Ein soziales Jahr in Israel

Antonia Borgas hatte neben ihrer Arbeit während des Auslandsjahrs in Israel auch viel Zeit, das Land zu bereisen. Jerusalem ist eines ihrer Ziele. Foto: Borgas

Von Rotenburg nach Israel: Antonia Borgas arbeitet nach ihrem Abitur für ein Jahr im Rahmen des Internationalen Jugend Freiwilligen Dienstes (IJFD) in einem Altenheim in Haifa – dabei hat sie viele Geschichten von Holocaust-Überlebenden gehört.

VON ANN-CHRISTIN BEIMS

Rotenburg / Haifa – So ganz angekommen ist sie noch nicht wieder. Obwohl Antonia Borgas seit Oktober zurück in Rotenburg ist, ist sie gedanklich noch oft in Israel, wo sie ein Jahr im Rahmen des Internationalen Jugend Freiwilligen Dienstes (IJFD) in einem Altenheim in Haifa gearbeitet hat. „Es ist komisch – man kommt schnell wieder in den Alltag zurück, macht alles wie immer, aber mit dem Herzen bin ich noch in Israel“, erzählt sie. Besonders an die Gespräche, die sie mit den Bewohnern geführt hat, erinnert sie sich. Denn viele von ihnen haben die Schrecken des Holocausts miterlebt.

Das Land ist ihr nicht fremd: Die Rotenburgerin war vor sechs Jahren im Urlaub dort. Gemeinsam mit ihren Eltern hat sie an einer Pilgerreise teilgenommen. „Wir haben viel vom Land gesehen, das war faszinierend“, erinnert sie sich. Dass sie nach ihrem Abitur auch ins Ausland möchte, steht für sie fest – wohin, ist offen. Bis der Leiter der Organisation „Dienste in Israel“ in die Kreuzkirche kommt: Borgas bewirbt sich, möchte etwas Soziales machen. Zur Auswahl stehen ein Hospiz in Jersusalem, eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung in Tel Aviv und das Altenheim in Haifa. Letzteres kann sie sich gut vorstellen. Denn im „Rischoney Ha Carmel“ leben hauptsächlich Juden aus Zentral- und Osteuropa, die die Schrecken des Nationalsozialismus miterlebt haben. Einige der Senioren konnten vor dem Krieg fliehen, andere währenddessen oder haben Deutschland nach Kriegsende verlassen. Das Heim ist 1939 eröffnet worden, es ist das erste dort speziell für aus Deutschland geflüchtete Juden.

Doch bevor es losgeht, kommen die Jugendlichen in Jerusalem zu einem einwöchigen Einführungsseminar zusammen. Sie können sich und das Land kennenlernen. „Das war erstmal eine komplette Reizüberflutung, ein Kulturschock“, sagt Borgas. „In Jerusalem kommen viele Kulturen und die drei großen Religionen auf kleinem Raum zusammen. Es ist erstaunlich, wie sie nebeneinander leben, aber man hat eine gewisse Anspannung gemerkt“, erzählt die 19-Jährige. Junge orthodoxe Juden seien beispielsweise durchs arabische Viertel getanzt, mit der Tora in der Hand. „Sie provozieren sich gerne, aber sie finden das lustig. Es ist irgendwie besonders. Alle erklären Jerusalem zu ihrer heiligen Stadt, da gibt es natürlich Reibungspotenzial – aber niemand will, dass ein Konflikt entsteht.“

Nach einer Woche reist Borgas weiter nach Haifa. Mit zwei weiteren Volontärinnen teilt sie sich ein Apartment in einem anderen Altenheim. Draußen ist ein Garten mit Blick zum Meer. „Manchmal saßen die Bewohner mit uns dort, haben angefangen, auf Hebräisch zu singen“, meint Borgas. Im „Rischoney Ha Carmel“ ist sie sowohl auf der Pflegestation als auch bei den Bewohnern eingesetzt, die vieles selbstständig erledigen können. „Morgens habe ich auf der Pflegestation beim Frühstück geholfen, Tische abgeräumt und sauber gemacht“, sagt Borgas. Im Anschluss stehen oft Spiele auf dem Programm. „Ich war eher die Bespaßerin – zum Zuhören da, die, die Zeit hat, wenn das Pflegepersonal keine hat.“ Sie besucht auch die selbstständigen Bewohner in ihren Zimmern, viele erzählen der 19-Jährigen ihre Geschichte.

„Eine Frau kam aus Leipzig, eine aus Hamburg, mehrere aus Wien. Das merkt man, sie haben noch den Dialekt“, so die Rotenburgerin. Viele seien vor Beginn des Zweiten Weltkriegs geflüchtet, andere waren im Konzentrationslager. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind alle ins damalige Palästina geflüchtet, vor der Staatsgründung 1948. „Sie verlernen ihre Muttersprache nicht, freuen sich sogar, Deutsch sprechen zu können“, so Borgas. „Sie hatten in Deutschland ihr Zuhause, mussten als Kinder ihre Heimat verlassen – viele waren ganz allein, hatten ihre Angehörigen verloren und wollten ein neues Leben beginnen.“ Deutschland war für sie kein sicherer Ort mehr. „Eine Frau war 15 Jahre alt, als sie gemerkt hat, dass es eng wird. Ihr Onkel wurde festgenommen, da hat sie ihren Eltern gesagt, dass sie Deutschland verlässt.“ Viele hätten ihre Eltern zurücklassen müssen. „Eine Frau ist für den Traum vom Staat für die Juden nach Palästina gegangen. Als sie dort ankam, hat sie erfahren, dass ihre Eltern tot sind. Sie bereut bis heute, dass sie nicht nachgekommen sind.“ Dennoch seien viele Bewohner lebensfroh. „Sie gehen damit gut um, aber der Schmerz bleibt“, so Borgas. Sie wollen, dass die Erinnerung lebendig bleibt, deswegen erzählen sie. Ein Mann habe aber auch gehofft, dass die Erinnerung verblasst. „Aber jetzt sitzt er im Rollstuhl und kann an nichts anderes denken, das ist schwer für ihn“, sagt Borgas. „Ihm kamen dabei die Tränen. Die sind da noch ganz nah dran.“ Damit umzugehen, sei ihr am Anfang schwer gefallen.

Besonders in einer Woche im Mai: Erst steht der Holocaust-, danach der Soldaten-Gedenktag im Kalender. „Als hätte jemand im ganzen Land den Lichtschalter ausgeknipst – als wäre alle Freude auf einmal weg“, erinnert sich Borgas. Als eine Sirene los geht, ist sie bei einer älteren Dame im Zimmer. „Sie war in Auschwitz und brach vor meinen Augen einfach zusammen.“ Einen Tag danach ist in Israel die Feier der Staatsgründung. „Innerhalb weniger Stunden beginnt die Feier mit Fahnen und Feuerwerk. Das war verrückt.“

Bis 14 Uhr arbeitet sie jeden Tag, an zwei Tagen nachmittags. Den Rest hat sie zur freien Verfügung. Und die Zeit nutzen Borgas und die anderen Volontäre, um das Land weiter zu erkunden. Auch ein paar Brocken Hebräisch schnappt sie auf. Allerdings sei es schwierig, junge Leute kennenzulernen. „Die sind alle in der Armee“, sagt Borgas. Frauen und Männer müssen nach der Schule ihren Militärdienst leisten. „Das ist harter Alltag“, meint Borgas. Den auch sie kennenlernt: Bei einer Zugreise zeigt eine Waffe in ihre Richtung. „In Deutschland wäre das undenkbar, da ist das normal.“ Grundsätzlich seien die Israelis aber ein offenes, herzliches Volk. „Sie sind sehr aufmerksam“, sind ihre Beobachtungen. „Wer irgendwo Hilfe braucht, bekommt diese. Dabei entstehen interessante Gespräche.“ Während eines solchen Gesprächs fragt Borgas eine Frau nach dem Grund dafür. Die Antwort ist einfach: „Wir wissen, wie es ist, wenn man nichts hat.“

Vortrag über Israel

Unter dem Motto „Brücken bauen – Mein Jahr im Internationalen Jugend Freiwilligen Dienst in Israel“ erzählt Antonia Borgas am Montag, 17. Februar, von ihrer Zeit in Israel. Los geht es um 19.30 Uhr im Kantor-Helmke-Haus. Der Eintritt ist frei.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Clio kracht in Oldtimer-Traktor – begräbt Fahrer unter sich

Clio kracht in Oldtimer-Traktor – begräbt Fahrer unter sich

Clio kracht in Oldtimer-Traktor – begräbt Fahrer unter sich
Jeddingen bekommt einen Dorfladen

Jeddingen bekommt einen Dorfladen

Jeddingen bekommt einen Dorfladen
In Hellwege ist einer der besten Salons in Deutschland und Österreich

In Hellwege ist einer der besten Salons in Deutschland und Österreich

In Hellwege ist einer der besten Salons in Deutschland und Österreich
Wegen 2G-plus: Bahnhofskneipe macht vorerst dicht

Wegen 2G-plus: Bahnhofskneipe macht vorerst dicht

Wegen 2G-plus: Bahnhofskneipe macht vorerst dicht

Kommentare