Die soziale Kräuterhexe 

Serie „Frauen an der Spitze“: Awo-Geschäftsführerin Sabine Schwiebert

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Awo-Geschäftsführerin Sabine Schwiebert setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein.

Zeven - Von Joris Ujen. Eine sozial gerechte Gesellschaft schaffen. Das ist das Ziel der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die seit dem Jahr 1919 besteht. Ursprünglich initiiert von der SPD zur Unterstützung von Geschädigten aus dem Ersten Weltkrieg, verboten die Nationalsozialisten den gemeinnützigen Verein, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg als parteiunabhängige Hilfsorganisation in Hannover neu formierte. „Unpolitisch sind und bleiben wir auch in unserer Funktion“, betont Sabine Schwiebert. Die 52-Jährige ist seit neun Jahren Geschäftsführerin im Awo-Kreisverband Rotenburg. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erzählt die Zevenerin von ihrem Beruf, dem gesellschaftlichen Wandel in Deutschland, aber auch warum sie sich selbst als Kräuterhexe bezeichnet.

Der Arbeitstag der Mutter zweier Töchter beginnt um 7 Uhr morgens. Bevor sie ihr Büro aufsucht, stellt sie zuallererst die Heizung im Bewegungsraum an. Warum sie das erwähnt, liegt nahe, denn seit Anfang Februar bietet der Kreisverband das Fitnessprogramm „Awo bewegt“ an und ein bisschen Werbung kann ja nicht schaden. Yoga und Qi Gong zählen unter anderem zu den Kursangeboten.

Oben angekommen in ihrem Büro, das im Jahr 2006 erbaut wurde und seit 2013 als Hauptstandort der Geschäftsleitung fungiert, heißt es erst einmal E-Mails lesen, „gegen 7.45 Uhr tüdeln dann auch die ersten Mitarbeiter ein“. Das Leistungsspektrum des Teams sei umfangreich. „Es gibt immer viel zu tun, jeder Tag ist anders. Unser Kreisverband unterhält sozusagen mehrere Firmen: Da ist die Awo Soziale Dienste GmbH mit ambulanten Erziehungshilfen und dem ganzen Bereich der ambulanten Jugendstrafrechtsarbeit, betreutes Wohnen mit geistiger oder psychischer Behinderung und die Alltagsbegleitung Pflegebedürftiger“, zählt Schwiebert auf. Ein Gros an Arbeitsbereichen, das von 50 Mitarbeitern und 20 Ehrenamtlichen im Landkreis abgedeckt wird. Ursprünglich bestand die Awo nur aus Ehrenamtlichen, bevor 1998 eine hauptamtliche Geschäftsführung eingerichtet wurde, um das wachsende Unterstützungsnetzwerk besser koordinieren zu können.

Kulturmobile für soziale Brennpunkte

Schwiebert ergänzt: „Besonders wichtig ist auch unser Kulturmobil.“ Das umfunktionierte Wohnmobil, gesteuert von einem Sozialarbeiter, fährt regelmäßig zu sozialen Brennpunkten in Zeven und bietet Beratungsgespräche an. „Eine klassische Sozialarbeit“, so Schwiebert.

Das war und ist auch der Bereich, den die 52-Jährige nicht erst seit ihrem Studium an der Fachhochschule für Sozialarbeit in Heidelberg Anfang der 1990er Jahre verfolgt. Direkt nach ihrem Abschluss an der Realschule Carl-Friedrich-Gauß im Sommer 1982 begann sie ein Praktikum bei der Lebenshilfe für Behinderte in Selsingen und besuchte unmittelbar im Anschluss die Rotenburger Fachschule für Sozialpädagogik. Weitere Stationen folgten in Bremen, München und Stade, um nur einige zu nennen. Eine richtige Auszeit nahm sie sich nie. Aber regelmäßige Ski- und Wanderurlaube sind ihr wichtig. Walken und Yoga sind zwei weitere Hobbys der Zevenerin. „Und ich bin eine kleine Kräuterhexe“, sagt Schwiebert, die sich abseits der Arbeit viel mit Heilkräutern beschäftigt.

Awo benötigt Mitlgieder

Auf das, was sie und die Awo alles erreicht haben, ist sie stolz, das Angebot für Bedürftige möchte sie aber ausweiten. Denn: „Das soziales Netzwerk in Deutschland wird immer brüchiger.“ Die Awo benötigt mehr Mitglieder, vor allem auch junge Menschen sollen erreicht werden. Ein Lichtblick zeige sich beim sozialen Kaufhaus der Awo in Zeven, „Bouteak“ genannt, wo sich auch Jugendliche ehrenamtlich einbringen. Dort werden gespendete Möbel und Kleidung verkauft, der Erlös unterhält das Kaufhaus und wird für wohltätige Zwecke genutzt.

Sabine Schwiebert engagiert sich auch politisch im Kreisjugendhilfeausschuss. Die Bundespolitik im sozialen Sektor bewertet sie als keine gute: „Das soziale Sicherungssystem greift einfach nicht mehr. Wir haben immer mehr mit Ablehnung von Leistung zu tun, Leuten die auf der Straße leben.“ Das erlebe sie und ihre Mitarbeiter täglich: Die Bedürftigkeit von kranken und behinderten Menschen, straffällige Jugendliche, die keinen Weg mehr zurück in die Gesellschaft finden, „ist sehr erschreckend“. Das möchte die Zevenerin ändern.

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