Viele Anrufe unerfahrener Besitzer

Sommerzeit, Reisezeit: Was passiert mit den Haustieren?

Ein Hund liegt im Gras.
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Die Nachfrage nach einem Hund oder einer Katze ist gestiegen, doch mit der Rückkehr in einen normaleren Alltag sind viele Halter überfordert.

Rotenburg – In den vergangenen Monaten haben Anfragen nach Haustieren stark zugenommen. Hunde, Katzen und Co. – in der Pandemie war dank Homeoffice, Homeschooling und ohnehin mehr Zeit in den eigenen vier Wänden die Nachfrage groß. Doch das Homeoffice ist beendet, der Betrieb in den Schulen läuft. Zudem stehen die Sommerferien vor der Tür, viele Menschen planen wieder Reisen nach dem langen Lockdown – und jetzt sind die Tiere vielen im Weg.

Tierfreunde und -verbände schlugen während des Lockdowns bereits Alarm, mahnten, dass Halter den Aufwand – und die Kosten – unterschätzen würden. Das ist auch die Erfahrung, die die Hellweger Züchterin Berit Jack in ihrer Hundeschule macht: Mit der Urlaubszeit merken viele, dass sie ihre Entscheidung besser hätten überdenken sollen. Sie können alle zurückgekehrten Aufgaben plus Tier nicht mehr stemmen.

Jetzt, wo Reisen wieder möglich sind, vor allem mit dem Flugzeug, bekomme Jack die Frage nach einer passenden Pension häufiger. Wenn sie nachhakt, gibt es zwei Reaktionen: Die einen legen direkt auf, andere lassen mit sich reden, brauchen aber Hilfe. „Die meisten denken darüber nach und wollen ihren Hund nicht direkt zurückgeben, aber unterbringen.“

Aus Züchtersicht merkt sie hingegen, dass die Nachfrage nicht sinkt. „Wir züchten aber auch Broholmer, eine seltene Rasse. Da ist die Nachfrage immer groß“, fügt sie an. Bei Zuchthunden ist die Unterbringung selten ein Thema, da sich die Besitzer die Anschaffung gut überlegen. Bei Auslandshunden oder Tieren von Schwarzzüchtern sieht das anders aus. Das merkt sie dann in der Hundeschule: Die Besitzer haben sich das Leben mit Tier leichter vorgestellt, jetzt relativiert sich das. „Manche wollen unbedingt raus und dann stört sie der Hund.“ Davon abgesehen, dass viele den Sachkundenachweis, den „Hundeführerschein“, der sie befähigt, einen Hund zu halten und ihn im Griff zu haben, nicht haben – und überfordert sind, es aber auf den Hund schieben.

Weiterhin hohes Interesse - und viele heimatlose Katzen

Auch der Tierschutzverein Tasso verzeichnet weiter hohes Interesse: „Es scheint nach wie vor, dass gerade in den letzten Monaten die Nachfrage nach Haustieren weiterhin hoch war“, erklärt Birgit Schramm, Leiterin PR und Marketing. Tasso warnt aber ohnehin davor, sich überstürzt für die Aufnahme eines Tieres zu entscheiden, „da ein solcher Schritt zum Wohle des Tieres genau überdacht werden sollte“. Halter müssten sich eben auch darüber im Klaren sein, dass Tiere Geld und Zeit kosten. Und auch in der Urlaubszeit gibt es Möglichkeiten, mit dem Tier zu verreisen. Doch wenn die Reise zu weit und umständlich und damit stressig für die Fellnase ist, ist eine Betreuung bei Bekannten, Verwandten oder in einer Pension die bessere Lösung – die Autobahnraststätte ist es sicher nicht.

Bei der Tierhilfe Rotenburg laufen indes „die Drähte heiß“, sagt Kerstin Cordes vom Vorstand: „Heute hatte ich vor acht Uhr einen Anruf aus Schwerin, ob wir eine Mutterkatze mit Kitten aufnehmen können. Die Entfernungen werden immer größer, weil viele Tierheime an den Kapazitätsgrenzen sind.“

Am Tag zuvor sei ein etwa acht Wochen alter Kater am Straßenrand in Lengenbostel aufgegriffen worden. Er habe noch nach Parfüm gerochen und sei Passanten hinterhergelaufen. „Ähnliche Geschichten hatten wir in der vergangenen Woche drei Mal“, so Cordes.

Die Katzenmütter seien oft noch jung. „Es könnte gut sein, dass sie zu Coronazeiten angeschafft wurden, das Kastrieren aber versäumt wurde. Dann werden sie trächtig ausgesetzt und suchen sich irgendwo einen Garten oder, so wie in einem Fall, im Baumarkt einen Platz zum Gebären.“ Die Tiere seien fast alle mit Menschen vertraut, was darauf schließen lasse, dass sie aus Haushalten kommen. „Das macht einen traurig und wütend zugleich.“

Die Menschen, die die Tierhilfe kontaktieren, seien sehr unterschiedlich. „Einige helfen mit, suchen Rat und sind froh über jede Hilfe – andere sagen kurz und knapp: ,Hier ist eine Katze, die muss weg. Holt die mal ab. Dafür seid ihr ja schließlich da.‘“

Tierschutz gehe aber alle an und jeder könne helfen und sich kümmern, findet Cordes. Sie erinnert daran, dass in den Vereinen wie der Tierhilfe ehrenamtlich gearbeitet werde. „Unsere Kapazitäten sind begrenzt. Eigentlich haben wir auch noch ein Leben neben dem Tierschutz, welches momentan aber zu kurz kommt. Und arbeiten müssen wir auch fast alle voll.“

Vergangene Woche habe ich bei 40 Kitten in unserer Obhut aufgehört zu zählen. 

Kerstin Cordes von der Tierhilfe Rotenburg

Die Tierhilfe verzeichne einen höheren Zulauf als in den Vorjahren: „Vergangene Woche habe ich bei 40 Kitten in unserer Obhut aufgehört zu zählen. Mittlerweile sind schon wieder welche dazu gekommen. Allein bei mir Zuhause habe ich sieben Kitten und eine Mutterkatze, dazu noch meine eigenen.“

Im Tierheim in Mulmshorn seien laut Silke Wingen vom Tierschutzverein für den Landkreis Rotenburg bislang keine Hunde oder Katzen abgegeben worden, weil die Tierhalter wieder ins Büro müssen: „Wir hatten aber Anrufe von Hundebesitzern, die deshalb Probleme haben, weil ihr Hund nicht alleine bleiben kann. Wir beraten dann und vermitteln weiter, damit sie die Hilfe bekommen, die sie brauchen.“

Auch Wingen berichtet von „etlichen Anrufen unerfahrener Hundebesitzer“, die Tiere aus dem Ausland aufgenommen haben und nun Schwierigkeiten haben: „Die Halter kommen nicht damit klar, dass die Tiere nicht sofort funktionieren. Die Hunde sind oft noch nicht sozialisiert, zum Teil verängstigt und müssen sich erst auf die neue Situation einstellen. Wenn wir erklären, dass das Wochen, Monate oder gar Jahre braucht, sind die Halter oft geschockt und selten bereit, so lange zu warten.“ Oft würden diese keine Tipps annehmen, kritisiert Wingen: „Unsere Bitte, sich an eine Hundeschule zu wenden, stößt bei diesen Menschen selten auf offene Ohren.“

Strafbare Fundtierunterschlagung

Die Nachfrage nach Hunden aus dem Ausland sei während der Pandemie deutlich angewachsen: „Hiesige Züchter können den Bedarf zum Teil nicht decken oder bieten die Tiere wegen der hohen Nachfrage teurer an. Das bringt Auslandshunde in den Fokus. Vor allem kleine Hunde und Welpen.“

Wenn Katzen abgegeben werden, habe das meist den Grund, dass sie sich mit anderen Artgenossen im Haushalt nicht vertragen. „Wir hatten bisher erst eine Abgabeanfrage, weil der Besitzer den Arbeitsplatz wechseln musste und deshalb nicht mehr ausreichend Zeit hatte.“ Nur selten komme es vor, dass Hunde oder Katzen ausgesetzt werden. „Wir rechnen nicht damit, dass das in den Ferien zu einem größeren Problem wird.“

Dafür mache ihr etwas anderes Sorgen: „Im Moment werden sehr viele Katzen vermisst, die nie wieder auftauchen.“ Ihr Verdacht: Weil die Nachfrage groß sei, komme es vor, dass Menschen Tiere, die sie gefunden haben, behalten oder bei eBay Kleinanzeigen verkaufen. „Das ist einerseits Fundtierunterschlagung und strafbar, andererseits nimmt das dem Besitzer die Chance, sein geliebtes Haustier wieder bei sich zu haben. Mit diesen Katzen wird im Moment viel Geld gemacht“, kritisiert Wingen.

Das sorge außerdem dafür, dass die Statistiken über entlaufene oder streunende Katzen verfälscht werden. „Wir brauchen verlässliche Zahlen, um mit den Gemeinden über die Kastrationspflicht zu sprechen“, so Wingen. Katzen, die online verkauft werden, seien meist unkastriert, nicht geimpft und gechipt.

Auffällig sei zudem, dass kaum überfahrene Katzen gemeldet würden. „Wenn es so wäre, wäre das sehr gut. Es ist aber im Vergleich zu anderen Jahren auffällig. Der Bauhof hat in diesem Jahr noch kein Tier bergen müssen, wir auch erst zwei Katzen. Im vergangenen Jahr waren es noch 15 tödlich verletzte Tiere.“

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