Vom Mitteilungsblatt zur Lokalzeitung – Die Entwicklung der Lokalpresse bis 1945

Im Sinne der Obrigkeit

Rotenburger Anzeiger vom 31. Januar 1933: Adolf Hitler wird zum Reichskanzler ernannt. Die spätere Gleichstellung der Presse in Deutschland macht auch vor Rotenburg nicht halt.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Der „Rotenburger Anzeiger“ bietet alles das, was die gemeine Landbevölkerung braucht. Es gibt einen „Amtlichen Teil“ und einen „Nichtamtlichen Teil“. Und dann sind da noch „Provinzielles“, „Lokales aus dem Kreise“ sowie „Deutsches Reich“. Es sind die Rubriken aus dem Jahr 1900 – typisch für eine Zeitung, die einst von der Obrigkeit genehmigt worden ist. Die Obrigkeit hat Anfang des 20. Jahrhunderts ein gestrenges Auge auf die lokalen, regionalen und erst recht auf die im ganzen Reich vertriebenen Medien. Denn eine freie Berichterstattung, die gibt es zu Kaisers Zeiten nicht. Im Gegenteil.

Gedruckte Informationen werden ganz bewusst anfangs als „Mitteilungsblätter“ gedruckt. Und das auch nicht täglich. Zuerst gibt es sie wöchentlich, dann drei Mal in der Woche. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts erscheinen sie öfter. Der „Rotenburger Anzeiger“ schafft es immerhin ab 1908, an vier Tagen in der Woche zu erscheinen. Der Schritt zur Tageszeitung gelingt erst 1919.

Trotz des bescheidenen Umfangs liefern die alten Ausgaben oftmals aus heutiger Sicht zum Schmunzeln anregende Einblicke in das Leben der guten alten Zeit. So berichtet der Anzeiger in seiner Ausgabe vom 4. Januar 1900 zum Beispiel über den „Seniorenkonvent des Reichstages zur Vereinbarung der Geschäftsdispositionen“. Die Leser erfahren zudem stets die aktuellen Getreidepreise und es gibt einen aufklärerischen Artikel über „Die gesetzliche Erbfolge nach dem Bürgerlichen Gesetzbuche“. Auch Musterungstermine für das Kaiserliche Heer und alle neuen Nachrichten zur Maul- und Klauenseuche auf den hiesigen Höfen bringt der „Rotenburger Anzeiger“.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die großen Ereignisse in der Welt an den Lesern vorübergingen. Dazu gehört der sogenannte Boxeraufstand im Jahr 1900: „Ein bei ,Wolfs-Bureau’ heute früh eingetroffenes Telegramm des Kaiserlichen Konsuls in Tschisu meldet: Admiral Seymour ist 14 Kilometer von Tientsin von Chinesen umzingelt. Seine Verluste betragen 62 Todte und 200 Verwundete. Er verlangt sofort 200 Mann Hilfstruppen, welche am 25. Juni morgens von Tientsin unter russischem Oberkommando ausrückten.“

Damals wie heute sind die Publikationen auf Anzeigen angewiesen. Dies begrüßten die Gewerbetreibenden, hatten sie doch sonst kaum eine Möglichkeit, auf sich, ihre Produkte und ihre Dienstleistungen aufmerksam zu machen. Wer „Seiden-Blousen“ von Henneberg, dem Hoflieferanten der österreichischen Monarchie, benötigt, erfährt es durch eine Kleinanzeige im „Rotenburger Anzeiger“. Übrigens müssen die Damen „Mk. 3.90“ auf den Tisch legen.

Ein gutes Geschäft schon damals sind Geschäftsübergaben – wie zum Beispiel von Georg Behr an Georg Brockmeyer: „Hierdurch beehre ich mich, ergebenst anzuzeigen, dass ich am heutigen Tage mein Geschäft an den Kaufmann Herrn Georg Brockmeyer abgetreten habe. Indem ich mich von meiner lieb gewordenen Kundschaft unter herzlichem Dank für das mir während der langen Jahre entgegengebrachte Vertrauen verabschiede, erlaube ich mir zugleich, meinen Nachfolger dem Wohlwollen meiner wehrten Kunden angelegentlich zu empfehlen. Hochachtungsvoll, Georg Behr.“ Und Georg Brockmeyer teilt mit: „Bezugnehmend auf obenstehende Anzeige theile ich einem geehrten Publikum von Rotenburg und Umgegend ergebenst mit, dass ich das bislang von Herrn Georg Behr geführte Manufactur-, Modewaaren-, Aussteuer- u. Confections-Geschäft käuflich erworben habe und dasselbe von heute an in unveränderter Weise unter der Firma Georg Brockmeyer Georg Behr Nachfolger weiterführen werde.“

Dem Charakter des Mitteilungsblatts kommt der Anzeiger zum Beispiel auch dadurch nach, dass nicht nur die aktuellen Preise für Vieh und Getreide abgedruckt wird. Zum Informationsauftrag gehört es ebenso, die jeweils aktuellen Fahrpläne der Eisenbahn zu veröffentlichen.

Das Jahr 1919 ist eine Zäsur für die Zeitungslandschaft im Landkreis Rotenburg. Aus dem bislang vier mal wöchentlich erscheinenden Mitteilungsblatt wird eine Tageszeitung. Eigentlich hat Heinrich Schelper, zuerst Geschäftsführer und dann Inhaber des „Rotenburger Anzeiger“, diesen Schritt schon 1914 vor. Doch ihm funkt der Erste Weltkrieg dazwischen. Doch jetzt, mit der Gründung der Weimarer Republik, ergibt sich eine bis dato einmalige Chance – zumal es keine staatlichen Repressalien mehr gegen die Presse gibt. Zumindest in der Theorie.

Die Berichterstattung ist durchmischt. Auf Reichsebene klingen immer wieder nationalistische Töne durch. Lokal geht es ein wenig betulicher zu. Doch im Zweifel, so lassen die alten Ausgaben vermuten, ergreift der „Rotenburger Anzeiger“ Partei im Sinne der nationalen Sache. Und die heißt in erster Linie, die „Schmach von Versailles“ zu beseitigen. Auch der Umstand, dass Schelper nicht nur Verleger ist, sondern sich in Rotenburg politisch engagiert sowie Mitglied in diversen Vereinen wie der Kyffhäuser-Kameradschaft ist, legt diese Vermutung nahe. Schelper ist ab 1921 Mitglied des Bürgervorsteher-Kollegims für die Bürgerliche Liste Rotenburg sowie von 1928 bis 1935 Senator – bis zu seiner Amtsenthebung durch die Nationalsozialisten.

Technisch kommen die Tageszeitungen inzwischen ganz anders daher. Sie sind jetzt in der Lage, Karikaturen beziehungsweise Zeichnungen und Fotos zu drucken. Natürlich nur in Schwarz-Weiß. Dies hilft natürlich insbesondere den braunen neuen Machthabern. Die inzwischen erfolgte Gleichstellung der Presse in Deutschland macht logischerweise auch vor Rotenburg nicht halt.

Schelper muss sich diesem Druck beugen. Fortan ist der „Rotenburger Anzeiger“ der Nazi-Propaganda ausgeliefert. Zensur inklusive. Zum 30. September 1939, vier Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, verkauft Schelper mangels Erben seine Zeitung an den Verleger Karl Sasse aus Visselhövede. Der Neue an der Spitze macht aus dem 1905 gegründeten „Visselhöveder Landboten“ und dem „Rotenburger Anzeiger“ die „Kreis-Zeitung für den Kreis Rotenburg im Hann.“. Vier Jahre später wird daraus der heutige Name „Rotenburger Kreiszeitung“. Im April 1945 stellt sie ihr Erscheinen vorerst ein.

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