Gemeinschaft etwas anders

„Social (Media) Heroes“ in der Rotenburger Jugendherberge

Mit verschiedenen Spielen zeigen die Teamer um Jan-Christian Schmale (h.l.) den Jugendlichen, wie sie sich in gewissen Situationen verhalten sollten.
+
Mit verschiedenen Spielen zeigen die Teamer um Jan-Christian Schmale (h.l.) den Jugendlichen, wie sie sich in gewissen Situationen verhalten sollten.

In der Jugendherberge der Wümmestadt herrscht wieder Leben: Drei Gruppen Kinder und Jugendlicher aus ganz Niedersachsen sind im Rahmen einer Lern-Freizeit vor Ort. Sie befassen sich eine Woche lang mit den sozialen Netzwerken und wie sie sich darin sicher bewegen können.

Rotenburg – „Ich bin ein Pinguin!“ Thea Dannek legt die Hände an die Hüften und watschelt los. Um sie herum sitzt eine Gruppe Zwölf- bis 16-Jähriger und versucht, mit bestimmten Regeln den einzig freien Stuhl, die „Scholle“, in dem Raum der Rotenburger Jugendherberge immer wieder neu zu besetzen, damit Dannek ihn nicht erreicht. Mehrere Minuten, verkündet die Gruppe großspurig, könnte sie das sicher durchhalten. Beim ersten Durchgang schaffen sie es kaum acht Sekunden.

Nach mehreren Runden ist klar: Kommunikation, miteinander arbeiten, ist hier das Stichwort. Mit Erfolg: Drei Minuten schaffen sie es tatsächlich am Ende, den „Pinguin“ fernzuhalten. „Es ist fast unmöglich, länger als eine Minute ohne Absprache zu schaffen“, erklärt Jan-Christian Schmale. Er ist der dritte Vorsitzende des Vereins „Helden“, der erlebnispädagogische Angebote vor allem für Schulen, aber in den Ferien auch in Form von Freizeiten auf die Beine stellt. Gemeinsam mit den Teamern Dannek und Lilia Reichenborn organisiert er die Freizeit „Social (Media) Heroes“, die in das Projekt „Lernräume“ des niedersächsischen Kultusministeriums fällt und von diesem komplett finanziert wird. Damit werden Kindern und Jugendlichen Angebote ermöglicht, die in Zeiten der Pandemie mit vielen Einschränkungen umgehen müssen.

In einer Woche lernen die jeweils 25 Teilnehmer der drei Gruppen aus ganz Niedersachsen, wie sie sich gegen Cyber-Mobbing wehren können und wie sie sich auf Plattformen wie Instagram, Tiktok und Co. sicher bewegen. Auch einen mobilen Escape Room durchlaufen die Schüler: Die Teamer präsentieren ihnen eine Geschichte von zwei verschwundenen Kindern, anhand von deren Schreibtischen und Chatverläufen sollen sie Hinweise entschlüsseln und so nachvollziehen, was passiert ist. Dabei geht es unter anderem um Cyber-Grooming, also wenn Täter im Internet nach ihren Opfern suchen und so einen sexuellen Missbrauch vorbereiten.

Sozialpsychologische Experimente

Es sind starke Themen, mit denen die Schüler in sozialpsychologischen Experimenten spielerisch konfrontiert werden. Themen, die aber schnell Alltag werden können. Würde man ihnen mit dem erhobenen Zeigefinger kommen, würden sie abblocken. Dennoch: Man könnte es ein wenig mit einem Seminar für Erwachsene vergleichen, sagt Schmale. Es ist eine Herausforderung. Aber: Sie nehmen etwas mit. „Sie werden belohnt durch die Gruppendynamik“, sagt Schmale. Negative Effekte fallen schnell auf, werden direkt angesprochen.

Den nachhaltigen Effekt haben die „Helden“, die das Projekt Lernräume schon im vergangenen Jahr begleitet haben, bereits evaluiert. „Da gibt es eine sehr hohe Quote. Und selbst wenn wir nur einen erreichen, ist viel geschafft!“ Dabei stehen die Teamer mit den Schülern auf einer Stufe, berichten ungeschönt von eigenen Erfahrungen – positiven als auch negativen.

Aber: Spaß und Gemeinschaft stehen im Vordergrund, denn es ist immer noch eine Freizeit. Wenn auch eine der etwas anderen Art, eine mit Lerneffekt. Ein „außerschulisches Klassenzimmer“ nennt es Jugendherbergsleiterin Rita Toll. Praktische Aufgaben und Aktionen bringen den Kindern und Jugendlichen Spaß, und sie machen mit. Auch, wenn der ein oder andere manchmal kurz die Stop-Taste drücken möchte, gibt Schmale zu.

Mit Gleichaltrigen zusammen sein, Spaß haben, ein bisschen Freiheit fühlen: Es sind Dinge, die für Kinder und Jugendliche im vergangenen Jahr deutlich zu kurz kamen. „Sie vermissen die Gemeinschaft“, sagt Toll, die das Haus seit 1993 leitet. Umso schöner sei es, dass seit dem 1. Juli wieder Leben in der Jugendherberge ist. Nach monatelanger Pause macht die Einrichtung ihrem Namen wieder alle Ehre.

Eine richtige Perspektive fehlt noch immer

Denn bis auf eine kurze Öffnung im vergangenen Sommer herrschte auf den Fluren lange gähnende Leere. Sie haben die Zeit zwar genutzt, sich auf die Öffnung vorbereitet und einiges auf Vordermann gebracht, erklärt Toll – doch die Perspektive fehlte. Selbst jetzt ist da noch ein Fragezeichen, obwohl sie, wie sie betont, positiv denken. Zwar stehen die ersten Klassenfahrten wieder im Kalender, ob sie aber fahren können, werden die kommenden Wochen zeigen. Auch viele Familien sind verunsichert, fragen direkt bei der Buchung, ob sie auch wieder stornieren können. „Ja, aber nur wegen Corona“, merkt Toll an – ein bisschen Sicherheit braucht sie.

Doch in der Planung ist ohnehin einiges anders. Es ist ein Schauen von Woche zu Woche, zum Beispiel mit dem Einkaufen. „Wir planen jetzt noch sorgfältiger, als es ohnehin notwendig ist.“ Sie wünscht sich auch für den hübschen Innenhof noch eine Überdachung statt der akutellen Riesen-Regenschirme. „Aber im Moment sind andere Dinge wichtiger.“ Auch sind ihr viele Partner weggebrochen, mit denen sie gemeinsam Angebote startet. Erlebnispädagogik, Veranstaltungen – manch einer hat sich umorientiert.

73 Zimmer könnte Toll vermieten, durch den Hygieneplan sind es weniger. Auch die Gruppen der „Lernräume“ sind getrennt – um im Fall einer Erkrankung keine Durchmischung zu haben. Sie haben eigene Tische beim Essen, dort herrscht Einbahnstraße und Maskenpflicht überall im Gebäude – Spielregeln, die notwendig sind und auch eine gewisse Form von Sicherheit geben, erklärt Toll. Und es sei in diesem Jahr schon entspannter, „weil man damit umgehen kann“. Trotzdem ist es weiter viel Aufwand, zum Beispiel durch das Aufnehmen der Kontaktdaten. „Das Gemeinschaft erleben findet im Moment anders statt, als wir es kennen.“ Aber immerhin, sie findet wieder statt. Und der fröhlichen Lautstärke der Teilnehmer nach zu urteilen, finden diese das richtig gut.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Die übelsten Fehltritte von Armin Laschet

Die übelsten Fehltritte von Armin Laschet

Die deutschen Bundeskanzler und die Bundeskanzlerin seit 1949

Die deutschen Bundeskanzler und die Bundeskanzlerin seit 1949

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Meistgelesene Artikel

Zu schnell und nicht angeschnallt: 19-Jähriger stirbt bei Autounfall

Zu schnell und nicht angeschnallt: 19-Jähriger stirbt bei Autounfall

Zu schnell und nicht angeschnallt: 19-Jähriger stirbt bei Autounfall
Bürgermeisterwahl in Sottrum: Der Dreikampf

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Der Dreikampf

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Der Dreikampf
Bürgermeisterwahl in Sottrum: Es geht in die Stichwahl

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Es geht in die Stichwahl

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Es geht in die Stichwahl
Bald mehr Zeit auf dem Hochsitz

Bald mehr Zeit auf dem Hochsitz

Bald mehr Zeit auf dem Hochsitz

Kommentare