Campus Unterstedt bereitet sich auf weitere Flüchtlinge vor

Sprache bleibt der Schlüssel

Berichten über ihre Arbeit auf dem Campus Unterstedt: Dorothee Clüver (v.l), Khalil Hanifa und Cornelia Höck.
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Berichten über ihre Arbeit auf dem Campus Unterstedt: Dorothee Clüver (v.l), Khalil Hanifa und Cornelia Höck.

Nur knapp 40 der etwa 100 Plätze im Campus Unterstedt sind aktuell belegt. Doch das könnte sich bald ändern: Das Team bereitet sich auf den Einzug weiterer Flüchtlinge vor. Fast alle erwachsenen Bewohner sind bereits geimpft – im Januar folgen die Kinder und Jugendlichen.

Unterstedt – Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Iran, Afghanistan, Kolumbien und Gambia feierten am Wochenende Weihnachten auf dem Campus Unterstedt. „Unsere kolumbianischen Bewohner hatten alles geschmückt und Weihnachtsbäume aufgestellt – sehr zur Freude aller Kinder und Jugendlichen“, berichtet Sozialarbeiterin Cornelia Höck und betont: „Viele im Campus sind inzwischen geboostert, dadurch können wir auf engem Raum etwas entspannter arbeiten.“Höck hatte Mitte Dezember alle aktuellen und zahlreiche ehemalige erwachsene Bewohner über das Portal des Landkreises zum Impfen in Scheeßel und Rotenburg angemeldet. Die Kinder und Jugendlichen sollen Anfang Januar beim Kinderarzt geimpft werden.

Derzeit ist ruhig auf dem Campus. Das liegt nicht nur an der Zeit „zwischen den Jahren“: Von den maximal 100 Plätzen, die das Diakonissen Mutterhaus 2016 für Flüchtlinge dort eingerichtet hat, sind derzeit nur knapp unter 40 belegt. Elf Kinder und Jugendliche leben mit ihren Familien in einem Haus, in einem weiteren wohnen alleinstehende Männer.

Doch schon bald könnte dort wieder mehr Leben herrschen: Die Mitarbeiterinnen Cornelia Höck und Dorothee Clüver bereiten sich auf die Ankunft weiterer Flüchtlinge vor: „Die Stadt Rotenburg hat uns mitgeteilt, dass die Quote erhöht wurde“, erklärt Höck. Sie wissen: Früher oder später werden weitere Flüchtlinge aus dem Ankunftszentrum in Bad Fallingbostel die Wümmestadt erreichen. Ob das in Tagen oder Wochen der Fall sein wird? Alles ist möglich. „Wir sammeln unter anderem Matratzen, um darauf vorbereitet zu sein“, betont Dorothee Clüver.

Trotz der überschaubaren Anzahl an Bewohnern hatten die Mitarbeiter in den vergangenen Monaten alle Hände voll zu tun: „Die Pandemie hat uns alle gefordert. Außerdem sind wir weiterhin eine wichtige Anlaufstelle für etwa 200 ehemalige Bewohner, für die der Campus nach der Flucht so etwas wie die erste Heimat in Deutschland ist. Sie haben großes Vertrauen zu uns.“

Cornelia Höck ist froh darüber, dass sie aufgrund der großen Impfbereitschaft in diesem Jahr einige Projekte anstoßen und Ausflüge anbieten konnte. Dies sei im Verlauf der Pandemie oft zu kurz gekommen. Mit Unterstützung des Diakonischen Werks in Niedersachsen haben elf Campus-Bewohner kürzlich mit einem Zug die KZ-Gedenkstätte in Neuengamme besucht. „Es war mir wichtig, mit den Teilnehmern vorab schon über den Holocaust zu sprechen. Es war aber sehr schwer, Quellen in arabischer Sprache zu finden“, berichtet Höck.

Ich bin hier inzwischen als Übersetzerin tätig. In Aleppo war ich bis zu unserer Flucht 20 Jahre lang Lehrerin.

Khalil Hanifa

Umso glücklicher sei sie darüber, Khalil Hanifa an ihrer Seite zu haben. Die 53-jährige Syrerin ist 2016 mit ihrer Familie geflüchtet und lebte für zehn Monate auf dem Campus, ehe sie eine Wohnung in Rotenburg bezogen hat. „Ich bin hier inzwischen als Übersetzerin tätig. In Aleppo war ich bis zu unserer Flucht 20 Jahre lang Lehrerin.“

Die Teilnehmer erfuhren bei ihrem Besuch in der KZ-Gedenkstätte, dass von den 100 000 Häftlingen dort etwa 42 000 die Misshandlungen durch die SS nicht überlebt haben. „Sie bekamen kaum etwas zu Essen und mussten bei Schnee und Eis hart arbeiten“, berichtet Halifa. Der Besuch in Neuengamme habe sie sehr beeindruckt, aber auch traurig gemacht: „Mir kamen immer wieder Bilder aus dem Krieg in meiner Heimat. Damals in Deutschland wie aktuell in Syrien gibt es eine Diktatur, und die Menschen leiden ein Leben lang darunter.“

Genauso wie ihr erging es auch den anderen Teilnehmern: „Wir haben ihnen deshalb die Zeit gegeben, das alles erst einmal sacken zu lassen. Dann haben wir noch einmal darüber gesprochen. Viele haben das Gesehene mit ihren eigenen Kriegserfahrungen verbunden“, erklärt Cornelia Höck.

Von einem weiteren Ausflug berichtet Razan Hamoud Taha. Sie war 2016 das erste Kind auf dem Campus in Unterstedt. Heute ist sie 13 Jahre alt, spricht akzentfrei Deutsch und besucht die IGS in Rotenburg. Nach einem Besuch im Stadion in Wolfsburg und bei einem Spiel der Nationalmannschaft in Hamburg hat sie die Begeisterung für Fußball für sich entdeckt. „Heute spiele ich beim Rotenburger SV in der U17-Mädchenmannschaft. Ich bin Abwehrspielerin“, berichtet sie stolz.

Mit einer Gruppe aktueller und ehemaliger jugendlicher Bewohner des Campus war sie kürzlich auf dem Milchhof Kück in Gnarrenburg: „Wir haben dort Butter gemacht und Ställe ausgemistet. Eine spannende Erfahrung. Die frische Milch schmeckt anders als die aus dem Supermarkt.“

Obwohl die Folgen der Pandemie auch die Arbeit auf dem Campus in den vergangenen zwei Jahren stark beeinträchtigt habe, so habe man die Zeit bisher insgesamt gut überstanden, betont Clüver: „Wir hatten allerdings zwei Ausbrüche, obwohl alle erwachsenen Bewohner geimpft sind. Die Betreuer mussten wegen der angeordneten Quarantäne für sie einkaufen gehen.“

Die Stimmung innerhalb des Campus sei zum Teil angespannt, berichtet Clüver: „Wir haben Personen bei uns, die nicht als Asylbewerber anerkannt sind und sich keine eigene Wohnung nehmen dürfen. Einige haben eine Aufenthaltsgestattung, andere werden geduldet oder haben eine Abschiebungsandrohung erhalten.“ Sie stehe deshalb viel in Kontakt zur Härtefallkommission und spreche mit Anwälten.

Viel Kraft habe zudem die Krebserkrankung von zwei Bewohnern gekostet, die inzwischen gestorben sind. „Wir haben die Erkrankten auf ihrem gesamten Weg und schließlich auch die Familien bei der Vorbereitung und Durchführung der Begräbnisse begleitet“, berichtet Höck und ergänzt: „Für die Flüchtlinge, die hier leben und viele der ehemaligen Bewohner sind wir Alltagsbegleiter.“

Berichte über die schwierige Lage der Flüchtlinge in Belarus und Griechenland sieht Clüver mit gemischten Gefühlen: „Wir können die Welt nicht alleine retten und als Gesellschaft alles bewältigen. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Staaten bereits einen großen Teil geleistet. Fest steht aber: Für die Menschen an der Grenze muss etwas getan werden.“

Für viele Flüchtlinge sei es eine „ausweglose Situation“, beschreibt es Höck. „Alle ihre Ersparnisse und ihr Besitz sind weg. Sie stehen vor der Frage: Was passiert mit mir, wenn ich zurückgehe?

„Man muss unterscheiden, ob es Wirtschaftsflüchtlinge sind oder sie wie in Syrien im Krieg um ihr Leben fürchten“, sagt Dorothee Clüver. In Bezug auf die Suche nach Fachkräften habe sich in ihren Augen „eine gewisse Ernüchterung“ eingestellt. „Denn wie sich gezeigt hat, sind unter den Flüchtlingen weniger Fachkräfte als erhofft, und es dauert lange, jemanden auszubilden, besonders dann, wenn er die Sprache nicht beherrscht. Sie ist und bleibt der Schlüssel.“

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