SPD-Politiker Lars Klingbeil über den Hackerangriff auf den Deutschen Bundestag

„Wir stochern im Nebel“

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Für SPD-Politiker Lars Klingbeil bleiben nach der Cyber-Attacke viele Fragen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die größte Hacker-Attacke auf den Bundestag bleibt auch nach vier Wochen weitgehend ein Mysterium. Daten von 20000 Parlamentsrechnern könnten betroffen sein. Doch weder Dimension des Cyber-Angriffs noch die Auswirkungen sind klar.

Und auch, wer dahinter steckt, bleibt offen. Am Donnerstag verdichteten sich die Anzeichen auf den russischen Geheimdienst. Eine Vermutung, der sich auch der hiesige Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil (SPD) anschließt. Er ist netzpolitischer Sprecher seiner Partei und Obmann im Ausschuss Digitale Agenda.

Was ist eigentlich passiert?

Lars Klingbeil: Das lässt sich momentan noch nicht abschließend sagen. Was nur klar ist: Es gibt einen groß angelegten, professionellen Hackerangriff auf die Kommunikationsstruktur des Bundestages. Die Angreifer sind tief eingedrungen, haben auch Administratoren-Rechte ergattert. Es sind Daten abgeflossen aus dem System des Bundestages.

Das ist nun aber schon vier Wochen bekannt. Warum jetzt die Aufregung?

Klingbeil: Weil das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) erst jetzt seinen Bericht vorstellt. Wir Abgeordnete stochern seit vier Wochen im Nebel und wissen nicht, ob unsere Kommunikation vertrauensvoll ist. Die Bundestagsverwaltung hat uns vier Wochen nicht informiert. Klar ist auch: Die Attacke dauert noch an.

Welche Folgen hatte die Cyber-Attacke für Ihre Arbeit?

Klingbeil: Wenn man ehrlich ist, denken wir schon länger darüber nach, wie wir kommunizieren. Als klar wurde, dass Daten aus dem Regierungsviertel in Richtung USA und Russland abfließen und das Handy der Kanzlerin abgehört wird, überdenkt man Kommunikation. Ich habe in der SPD-Fraktion in den vergangenen Jahren verschiedene Verschlüsselungsprogramme vorangebracht. Man überprüft seine Kommunikation – ich habe in den vergangenen Tagen aber nichts geändert.

War der Verzeichnisdienst, der geknackt wurde, schlecht gesichert?

Klingbeil: Das ist nicht klar. Aber es macht schon deutlich, dass das Bewusstsein für eine hohe IT-Sicherheit hier nicht gegeben war in den vergangenen Jahren.

Welche Daten sind in dem Netzwerk sensibel?

Klingbeil: Wenn ich meinen Bereich nehme, die Verteidigungspolitik, da bekommen wir Informationen über Auslandseinsätze der Bundeswehr zugestellt. Die sind zum Teil als vertraulich eingestuft und unterliegen der Geheimhaltung. Das sind Informationen, die außerhalb des Parlamentes niemanden etwas angehen, und schon gar nicht ausländische Geheimdienste.

Wer steckt hinter dem Angriff?

Klingbeil: Auch das ist unklar. Für mich sind es aber nicht die beiden kleinen Hacker in einer Garage, die den Bundestag ärgern wollen. Alles deutet in der Professionalität auf große Strukturen hin, und das können nur großkriminelle Vereinigungen oder Staaten sein.

Wo war die Schwachstelle des Netzwerkes?

Klingbeil: Die Hacker sind wohl über Rechner einzelner Abgeordneter eingedrungen – die haben dann zum Beispiel eine E-Mail mit dem Trojaner geöffnet.

Welche Konsequenz ergibt sich nun aus dem Vorfall?

Klingbeil: Es gibt noch keine abschließende Empfehlung. Es steht aber im Raum, dass die gesamte technische Infrastruktur erneuert werden muss. Und dann wird parallel diskutiert, ob wir nicht ein eigenes System brauchen, das abgekapselt ist von anderen. Das wäre der richtige Schritt – wie die Bundesregierung ihr eigenes System hat, brauchen wir es auch im Bundestag.

Was sind jetzt die nächsten Schritte?

Klingbeil: Die Attacke muss erst einmal beendet werden. Das BSI ist dran, auch mit externem Sachverstand. Sie müssen da nun mehr Kapazitäten reinstecken.

Man kann nicht einfach den Stecker ziehen...

Klingbeil: Das funktioniert nicht. Aber es wird versucht, die Quelle zu finden. Ich verstehe nur nicht, dass das in vier Wochen noch nicht gelungen ist.

Wie geht es dann weiter?

Klingbeil: Wir brauchen in Deutschland ein breit angelegtes Verständnis für digitale Souveränität. Wir sind momentan abhängig von amerikanischer und chinesischer Hardware. Wir haben in Deutschland Firmen, die vertrauensvolle Verschlüsselungssysteme entwickeln, die müssen wir wirtschaftspolitisch unterstützen. Wir müssen hohe Sicherheitsstandards auch gesetzlich verankern.

Die Schwachstelle bleibt aber immer der Mensch.

Klingbeil: Es ergibt keinen Sinn, den Menschen zu suggerieren, wir könnten hundertprozentige Sicherheit schaffen. Die wird es bei einer so rasanten technologischen Entwicklung nie geben.

Was machen die Menschen falsch?

Klingbeil: Wir sind an vielen Stellen zu leichtgläubig bei den Dingen, die im Netz passieren. Dann wird eben doch auf einen Anhang geklickt, den man nicht öffnen sollte. Oder man klickt doch auf den Link in der Hoffnung, gewonnen zu haben. Das ist der Moment, in dem der Trojaner den eigenen Rechner betritt.

Gibt es für Abgeordnete oder deren Mitarbeiter besondere Sicherheitshinweise, wie sie sich im Netz zu verhalten haben?

Klingbeil: So etwas ist mir nicht bekannt. Man muss schon selbst ein gewisses Gespür entwickeln.

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