Die Sonne scheint – und die Kleingärten erwachen zum Leben

Idylle auf 400 Quadratmetern

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Raissa und Harri Wilhelm können nicht ohne ihren Kleingarten.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Der Gartenschlauch bewässert die Beete an der Straße. Unter der Überdachung sitzt eine Familie und genießt ihren Sonntagnachmittag-Kaffee. Weiter hinten streicht eine junge Frau die Eingangspforte. Sie wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß aus dem Gesicht, doch sie macht einen glücklichen Eindruck. „Na, das wird ja langsam“, ruft Ulrich Jaursch herüber. „Es muss ja“, antwortet die junge Frau und schwingt weiter den Pinsel.

Jaursch ist seit fast 25 Jahren Vorsitzender des Kleingartenvereins „Friedland“. Er liegt zwischen der ehemaligen Bahnlinie Rotenburg-Visselhövede, der Wismarer Straße und dem Mauerseeweg. Seit 1951 ziehen die Mitglieder dort Gemüse und Obst. „Friedland“ ist einer von drei Rotenburger Kleingartenvereinen. Außer ihm gibt es „Heimat“ und „Heideblick“ – der vierte, „Ahe“, existiert inzwischen nicht mehr. Dafür wurde es in den bestehenden Anlagen in den vergangenen Wochen umso lebendiger. Sobald die ersten Sonnenstrahlen Erde und Luft erwärmen, sind die Kleingärtner in Aktion.

Raissa und Harri Wilhelm gehören zu diesem Menschenschlag. Sie und ihre Freunde eröffnen an diesem warmen Sonntagnachmittag sozusagen offiziell die Saison. Wer den kleinen Weg aufs Grundstück kommt, hört hinter dem Sichtschutz lautes Lachen. Seit neun Jahren haben Raissa und Harri Wilhelm ihre Scholle auf dem „Friedland“-Gelände. Beide sind schon weit über 70, erfreuen sich aber guter Gesundheit.

„Ohne Garten sterbe ich“, sagt Raissa Wilhelm laut lachend, „wenn ich hier bin, sind alle Krankheiten wie weggeblasen.“ Ihr Stück Land bedeute ihr alles. Das alles erklärt die agile Frau mit einem breiten Akzent. Raissa und Harri Wilhelm sind Anfang der 1990er Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Dort hatten sie ihre Datscha und pflanzten Obst und Gemüse zum Selbstversorgen an.

Nicht anders ist es in Rotenburg, ist doch der Kleingarten die hiesige Variante der Datscha. Mit einer weit ausholenden Handbewegung zeigt Raissa Wilhelm auf das, was sie und ihr Mann in den vergangenen Jahren geschaffen haben. Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Rote Beete, Gurken und Knoblauch wachsen auf den sauber angelegten, wie mit einem Lineal gezogenen Beeten. Dazu kommen Himbeeren, Johannisbeeren und Erdbeeren.

Der Kleingarten hat etwas paradiesisches, bestehend aus den Beeten, einem aufgeräumten Gewächshaus, einer mit reichlich Blumen geschmückten Sitzecke und der gemütlich eingerichteten Hütte. „Hier war nichts“, erinnert sich Harri Wilhelm an die Anfänge. Deshalb ist der bescheidene Mann umso stolzer auf das, was hier entstanden ist.

Das freut auch seinen Vereinschef Ulrich Jaursch. Er schaut bei jedem immer mal wieder vorbei. Gibt es Fragen? Muss etwas geklärt werden? Ulrich Jaursch hat nicht nur mit seinem eigenen Garten zu tun, sondern ist auch Ansprechpartner für die Vereinsmitglieder. Und er muss dafür sorgen, dass die Vorgaben des Bundeskleingartengesetzes eingehalten werden. Es schreibt beispielsweise den Pflanzenbesatz und die maximale Häusergröße vor.

„Uns sind da enge Grenzen gesetzt“, sagt der Chefkleingärtner. Wahrscheinlich habe ihr Ruf in Richtung Kleingeistigkeit und Engstirnigkeit seine Wurzeln. Dabei hat sich die Szene in den vergangenen Jahren angefangen zu verändern. Einige Bestimmungen des Kleingartengesetzes werden großzügiger ausgelegt. Wenn sich jemand mal nicht exakt an die Vorschriften hält, suchen die Beteiligten gemeinsam nach Lösungen.

Nur bei zu großen Häusern kennt Ulrich Jaursch kein Pardon. Die Mitglieder, die etwas Neues errichteten, müssten unterschreiben, dass sie sich an die geltenden Regelungen halten. Sonst drohe ihnen der Abriss. Das tut der Seele und der Geldbörse gleichermaßen weh, denn die Kleingärtner kaufen die Häuser und pachten lediglich das Grundstück. Die „Friedland“-Mitglieder haben in der Regel Gärten mit einer Größe zwischen 350 und 400 Quadratmetern.

Viele sind seit Generationen dabei, so etwa Jessica Loff. Sie ist die Tochter von Ulrich Jaursch und kann sich ein Leben, ohne irgendwie auf der Scholle zu werkeln, nicht vorstellen. „Der Kleingarten ist für die Kinder ein Spielparadies“, sagt die junge Frau, während sie mit ihrer jüngsten Tochter die Blumenrabatte bearbeitet. Derweil ist der Gatte am anderen Ende dabei, den Sommer vorzubereiten.

Papa und Opa Ulrich Jaursch geht weiter den Hauptweg entlang. Er weist auf das unterschiedliche Aussehen der Hütten hin. Zwei Parzellen von Jessica Loffs Land entfernt steht ein Häuschen in Weiß und Hellblau, auf der anderen Seite sticht eines in süßem Babyrosa heraus. Daneben sind die unscheinbaren braunen Häuser. Dort offenbaren sich die Unterschiede: Die bunten Häuser gehören Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion wie Raissa und Harri Wilhelm. Diese Menschen haben ihre Tradition in Sachen Anstrich mitgebracht. Dass sie da sind, ist für Ulrich Jaursch ein echter Glücksfall. „Ohne diese Menschen ließen sich viele Gärten gar nicht vermieten“, weiß er.

Der Nachwuchs ist nach Auskunft von Hannelore Bocho das größte Problem für die Vereine. Sie ist kommissarische Vorsitzende des Kleingartenbezirks Rotenburg, in dem die drei lokalen Vereine zusammengeschlossen sind. Hannelore Bocho schätzt, dass 70 Prozent der Aktiven älter als 50 Jahre sind. „Zu unseren Versammlungen kommen wenig junge Leute“, sagt sie. Entsprechend sei es schwer, Nachwuchs für die Führungsorgane zu finden.

Dabei freuen sich die Landesverbände und der Bundesverband darüber, dass Kleingärten bei jungen Leuten wieder voll im Trend liegen. Wer lediglich in einem Wohnblock lebe, freue sich über das eigene Stück Natur, lassen die Funktionäre gerne verbreiten. Untermauern können sie dies mit Zahlen und Statistiken. In Rotenburg indes sei es anders. „Wir sind eher eine ländliche Gegend“, sagt Hannelore Bocho, „junge Familien bauen eher ein Haus, als sich einen Kleingarten zu holen.“

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