"Das Problem liegt am anderen Ende"

Interview: Lars Gutow spricht über Plastikmüll in den Ozeanen

+
Dr. Lars Gutow erforscht seit mehr als zehn Jahren Mikroplastik und Müll im Meer. 

Sottrum – Der Meeresbiologe Dr. Lars Gutow beschäftigt sich schon lange mit Mikroplastik und der Vermüllung der Meere. Seit mehr als zehn Jahren forscht er auf dem Gebiet und arbeitet aktuell am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Am Sonntag hält der Wissenschaftler zum Thema Plastik im Meer einen Vortrag beim Neujahrsempfang der Kreis-Grünen im Gasthaus Röhrs in Sottrum. Im Gespräch mit der Kreiszeitung spricht er darüber, wie der Müll, der auch hier an Land herumliegt, in die Ozeane gelangt, und warum es schwierig ist, die Meere vom Plastik zu befreien.

Herr Gutow, lässt sich beziffern, wie viel Müll in den Ozeanen ist?

Das ist natürlich sehr schwierig zu beantworten angesichts der Größe der Ozeane und der Mengen, die wir mittlerweile dort eingebracht haben. Es gibt eine wissenschaftliche Arbeit, die viel zitiert wird in diesem Zusammenhang. Sie wurde 2015 von Jenna Jambeck und Kollegen verfasst. Das ist eine Studie, die in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht worden ist. Die Autoren haben versucht, abzuschätzen, wie viel Kunststoffabfälle von den Küstenländern weltweit in die Ozeane eingetragen werden. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir mittlerweile geschätzte 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen haben. Dabei muss man sagen, dass Plastikmüll nicht der einzige Müll ist. Dieser macht rund drei Viertel des gesamten Mülls in den Ozeanen aus. Das heißt, es kommen nochmal 25 Prozent obendrauf. Das würde bedeuten, dass wir bei rund 200 Millionen Tonnen Müll sind.

Die Verschmutzung durch (Plastik-)Müll ist auch hier an Land sichtbar. Egal, ob man in der Stadt oder an Land schaut, es findet sich eigentlich überall etwas. Gelangt es von dort aus auch ins Meer?

Ja, auf jeden Fall. Der Kern des Problems liegt eigentlich an Land. Und das ist auch nicht überraschend, denn dort leben die Menschen und produzieren den Müll. Zum Teil wird der Müll, den wir in den Meeren finden, weit im Landesinneren produziert, gelangt dort irgendwie in die Umwelt – da kann man sich ja verschiedene Wege vorstellen – und dann häufig in Flüsse und letztlich darüber in die Ozeane. Das heißt also, der Großteil des Mülls stammt tatsächlich aus landbasierten Quellen.

Wie sehen diese Wege aus?

Die Wege sind sehr unterschiedlich. Ein Teil des Mülls wird fahrlässig in der Umwelt abgeladen. Das ist in Deutschland ein vergleichsweise geringer Anteil. Aber auch korrekt entsorgter Müll kann entkommen. Wir sehen das zum Beispiel bei uns auf den Straßen, wenn die Gelben Säcke rausgestellt werden. Da passiert es oft bei Sturm, dass sie hin und her geweht werden und aufreißen oder von Vögeln aufgepickt werden. Damit ist der Müll in der Umwelt. In vielen Ländern gibt es auch noch offene Müllhalden. Die sind nicht davor geschützt, dass die Abfälle wegwehen. Auf dem Meer wird Müll auch illegal entsorgt. Wieviel das ist, lässt sich jedoch nicht verlässlich abschätzen. Da gibt es mittlerweile auch Maßnahmen, die das reduzieren sollen, wobei es nach wie vor weit verbreitet ist. Was man auf dem Meer nicht vernachlässigen darf, ist die Menge an Fanggeschirren der Fischerei. Netze, die zum Beispiel beschädigt wurden oder irgendwo hängen geblieben sind, dann im Meer bleiben und nicht wieder auf das Schiff geholt werden.

Dass manche Menschen den Müll einfach in der Natur entsorgen, sieht man auch in einigen Ecken Rotenburgs. Müll, der irgendwann im Meer landen könnte. 

Einige Plastik-Einwegprodukte sind oder sollen verboten werden – Plastiktüten und Strohhalme beispielsweise. Bringt es überhaupt etwas, wenn man nur auf einzelne dieser Güter verzichtet?

Das bringt mit Sicherheit was. Es gibt ja Produkte, die sind so überflüssig, dass es vielleicht gar nicht so schade ist, wenn man sie mit einem Gesetz belegt, dass sie nicht mehr hergestellt werden dürfen. Dazu gehören Sachen wie Strohhalme oder Plastik-Geschirr. Aber wir müssen eigentlich viel weiter denken. Es sind vor allen Dingen die Verpackungen, die ein großes Problem sind. Die verwenden wir sehr exzessiv: Wir verpacken sehr viele Sachen, die überhaupt nicht verpackt werden müssten. Viele Lebensmittel, wie zum Beispiel Gemüse oder Obst, haben mit einer Schale eine natürliche Schutzhülle. Die nochmal in Kunststoff zu verpacken, ist einfach nicht nötig. Es würde auch viel bringen, wenn wir uns Gedanken machen würden über die Wiederverwendbarkeit von Verpackungen. Da steht an erster Stelle die Wiederverwendung, also gar nicht das Recycling. Es wäre das Beste, wenn wir diese Materialien nicht einer Prozessierung unterziehen müssten und wir sie, so wie sie sind, wiederverwenden könnten. Der nächste Schritt wäre das Recycling. Und da muss eben darauf geachtet werden, dass wir die Recycling-Quoten deutlich verbessern. Wir liegen in Deutschland im Moment bei 30 bis 40 Prozent. Im weltweiten Vergleich ist das sehr gut, aber insgesamt noch zu wenig. Das muss optimiert werden, die Verfahren, aber auch die Produkte müssen optimiert werden. Und zwar in einer Form, die das Recycling vereinfacht. Ein Beispiel sind die PET-Flaschen. Diese lassen sich vollständig recyceln, vorausgesetzt, sie werden sachgerecht entsorgt. Aus einer PET-Flasche lässt sich wieder eine PET-Flasche herstellen. Aber viele andere Verpackungsmaterialien sind aus verschiedenen Kunststoffsorten hergestellt und dadurch nicht wiederverwertbar.

Was kann man noch hier vor Ort gegen die Plastikverschmutzung tun?

Ich denke immer, dass es hilfreich ist, Sachen, die überflüssig sind, bewusst nicht zu kaufen. Und dass man das auch mitteilt, und es nicht nur stehen lässt. Dass man im Supermarkt sagt: „Ich würde dieses Produkt gerne kaufen. Das mache ich aber nicht, weil es übermäßig verpackt ist.“ Das bekommt natürlich erst mal die Verkäuferin zu hören, die auch nichts daran ändern kann. Aber wenn sie sich das vier oder fünf Mal anhören muss, geht sie vielleicht zu ihren Vorgesetzten und meldet die Beschwerden. Und dann muss sich der Chef was einfallen lassen.

Welche Rolle spielt die korrekte Mülltrennung?

Die korrekte Mülltrennung ist erforderlich, um ein effizientes Recycling beziehungsweise Wiederverwenden zu ermöglichen, das ist die Grundlage. Wir müssen die verschiedenen Kunststoffsorten voneinander getrennt bekommen, um sie überhaupt recyceln zu können. Das heißt aber auch, – da schließt sich der Kreis zu dem, was ich vorhin gesagt habe – die Recycling-Möglichkeiten müssen verbessert werden. Wir können noch so viel trennen, wenn wir letztlich einen großen Haufen, nämlich 60 Prozent, dieser ganzen Kunststoffe nicht wiederverwerten können, weil sie nicht sortenrein sind.

Es gibt schon einige Systeme, die den Müll aus den Meeren entfernen sollen. Was für Möglichkeiten gibt es da bisher?

Da gibt es verschiedene Ansätze, um den Müll wieder aus den Meeren zu entfernen. Aber grundsätzlich ist es so: Wenn wir das wirklich in einem Umfang betreiben wollen, dass substanzielle Mengen entfernt werden, dann muss es sehr unselektiv sein. Das bedeutet, wir müssen Methoden haben, mit denen wir große Mengen über große Flächen relativ kostenschonend entfernen können. Unselektive Methoden sind eigentlich fast immer mit der Verwendung von Netzen verbunden. Und Netze holen eben nicht nur Müll heraus, sondern auch Biomasse, Tiere und Organismen. Der Schaden, den wir dabei anrichten, ist meistens größer als der Nutzen. Anders ist es hingegen bei Strandreinigungen. Wenn wir etwa identifizieren, an welchen Stränden besonders viel angespült wird, können wir dort gezielt hingehen und diese Objekte einsammeln. Das ist natürlich ein deutlich kleinerer Teil, den wir dabei erwischen. Man muss auch darauf achten, dass man nicht mit schwerem Gerät an diese Strände geht, denn auch die sind Lebensräume für Organismen. Stattdessen sollte man die Objekte gezielt aufsammeln. Mit dem Entfernen des Mülls aus der Umwelt werden wir wahrscheinlich keine substanzielle Lösung für dieses Problem schaffen. Das Problem liegt wirklich am anderen Ende. Wir müssen den Eintrag vermindern. Das ist der Schlüssel zu der Sache.

Und gerade das wird ja mehr und mehr thematisiert, sei es in der Politik oder auch im Einzelhandel. Einwegprodukte werden von Mehrweg verdrängt – ein Beispiel sind Coffee-to-go-Becher. Sind die Menschen mittlerweile ausreichend sensibilisiert für das Müll-Problem?

Woran kann man messen, ob die Menschen genügend sensibilisiert sind? Ich wundere mich immer: Ich fahre durch die Gegend, halte relativ viele Vorträge und sitze manchmal vor einem Publikum, wo ich erstaunt bin, wieviel die eigentlich wissen. Da frage ich mich, warum die mich eigentlich noch eingeladen haben. Und am nächsten Abend stehe ich vor einem Publikum, die haben davon noch nie etwas gehört. Es ist mir ein Rätsel, wie die unterschiedlichen Informationskanäle funktionieren. Tatsächlich stelle ich aber doch fest, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung deutlich sensibilisiert ist. Ein schönes Beispiel erleben wir gerade bei dem Müll, der aus den in der Nordsee verloren gegangenen Containern entwichen ist. Da gibt es viele Bilder in den Medien. Interessanterweise wird in dem Zusammenhang immer berichtet, dass die Niederländer eine Strandpiraten-Mentalität hätten, denn dort darf man die Funde auch behalten. Wenn man die Leute aber zu Wort kommen lässt, und da war ich wirklich erstaunt, dann erzählen sie: „Dieses Zeug gehört nicht in die Umwelt, aus Plastik wird Mikroplastik“ und so weiter. Da musste ich feststellen, dass viele Menschen gut aufgeklärt sind. Ob es ausreichend ist? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hätten wir das Problem dann nicht.

Der Neujahrsempfang

Der Kreis- und der Ortsverband Sottrum der Bündnis 90 / Die Grünen veranstalten morgen einen Neujahrsempfang im Gasthaus Röhrs in Sottrum. Beginn ist um 11 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Zur Person: 

Dr. Lars Gutow ist seit 2005 als Wissenschaftler und Meeresbiologe am Alfred- Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven tätig. Er hat Biologie an der Freien Universität Berlin studiert und dort 2003 auch promoviert. Lars Gutow betreut unter anderem internationale Kooperationen, vor allem mit Kollegen aus Chile. Darüber hinaus absolvierte er Forschungsaufenthalte und Expeditionen zum Beispiel nach Island, Spitzbergen und in die Sargassosee. Sein geographischer Schwerpunkt liegt jedoch in der Nordsee. Neben der Müllverschmutzung der Meere, der er sich schon sehr lange widmet, sind außerdem die tropische Ökologie und Biogeografie seine wissenschaftlichen Fachgebiete.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Tosender Abschluss auf der Reload-Bühne - die besten Fotos vom Samstagabend

Tosender Abschluss auf der Reload-Bühne - die besten Fotos vom Samstagabend

Erster Bayern-Sieg dank Lewandowski - Leverkusen gewinnt

Erster Bayern-Sieg dank Lewandowski - Leverkusen gewinnt

Wasserfontänen und gute Laune - die Reload-Besucher am Samstag

Wasserfontänen und gute Laune - die Reload-Besucher am Samstag

Brokser Heiratsmarkt - Freitagnacht

Brokser Heiratsmarkt - Freitagnacht

Meistgelesene Artikel

Kirchenkreis trennt sich von Hasselberg

Kirchenkreis trennt sich von Hasselberg

Im Kinderwagenparadies

Im Kinderwagenparadies

Den Menschen geht es gut

Den Menschen geht es gut

Vom Schalter auf die Bühne

Vom Schalter auf die Bühne

Kommentare