„Wir können alle helfen“

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil über das Virus und die Politik

Zu Gast im Rotenburger Pressehaus: Lars Klingbeil stellt sich den Fragen der Redaktion. Fotos: Röhrs
+
Zu Gast im Rotenburger Pressehaus: Lars Klingbeil stellt sich den Fragen der Redaktion.

Rotenburg - Schützenfeste vermisse er. Ganz ehrlich, beteuert Lars Klingbeil. Der 42-jährige Bundestagsabgeordnete aus Walsrode ist gerne unter Leuten, doch in Zeiten des Coronavirus muss auch der SPD-Generalsekretär den Terminkalender zusammenstreichen. Die Reise in die USA in dieser Woche: abgesagt. Konferenzen mit Partei und Mitarbeitern per Videochat. Schalten zu Fernsehsendungen aus dem heimischen Wohnzimmer.

Unterwegs ist Klingbeil dennoch – und das mehr als zuletzt auch in seinem Wahlkreis. Er führt Gespräche, wie die Menschen, wie Unternehmer und Kommunen mit dem Coronavirus umgehen können, wie die Politik helfen kann. Kommende Woche sollen im Bundestag weitreichende Hilfspakete geschnürt werden. Doch kommt das auch vor Ort beim Gastwirt in Fintel oder Buchhändler in Sottrum an? Klingbeil versucht im Gespräch im Rotenburger Pressehaus, Ängste zu nehmen.

Kommen wir zur Eingangsfrage, die üblicherweise sehr langweilig ist, jetzt aber immens wichtig: Wie geht es Ihnen?

Gut. Ich habe gerade eine Erkältung hinter mir und habe mich bei der Parlamentsärztin im Bundestag testen lassen, weil ich als Generalsekretär viel unterwegs bin. Der Test war negativ. Ich fühle mich fit, mir geht es gut – aber es treibt mich um, was in diesem Land derzeit passiert. Ich mache mir viele Gedanken, wie wir bestmöglich durch diese Krise kommen.

War die Ansprache der Kanzlerin am Mittwochabend eine letzte Warnung?

Erstmal war sie richtig. Es ist nicht zu unterschätzen, dass eine Bundeskanzlerin Orientierung geben muss. Sie hat sehr deutlich Mut gemacht. Aber auch gesagt, dass es jetzt auf alle ankommt und dass sich alle dran halten müssen. Es sind ja keine Bitten, sondern klare Ansagen: Abstand halten, nicht mehr Hände schütteln, Küsschen links, Küsschen rechts, wer sich schlecht fühlt, sollte sich von Leuten fernhalten und vor allem nicht abends im Park treffen und Corona-Partys feiern! Wer die Worte der Kanzlerin richtig gehört hat, der hat verstanden: Wir setzen jetzt drauf, dass sich alle an die Regeln halten. Aber wenn das nicht passiert, muss die Politik noch zu anderen Maßnahmen greifen.

Wird es auch hier eine Ausgangssperre geben?

Der Gesundheitsschutz steht an erster Stelle, es muss eigentlich jeder verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat. Wir sind als Gesellschaft vor die Herausforderung gestellt, gedanklich zu begreifen, was da passiert und richtig zu reagieren. Politik muss das jeden Tag neu bewerten. Man darf keine Möglichkeit ausschließen. Wenn aber aus der Schulschließung oder dem Homeoffice die Party im Park wird, dann muss zu drastischeren Mitteln gegriffen werden. Ausgangssperren kann man nicht ausschließen. Sie sind eine Möglichkeit, Menschen zu schützen – vor allem die bekannten Risikogruppen. Ich will hier keine Bilder wie in Italien sehen, wo ein Arzt entscheiden muss, ob er dem todkranken 80- oder dem todkranken 40-Jährigen das Atemgerät aufsetzt. Wir können alle helfen, das zu verhindern. Diese Verantwortung kann niemand von sich weisen an die Medien, die Wirtschaft oder die Politik. Diesen Appell müssen alle begreifen.

Hilft uns der gesunde Menschenverstand bei der Bewältigung der Coronakrise weiter?

Ja, wenn man nicht versucht, zwanghaft cool zu sein. Eine Party im Park derzeit ist nicht cool, sondern asozial. Jeder muss sich stattdessen fragen: Wie kann ich in meinem Umfeld helfen, dass wir gut durch die Corona-Krise kommen?

Warum kaufen alle Klopapier?

Das habe ich bis heute nicht begriffen. Vermutlich denken diese Menschen, dass es das alles irgendwann nicht mehr geben wird. Es kaufen ja auch unfassbar viele Leute Mehl – obwohl sie noch nie gebacken haben. Man kann den Worten der Verantwortlichen aus meiner Sicht glauben, dass wir nicht kurz davor sind, dass die Supermärkte leer sind. Vielleicht wird es den ein oder anderen Joghurt mal ein paar Tage nicht geben. Aber wir stehen nicht vor dem Notstand! Es sind unsichere Zeiten, da ist vielleicht nicht jede Handlung rational nachvollziehbar.

Haben Sie Angst?

Angst habe ich nicht, aber natürlich mache ich mir Gedanken darüber, was das alles mit der Gesellschaft macht. Ich glaube, dass wir da als Land gestärkt herausgehen können, wenn wir solidarisch sind. Ich glaube, wir werden anfangen, vieles zu schätzen, was wir als selbstverständlich empfunden hatten: sich frei bewegen auf der Straße, mit Freunden auf ein Bier treffen. Nach der Coronakrise werden wir auf viele Dinge blicken, die wir über Jahrzehnte als selbstverständlich wahrgenommen haben. Ich habe keine Angst, bin aber fokussiert und möchte die richtigen Entscheidungen treffen. Ich verstehe aber jeden, der sich Sorgen macht.

Schöpft die Politik alle notwendigen Maßnahmen aus, um zu helfen?

Man trifft jeden Tag Entscheidungen auf der Basis des Status quo. Ich lese viele kluge Ratschläge von Leuten, die sagen, das hätte alles früher kommen müssen, es müsste härter sein. Andere sagen mir, es sei viel zu viel, was entschieden werde. Ratschläge bekommen derzeit wir genug. Wir brauchen eine politische Führung. Die Bundesregierung ist geschlossen. Es gibt momentan überhaupt keine Parteipolitik, das ist für mich ganz wichtig. Wir werden kommende Woche im Bundestag harte Entscheidungen für Hilfspakete treffen müssen. Da wird es sicherlich hitzige Diskussionen geben. Aber die Politik tut derzeit sehr viel, damit wir vernünftig durch die Krise kommen.

Von der AfD hört man derzeit gar nichts.

Es ist nun nicht so, dass ich es schlimm fände, von denen nichts zu hören. Aber nochmal: Es ist jetzt nicht die Zeit von Parteipolitik.

Unsere lokalen Sparkassen haben einen raschen Abbau oder ein Aussetzen der regulatorischen Vorschriften gefordert. Wie kommt die Hilfe auch beim kleinen Kaufmann in Sottrum und Fintel an? Bitte keine Sonntagsreden.

Es gibt die ersten Hilfspakete und Kurzarbeitergeld. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) arbeitet gerade an einem Fonds für Selbstständige und kleine Unternehmen. Den werden wir kommende Woche im Bundestag aller Voraussicht nach beschließen. Es geht dabei um Zuschüsse für Betriebskosten – zum Beispiel Unterstützung für Mieten. Die müssen dann auch nicht an den Staat zurückgezahlt werden. Es wird außerdem langfristige Kredite geben, für die der Staat das größte Risiko übernimmt. Die Hausbanken sollen diese Kredite schnell und einfach vergeben. Es muss pragmatische und praktikable Lösungen geben. Ich vertraue den Menschen in der Bundesregierung, dass sie das hinbekommen. Die Probleme der Unternehmen sind in Fintel und Sottrum die gleichen wie überall im Land. Wir alle haben ein Interesse daran, dass die Unternehmen nicht pleite, die Arbeitsplätze nicht verloren gehen. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hat gesagt, wir holen die „Bazooka“ raus, in der Krise wird nicht gespart. Und Lösungen sind nicht nur für die großen Unternehmen oder die Metropolen da.

Wie hat sich Ihre politische Arbeit in Corona-Zeiten verändert? Kommende Woche sitzen Sie mit rund 1 000 Menschen wieder im Bundestag zusammen.

Wie die Sitzung genau abläuft, wissen wir noch nicht Ob alle Abgeordnete da sein müssen, wird derzeit geprüft. Da sind die Fraktionen untereinander in sehr engem Austausch mit dem Bundestagspräsidenten. Ansonsten ändert sich meine Arbeit natürlich radikal. Ich habe viel weniger Veranstaltungen, treffe viel weniger Menschen. Auch ich versuche, Begegnungen zu vermeiden. Nicht, weil ich mich nicht freue, Menschen zu treffen. Sondern weil es vernünftig ist. Sitzungen finden als Video- oder Telefonkonferenzen statt. Auf der anderen Seite bleibt mehr Zeit, Sachen zu lesen. Ich war in dieser Woche fast durchgehend im Homeoffice. Da kann man auch mal anders abschalten.

Sind Sie nicht auch ein bisschen froh, nicht mehr auf 43 Schützenfesten Ansprachen halten zu müssen?

Nein. Nach einer Woche Homeoffice merke ich, dass ich jemand bin, der permanent Leute um sich herum braucht, mit Menschen reden muss. Ich liebe es, andere zu treffen, zu schnacken, Hände zu schütteln. Das fehlt mir. Ich frage mich, was das mit mir macht, wenn ich es acht Wochen nicht habe.

Solange wird es dauern?

Das weiß ich nicht. Aber bis Ostern ist ja erst mal alles abgesagt. Ich freue mich schon auf die ersten Schützenfeste und Ortsvereinsversammlungen, wo ich wieder bedenkenlos Menschen treffen kann.

Nehmen Sie für die Region besondere Probleme wahr?

Ich sehe hier vor allem eine große Ruhe. Die Menschen gehen mit dem Thema sehr sortiert um. Wir liegen zwischen Hamburg, Bremen und Hannover – die Ballungszentren sind noch gefährdeter als der ländliche Raum. Es kann sein, dass unsere Krankenhäuser unterstützen müssen, das kann uns herausfordern. Die geübte Praxis der Nachbarschaftshilfe fällt mir hier jetzt schon positiv auf. Das soziale Netz ist eine Stärke der Region.

Bispingen und Soltau sind touristische Schwerpunkte und leiden besonders.

Die Parks sind zu. Das wird die Wirtschaft hier besonders fordern – aber das ist ja überall so. Wir sind da überall gefordert.

Findet das Hurricane Festival statt?

Das weiß ich nicht. Ich habe es aber fest bei mir im Kalender stehen und bin mit Thees Uhlmann verabredet, der dort spielt. Er hat gesagt, ich soll vorbeikommen. Ich hoffe, wir sehen uns dort.

Sie haben Rolf Ludwig zum Spiel Werder gegen Bayern am 2. Mai eingeladen. Glauben Sie, dass Sie Ihr Versprechen einhalten können, oder wird die Saison abgebrochen?

Ich glaube, das steht auf der Kippe. Ich habe mit ein paar Leuten aus der Bundesliga gesprochen, die machen sich auch alle Sorgen. Das sind 60.000 Beschäftigte im Fußballbereich. Man hat immer sofort den Fußball-Millionär von Borussia Dortmund vor Augen, wenn man über das Thema spricht. Aber da sind auch viele Leute, die als Verkäufer, Platzwart oder Fahrer arbeiten und deren Arbeitsplätze auch bedroht sind. Ich weiß nicht, wann wir da wieder zur Normalität kommen.

Wer wird Meister?

Wenn es einen gibt, Bayern München. Aber ob es einen gibt, ist die Frage.

Wer wird Kanzlerkandidat der SPD?

Die Frage stellt sich derzeit überhaupt nicht. Gerade geht es darum, zusammen durch die Krise zu kommen. Es gibt innerhalb der SPD derzeit keinerlei Personaldiskussionen. Auch nicht in der CDU.

Aber „Kanzler Klingbeil“ klingt doch so gut!

Das ist keine Diskussion für diese Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Wandern, Waldbaden und Wellness in Bad Steben

Barock und Bio im Bliesgau

Barock und Bio im Bliesgau

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Kampf gegen Corona: Italien verlängert Ausgangsverbote

Meistgelesene Artikel

Zentrale Frage: Wie lange?

Zentrale Frage: Wie lange?

„Land schafft Verbindung“: „Mit der AfD nichts am Hut“

„Land schafft Verbindung“: „Mit der AfD nichts am Hut“

SPD allein zu Haus

SPD allein zu Haus

Corona-Regeln sorgen für Verwirrung in Rotenburg - jetzt darf Jawoll wieder öffnen

Corona-Regeln sorgen für Verwirrung in Rotenburg - jetzt darf Jawoll wieder öffnen

Kommentare