf haben sich Vertreter von Bund und Ländern verständigt.

Menschen aus den sogenannten sicheren Herkunftsländern kommen nach dieser Logik nicht in den Genuss. Violetta Lerine und ihre Tochter Jelena haben Glück. Sie kommen aus Serbien – das Land gilt seit dem Inkrafttreten des verschärften Asylgesetzes als sicheres Herkunftsland. Auch Bosnien-Herzegowina fällt unter diese Kategorie. Aus dem Land, das sich jedoch bis heute nicht von den Folgen des Bürgerkrieges erholt hat, sind Samir Mujic und seine Frau Milica Maletic gekommen.

„Ich bin Taxifahrer“, sagt Samir Mujic mit einem Lächeln. Er habe viel mit Deutschen zu tun gehabt. Sprechen könne er recht gut, nur bei der Grammatik hapere es. Die anderen Teilnehmer sind zurückhaltender, doch was allen gleich ist: Sie konzentrieren sich auf den Stoff. Hin und wieder dringt zwischen den Zeilen eine alte Volksweisheit durch: „Deutsche Sprache, schwere Sprache!“ So tut sich Mohammedsaid Ahmedin aus Eritrea beispielsweise mit dem Wort „Architekt“ schwer.

Aber entmutigen, nein, das lässt sich keiner. Und mit dem Sprechen geht es schon ganz gut, wie sich beim Wiederholen der Wörter mit den „Sch“-Lauten zeigt. Wie eine Dirigentin schwingt Dozentin Agayeva ihren rechten Arm. Links hält sie das Lehrbuch: „Schule“. Die Teilnehmer sprechen ihr rhythmisch nach: „Schule!“ Weiter geht es mit „Tschüss“ oder auch „Spielen“. Es folgen ganze Sätze: „Guten Tag, ich heiße Katrin!“ – „Ich heiße Mohammed.“ Beim Nachsprechen konzentrieren sich die Teilnehmer teilweise aufs Buch, teilweise hängen sie wie gebannt an den Lippen ihrer Dozentin. Gegenseitige Hilfe wird groß geschrieben.

Taha Sheikhmous aus Syrien etwa unterstützt die beiden Frauen zu seiner Linken: Menje Darwich, ebenfalls aus Syrien, und Zara aus Russland. Wenn etwas unklar ist kann er Fatima Agayeva zur Not auf Englisch fragen. Gewöhnlich aber ist auch die Unterrichtssprache Deutsch. Manchmal erläutert die Dozentin das, was sie möchte, im wahrsten Sinne des Wortes mit Händen und Füßen. Bei der Frage zum Beispiel, ob die Teilnehmer bereit seien, für die Zeitung ihren Namen zu nennen. Alle nicken, Taha Sheikhmous sagt auf Englisch: „No problem!“ Also kein Problem.

Er arbeite zurzeit vier Mal in der Woche unentgeltlich im Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum, berichtet er. In Syrien sei er Arzt gewesen, „for physiotherapy“. In Deutschland ist das ein Orthopäde. Seine Familie, drei Töchter und seine Frau, sei noch in Syrien, im kurdisch beherrschten Norden. Sie möchte er so schnell wie möglich nach Deutschland holen und sich hier mit ihnen eine neue Existenz aufbauen. Der Deutschkurs und das Probearbeiten im Krankenhaus könnten der Schlüssel dafür sein, hofft Taha Sheikhmous.

Was hingegen Tirhas Afewerki aus Eritrea erwartet, weiß die junge Frau noch gar nicht. Ihre Flucht, berichtet sie, sei abenteuerlich gewesen. „In der Wüste hatten wir tagelang kein Wasser“, sagt Tirhas Afewerki. Ein halbes Jahr habe es gedauert, von Eritrea über Libyen nach Italien und dann weiter nach Deutschland zu kommen. Sie berichtet: „Allein drei Monate saßen wir in Libyen fest.“ Der Deutschkurs ist für Tirhas Afewerki genauso neu wie für ihren Nachbarn Mohammedsaid Ahmedin. „Ein Jahr und fünf Monate bin ich in Deutschland“, sagt der bescheiden, ja unauffällig wirkende Mann.

Derweil vertiefen sich Violetta Lerine und ihre Tochter Jelena in den Unterrichtsstoff. Verständigen können sie sich im Augenblick nur mit gebrochenem Englisch. Jelena Lerine hofft, dass auch ihr Bruder bald nach Deutschland kommt. Er könne besser erklären, warum sie ihrer Heimat Serbien den Rücken gekehrt haben. Jetzt, in der Pause, lassen sie nur durchblicken, dass sie zuhause „große Probleme“ hätten.

Doch auch für sie gilt: Entmutigen lassen sich die beiden Frauen nicht. Also stürzen sie sich wieder auf den Stoff und versuchen, mit den Tücken der neuen Sprache klar zu kommen. „Jetzt kommen wir zur Geografie“, sagt Fatima Agayeva. Die Teilnehmer sprechen nach: „Deutschland – Berlin – deutsch. Griechenland – Athen – griechisch. Russland – Moskau – russisch. Syrien – Damaskus – syrisch.“

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