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Sparkassenbilanz: Inflation sorgt für Probleme

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Von: Ann-Christin Beims

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Sparkassenfiliale am Rotenburger Pferdemarkt.
Ob die Sparkasse in Rotenburg noch in diesem Jahr vom Pferdemarkt an den neuen Standort ziehen kann, ist noch nicht raus. © Beims

Das Geschäftsjahr 2021 der Sparkasse Rotenburg Osterholz steht wie schon das Vorjahr unter dem Eindruck der Pandemie. Doch warten neben dieser auch noch ganz andere Herausforderungen.

Rotenburg – Alles in allem habe die Sparkasse Rotenburg Osterholz die Pandemie „bisher gut überlebt“, so Vorstandsvorsitzender Stefan Kalt im jährlichen Bilanzpressegespräch. Auch im Geschäftsjahr 2021. Da die Pandemie noch nicht vorüber ist, wenngleich sie durch die Bilder aus der Ukraine in den Hintergrund gerät, findet die Konferenz erneut digital statt. Das Coronavirus beeinflusst weiterhin das Jahresergebnis, das Ende 2021 bei mehr als 3,7 Milliarden Euro Bilanzsumme und einem Eigenkapital von 354 Millionen Euro liegt. Dennoch ist es zufriedenstellend, sagt der Vorstand – Darlehenszusagen sind angestiegen, das Dienstleistungsgeschäft konnte auf Vorjahresniveau gehalten werden.

Die Fusionierung habe sich bewährt. „Mit unserem Eigenkapital sind wir sehr solide aufgestellt“, merkt Kalt an. Das zeige sich vor allem im Kreditgeschäft, in dem weiteres Wachstum möglich ist. Zusagen in Höhe von gut 850 Millionen Euro seien gemacht worden. Trotz Pandemie ist die Nachfrage groß, und auch bei der Immobilienfinanzierung „haben wir ein starkes Geschäft gesehen“. Sowohl bei Privat- als auch Firmenkunden, die ihre Produktionen ausgebaut haben. Von einer „Immobilienblase“ könne im ländlichen Raum keine Rede sein.

Auch in eigene Immobilien hat die Sparkasse investiert. Da ist unter anderem der Neubau des Rotenburger Standortes, der vom Pferdemarkt in das ehemalige Postgebäude an der Großen Straße ziehen soll. Die Hoffnung, Ende des Jahres einziehen zu können, könnte sich aufgrund einiger Verzögerungen unter anderem witterungsbedingt zerschlagen. Es kommt jetzt auf den Sommer an, ob die Zeit reingeholt werden kann. „Es müsste schon optimal laufen“, so Kalt. Durch gestiegene Materialpreise rechnet die Sparkasse zudem mit höheren Baukosten.

Während das Konsumentenkreditgeschäft noch zurückhaltend läuft, was mit pandemiebedingt fehlenden Perspektiven zusammenhängen kann, laufe das Firmenkundengeschäft „sehr gut“. Zusätzliche Kredite wurden vergeben. Das überschaubare Gesamtvolumen sei aber ein Zeichen dafür, dass es der Wirtschaft in der Region einigermaßen gut gehe. Der Vorstand rechne jedoch damit, dass es im Geschäftsgebiet noch zu coronabedingten Insolvenzen oder Geschäftsaufgaben kommen kann – denn Branchen wie die Gastronomie und Tourismus sind stärker betroffen als andere.

Stellvertreter Thorben Prenntzell (l.) und Vorstandsvorsitzender Stefan Kalt stehen vor einer Sparkassenfiliale.
Stellvertreter Thorben Prenntzell (l.) und Vorstandsvorsitzender Stefan Kalt sind zufrieden mit dem vergangenen Geschäftsjahr, trotz aller Widrigkeiten. © Sparkasse

Gerade in Krisenzeiten sei es wichtig, einen verlässlichen Partner zu haben, als den sich die Sparkasse betrachte. „Wir waren immer mit den Kunden im Gespräch“, so der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Thorben Prenntzell. Fehlte im ersten Pandemiejahr 2020 noch die Erfahrung, habe man schnell „intensiv reagiert“ und vor allem 2021 die Digitalisierung stark vorangetrieben.

Da geht es um den Ausbau der Sparkassen-App, die „deutlich Schwung“ bekommen habe, und den Einsatz von Apple Pay. Die European Payments Initiative (EPI) aus Banken, Sparkassen und Acquirern aus Europa will zudem ein Zahlungsverkehrssystem aufstellen, und um verlässlich online zahlen zu können, prüft die EZB den digitalen Euro. Die Sparkasse nimmt Kryptowährungen genauer unter die Lupe. „Breit angelegt werden wir aber nicht einsteigen“, betont Kalt.

Die Filialen waren jederzeit geöffnet. Weitere Schließungen drohen nach den jüngsten „Justierungen“ vorerst nicht, werden aber nicht ausgeschlossen. „Wir sehen keine Notwendigkeit, beobachten es aber“, erläutert Kalt. Ebenso Automaten: Sie kosten Geld, manchmal fehlt aber die nötige Frequenz. Besonders viel Aufwand seien 2021 die AGB-Änderungen gewesen. „Wir mussten alle Kunden ansprechen und neue Vereinbarungen treffen“, sagt Prenntzell. Das bindet Beraterkapazität.

Fachkräftemangel auch bei der Sparkasse spürbar

Und auch das Thema Fachkräftemangel geht in diesem Zusammenhang an der Sparkasse mit derzeit 616 Mitarbeitern nicht spurlos vorüber: Nachwuchs zu gewinnen sei schwer. Daher hat sie ihre Bemühungen im Ausbildungsbereich intensiviert. Im vergangenen Jahr ist es nicht gelungen, alle Plätze zu besetzen. Erstmals seit Langem sind daher in der Kundenbetreuung Stellen wieder extern ausgeschrieben worden. Dennoch wurden zugleich mit 83 Mitarbeitern einvernehmlich, heißt es, Verträge im Rahmen der „geplanten, strategischen Personalreduzierung“ geschlossen.

Hinzu kommen die aktuellen Entwicklungen, die Auswirkungen vor Ort haben. Neben der Pandemie bleibt der Krieg in der Ukraine nicht unerwähnt, sorgen doch die Sanktionen wie der Ausschluss russischer Finanzinstitute aus dem Swift-System für Fragen nach lokalen Auswirkungen. Konkrete Effekte seien noch nicht nennbar, so Kalt.

Manch ein Kunde sorgt sich jetzt um seine Wertpapieranlagen, für die es verstärkt Zulauf gibt. Das ist schon mit kleinen Summen möglich, neuerdings in Rohstoffe wie Gold und Silber. Der Wertpapierumsatz beläuft sich 2021 auf etwa 503 Millionen Euro und ist damit um ein Plus von 143 Millionen Euro zum Vorjahr gesteigert worden.

„Wer die Liquidität kurzfristig nicht benötigt, kann davon ausgehen, dass es sich nach einem Zwischentief stabilisiert und sich die positive Entwicklung fortsetzt“, gibt Kalt eine Empfehlung der Deka weiter. Die Sparkasse selber unterhalte keine Auslandsbeziehungen nach Russland, wohl aber sind Lieferbeziehungen unter Kunden möglich. Der Vorstand geht derzeit davon aus, dass sich der Krieg nicht Richtung Nato-Bündnispartner ausweitet. Sollte das dennoch der Fall werden, müsse die Lage ohnehin völlig neu bewertet werden. „Das wollen wir aber gar nicht hoffen“, erklärt Prenntzell.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat dazu geführt, dass die Sparkasse erstmals eine überregionale Förderung veranlasst hat. „Das zeigt deutlich, was Klimawandel bedeuten kann“, so Kalt. Und wie nah es – ebenso wie der Krieg – vor der Haustür liegt. Getreu des neuen Slogans „Weil‘s um mehr als Geld geht“ zeige die Sparkasse daher Engagement. Normalerweise für Projekte vor Ort. Doch waren an der Stelle Zusammenhalt und unbürokratische Hilfe gefragt. Aber auch vor Ort kam Unterstützung an: 430 Einzelmaßnahmen wurden mit 385.000 Euro gefördert. Auch in diesem Jahr sollen wieder Projekte unterstützt werden. So stellt die Sparkasse 20.000 Euro bereit für Projektideen unter dem Motto „Nachhaltigkeit“.

Vorstand beobachtet Inflation mit Sorge

Auch die steigende Inflation, Preiserhöhungen überall, bereitet dem Vorstand Kopfzerbrechen. „Geldvermögen werden schlichtweg entwertet“, kritisiert Kalt das Anheizen durch die Europäische Zentralbank (EZB) per negativen Leitzinsen, Anleihekäufen und anderen Maßnahmen. Die Folge: Kreditinstitute geben gesteigerte Kosten an ihre Kunden weiter.

Zwar sei die Inflation bis zu einem Ziel von zwei Prozent gewünscht, „weil eine gewisse Preissteigerung gebraucht wird“, erklärt Prenntzell. Doch die EZB hat „ihre Ziele verfehlt“. Liegt der Wert darunter, führt das zu Deflation, also Kauf- und Investitionszurückhaltung und damit wirtschaftlichem Stillstand. Liegt der Wert zu sehr drüber, so wie derzeit mit fünf Prozent, führt das ebenso zu Stillstand, da vieles zu teuer wird. Eine Lohn-/Preisspirale kann nach Meinung des Vorstands nicht ausgeschlossen werden, merkt Kalt an.

Daher sei die EZB nun in der Pflicht, das Inflationsgeschehen zu dämpfen und ein Ende der „ultra-expansiven Geldpolitik“ einzuläuten. „Da ist bisher zu wenig Bewegung“, meint Kalt. Eine Zinssteigerung ist sinnvoll, müsse aber maßvoll geschehen. Hinzu kommen die von den USA angekündigten Zinsschritte. „Das wird Einfluss auf den Wechselkurs haben. Der Entwicklung wird sich auch die EZB nicht entziehen können.“ Unsicherheiten diesbezüglich sind auch 2022 spürbar, wenngleich es schon kleine Zinssteigerungen gibt.

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