„Ärzte ohne Grenzen“

Wo sonst keiner hin will

Britta Kölking arbeitet auch regelmäßig in der Notaufnahme,

Ganz ohne Angst geht es nicht. Das war Britta Kölking bewusst, als sie sich für den Einsatz gemeldet hat. Die Rotenburger Ärztin arbeitet für „Ärzte ohne Grenzen“ im Nord-Irak. In einer Region, wo der Krieg noch immer ein Thema ist.

VON MICHAEL SCHWEKENDIEK

Rotenburg – Dr. Britta Kölking ist beeindruckt – nicht nur von der fremden Umgebung, sondern vor allem auch von der Wärme und Herzlichkeit, mit der man die Ärztin aus Norddeutschland aufnimmt. Hawija liegt im Irak, etwa 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bagdad, in einer Region, die wegen ihrer Erdölvorkommen begehrt ist. Hier leben etwa 400.000 Menschen. Hawija ist aber nicht wegen des Erdöls bekannt, sondern als eine Region, die lange umkämpft und durch den „Islamischen Staat“ besetzt war. im Herbst 2017 gelang der irakischen Armee die Rückeroberung. Aber uneingeschränkt friedlich ist es seitdem noch lange nicht.

Schon seit 1988 arbeiten „Ärzte ohne Grenzen“ (Medicines sans frontiéres, MSF) im Irak und helfen, wo sie können; seit 2016 auch direkt in Hawija. Immer auf der Hut – trotz der Hilfe, die sie leisten. Rund um die Uhr bewacht in ihrer Station in Kirkuk, von der aus sie täglich ihre Einsätze starten. Kirkuk, eine Milliionenstadt, war während des letzten Krieges nicht zerstört und Anlaufpunkt für viele Flüchtlinge aus der umkämpften Region Hawija.

Die 32-jährige Kölking aus Rotenburg ist seit sechs Monaten vor Ort. Nach dem Medizinstudium in Hannover hat sie dort ihre Facharztweiterbildung als Internistin gestartet und noch eine Weiterbildung in Tropenmedizin in Hamburg absolviert. Sie hatte schon lange vor, einmal in der humanitären Arbeit Hilfe zu leisten. Im November 2018 wurde sie dann von MSF in den Nordirak entsendet. Die Angst ging mit – Ängste, die auch ihre Eltern in Rotenburg seitdem begleiten. Inzwischen aber sind auch Telefonate und E-Mails wieder möglich.

Kölking fällt auf. Nicht nur durch ihre Körpergröße, sondern auch noch dadurch, dass sie blond ist. Schon aus diesem Grunde hat sie sich entschlossen, sich den örtlichen Gepflogenheiten anzupassen und das übliche Kopftuch zu tragen. An jedem Morgen um 8 Uhr starten zwei MSF-Teams zu ihren Arbeitseinsätzen in der Region Hawija, eine gute Autostunde entfernt von Kirkuk. Vorher muss die Straße erst von irakischen Streitkräften auf Sprengsätze abgesucht werden. Danach bleibt sie gesäumt von unzähligen bewaffneten Check-Points. Als Sicherheitsbeauftragte ist Kölking während der Fahrt ständig mit dem Büro in Kirkuk verbunden. Das Gebiet ist nach wie vor militärisches Krisengebiet. Deshalb leben die MSF-Leute auch in Kirkuk. Die Region um Hawija ist nahezu komplett zerstört. MSF hilft dem irakischen Staat, die Gesundheitseinrichtungen und das Gesundheitssystem wieder aufzubauen. Langsam kehren immer mehr Flüchtlinge aus Kirkuk in ihre alte Heimat zurück und beginnen mit dem mühsamen Wiederaufbau. An den Krankenhäusern und Ambulanzen stauen sich schon die Patienten, wenn die Helfer von MSF auftauchen. Es fehlt an allem: an Diagnoseeinrichtungen (Röntgen, CT, Herzkatheter), an Medikamenten und nicht zuletzt an Transportmöglichkeiten für Schwerkranke.

Eine junge Frau kommt. Sie ist mit Zwillingen im siebten Monat schwanger und hat Blutungen. Sie müsste dringend von Hawija nach Kirkuk in eine entsprechend eingerichtete Klinik. Sie beginnt zu weinen und gibt zu verstehen, dass sie aufgrund persönlicher Umstände nicht in die Stadt fahren könne, bittet flehentlich um Medikamente, die es aber für diesen Fall nicht gibt. Da geht sie weinend weg. Eine 17-Jährige hat schwere posttraumatische Belastungsstörungen: Sie musste mit ansehen, wie ihr Bruder während des Krieges ermordet wurde. Da sie außerdem Typ-1-Diabetikerin ist, müsste sie eigentlich eine strikte Diät halten. Das schafft sie einfach nicht.

Aus Angst, irgendwann wieder in einen Krieg zu geraten, legen sich viele chronische Patienten Medikamente, die sie dreimal täglich einnehmen müssten, zurück für „schlechtere Zeiten“. Das ist natürlich absolut kontraproduktiv. Folgeerkrankungen wie Blindheit bei jungen Diabetikern oder Amputationen sind häufig. Viele Patienten berichten, so Britta Kölking, dass sie während des Krieges nahe Angehörige verloren haben oder mit ansehen mussten, wie Angehörige umgebracht oder gefoltert wurden. Diese furchtbaren Erfahrungen führen häufig zu psychischen Folgeerkrankungen.

Auch wenn Kirkuk in der etwas sicheren Zone liegt, ist das Leben für die MSF-Mitarbeiter nicht einfach. Sie wohnen in einem rund um die Uhr bewachten Haus, das sie tagsüber immer nur zu zweit in einem sehr begrenzten, kleinen Umkreis verlassen dürfen. Von ihren Einsätzen müssen sie rechtzeitig wieder zurück sein. Nach 20 Uhr ist Ausgangssperre. Kölking freut sich, dass es aber neben den wenigen internationalen Mitarbeitern auch sehr viele irakische gibt, die MSF beschäftigt. Durch sie bekommt Kölking „einen guten Einblick in die irakische Kultur und auch die Möglichkeit, die Sprache zu lernen.“ Ansonsten bleiben nach der Schreibtischarbeit am Abend noch ein Laufband zum Joggen, Yoga oder auch mal ein Fußballspiel auf einem kleinen Platz in der Nähe. Der Freitag ist – wie in allen islamischen Ländern – frei. „Aber einfach auch mal alleine zu sein oder irgendwo hinzugehen, abends mal in der Stadt einen Wein zu trinken oder draußen Sport zu machen, das fehlt mir persönlich doch sehr “, so die junge Internistin.

Langsam kehrt das Leben zurück. Jeden Tag eröffnen neue Läden, es wird überall eifrig gebaut, und MSF rekrutiert nun auch zunehmend irakische Mitarbeiter. So können die Kliniken in Hawija und Umgebung auch schon öffnen, bevor die Autos mit den MSF-Leuten aus Kirkuk kommen. Neben der praktischen medizinischen Arbeit übernimmt Britta Kölking darum auch zunehmend verschiedene Trainings für einheimische Ärzte und medizinische Angestellte. Bis sich die Situation im Irak wieder normalisiert, dürften noch viele Jahre vergehen. Der Krieg hat nicht nur Städte und Dörfer zerstört, sondern auch bei sehr, sehr vielen schwere körperliche und psychische Verletzungen verursacht. Die „Ärzte ohne Grenzen“ leisten – unabhängig von politischen religiösen und finanziellen Interessen – wertvolle und dringend benötigte Hilfe. Grundsätzlich kostenlos für alle, die nachfragen. Dazu wollte und will Britta Kölking „einen kleinen Teil beitragen.“

Ihr Vertrag läuft noch bis zum Sommer. Einen konkreten Plan, was sie dann machen wird, hat Kölking noch nicht. Aber ein weiteres MSF-Projekt könnte sie irgendwann durchaus wieder reizen. Ihre Eltern und Geschwister wären derweil froh, wenn sie erst mal wieder in Rotenburg ist.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Fotostrecke: Werder-Profis verabschieden sich in den Sommerurlaub

Fotostrecke: Werder-Profis verabschieden sich in den Sommerurlaub

100 Liter pro Quadratmeter: Straßen im Süden unter Wasser

100 Liter pro Quadratmeter: Straßen im Süden unter Wasser

Bewertungen beim Onlineshopping nicht blind vertrauen

Bewertungen beim Onlineshopping nicht blind vertrauen

Der Mann mit der roten Kappe: Niki Lauda bleibt unvergessen

Der Mann mit der roten Kappe: Niki Lauda bleibt unvergessen

Meistgelesene Artikel

Unfall auf der B71 zwischen Rotenburg und Hemsbünde: Mann in Lebensgefahr

Unfall auf der B71 zwischen Rotenburg und Hemsbünde: Mann in Lebensgefahr

Der Zusammenhalt zählt

Der Zusammenhalt zählt

„Jetzt ist eine rote Linie überschritten“

„Jetzt ist eine rote Linie überschritten“

Schwerer Verkehrsunfall auf der B75 führt zu Sperrung

Schwerer Verkehrsunfall auf der B75 führt zu Sperrung

Kommentare