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Simbav startet Eltern-Kind-Gruppe für Flüchtlingsfamilien: Ein Willkommensprojekt

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Von: Ann-Christin Beims

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Auf den Gruppenstart am Mittwoch bereiten sich Elena (2.v.l.) und Viktoria Schreiner (r.) vor. Andrea Heckmann (l.) und Ina Helwig unterstützen sie dabei.
Auf den Gruppenstart am Mittwoch bereiten sich Elena (2.v.l.) und Viktoria Schreiner (r.) vor. Andrea Heckmann (l.) und Ina Helwig unterstützen sie dabei. © Beims

Elena und Viktoria Schreiner sind bereits fleißig: Sie leiten ab Mittwoch im Rotenburger Zentrum für Familien eine Simbav-Gruppe für ukrainische Familien und bereiten dafür gerade alles vor. Willkommen ist jeder, und auch für die älteren Kinder der Flüchtlinge ist gesorgt: Für sie wird es Kreativ-Angebote geben.

Rotenburg – Willkommen steht in großen Buchstaben auf dem Plakat – sowohl auf Deutsch als auch auf Ukrainisch. Dazu Worte wie Hoffnung, Liebe und Frieden. Worte, die in diesen Zeiten nochmal eine besonders große Bedeutung haben. Elena, Viktoria und Viktorija Schreiner haben sich sehr viel Mühe damit gegeben, denn sie wollen den Flüchtlingen und ihren Kindern zeigen, dass sie beim Familienforum Simbav genau das sind: willkommen. Die drei russischsprachigen Frauen leiten neben Gesine Griephan, zweite Vorsitzende von Simbav, das neue Gruppenangebot für ukrainische Familien, das ab Mittwoch von 15.30 bis 17 Uhr startet.

Zum ersten Mal gibt es gleich vier Gruppenleiterinnen. Zwei von ihnen werden sich um ältere Kinder kümmern, zwei sind für Eltern mit Kleinkindern da. Denn: „Noch wissen wir gar nicht, wer kommt“, sagt Simbav-Leiterin Ina Helwig. Sie weiß, dass es auf dem Campus Unterstedt derzeit 13 Frauen mit insgesamt 18 Kindern unter 18 Jahren gibt. Außerdem steht das kostenlose Angebot natürlich auch all jenen offen, die privat untergebracht sind. Niemand muss sich vorher anmelden.

„Und sie können auch alle anderen Angebote von Simbav nutzen“, meint die Leiterin. Für den Anfang sollen sie aber ankommen können, das Erlebte und die neuen Eindrücke verarbeiten. Sie haben oft in aller Eile ihre Heimat verlassen und „mussten Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob es die richtigen sind“. Vielen fällt bereits die Decke auf den Kopf, gerade den Kindern. „Sie sollen sich geborgen fühlen und eine Möglichkeit haben, rauszukommen.“ So haben sie einen Ort, an den sie kommen und nach und nach in die anderen Angebote reinschnuppern können. Langfristig ist es das Ziel, sie in die anderen Gruppen zu integrieren. „Aber jetzt braucht es erstmal ein Angebot mit niedriger Hemmschwelle.“

Ukrainischsprachige Leiterinnen gibt es zwar nicht, doch haben sich die Schreiners direkt bereit erklärt, das erstmals zu machen. Sie wissen selber, wie es ist, hier anzukommen und niemanden zu kennen – geschweige denn die Sprache zu sprechen. Wobei diese trotzdem eine Herausforderung wird – notfalls muss es mit Händen und Füßen gehen. Ein wenig Sorge haben die Drei, dass ihre Hilfe als gebürtige Russen nicht erwünscht sein könnte. „Aber wir sind nicht die Schuldigen“, macht Viktoria Schreiner klar. Sie wollen helfen, in dem Rahmen, der ihnen möglich ist. „Und bei Simbav gibt es keine Diskriminierung.“

Kinder der Flüchtlingsfamilien: Wie geht es weiter?

Immer mehr Flüchtlinge aus der Ukraine erreichen den Landkreis Rotenburg. Die einen kommen über die Landesaufnahmebehörde, andere sind auf privaten Wegen zu Verwandten oder Freunden gereist. Zum Großteil sind es Frauen und Kinder. Einige sind auf dem Campus Unterstedt untergekommen. Die Familien haben Anspruch auf Kinderbetreuung. Noch gibt es Reserven bei den Kindertagesstätten, zum Beispiel im Neubau in Unterstedt, wobei der Altbau voraussichtlich ebenfalls weiter betrieben wird. „Aber wenn die Ströme so stark werden, wie wir vermuten, wird das nicht reichen“, erklärt Rotenburgs Bürgermeister Torsten Oestmann. Momentan müsse man von Tag zu Tag schauen. Ist das Kind im entsprechenden Alter und der Aufenthaltsstatus geklärt, ist es schulpflichtig. Darauf hatte Erster Kreisrat Torsten Lühring in der jüngsten Kreistagssitzung hingewiesen. Das geschieht in Rotenburg bisher problemlos: Die ersten ukrainischen Kinder konnten an Grundschulen angemeldet werden. „Die Schulen haben sich darauf vorbereitet“, so Oestmann und verweist darauf, dass beispielsweise Schulranzen organisiert wurden. Es sei Ziel, die Kinder in Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten. Dazu gibt es das Netzwerk „Deutsch als Zweitsprache (DaZ)“, das im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 gegründet wurde, so Lühring. Bei einem Treffen der Netzwerkteilnehmer, zu denen das Regionale Landesamt für Schule und Bildung ebenso gehört wie interessierte Lehrer, soll die Unterrichtsarbeit abgestimmt werden.
Unter den Flüchtlingen werden auch unbegleitete Minderjährige sein. „Viele haben ihre Kinder mit einem Zettel um den Hals in ihrer Not losgeschickt“, so Helwig. Um deren Betreuung sowie die Erstversorgung und Unterbringung kümmert sich das Jugendamt, wenn ihm Jugendliche von der Landesverteilstelle zugeteilt werden. Sollte jemand privat einen Minderjährigen aufgenommen haben, müssen die Helfer ebenfalls Kontakt mit dem Jugendamt aufnehmen, teilte Lühring mit. Sollte einer von ihnen eine Ausbildung machen wollen, stehen ihm die Agentur für Arbeit ebenso wie das Jugendberufszentrum mit seinem Angebot zur Verfügung.

Unter Anleitung des Teams im Zentrum für Familien haben sie sich vorbereitet. Was sie im Einzelnen machen werden, wird sich zeigen. „Sie sollen erstmal ankommen, sehen, worauf sie Lust haben und was ihnen guttut“, sagt Elena Schreiner, die sich mit Griephan um die älteren Kinder kümmern wird. Dass diese ebenfalls eine Anlaufstelle haben, war Simbav wichtig. „Wir wollen erstmal etwas zur Verfügung stellen, dann sehen wir, was noch gebraucht wird.“ Was sich weiter entwickelt, wird sich zeigen. Da rückt die Netzwerkarbeit in den Vordergrund. So könnten sie beispielsweise eine Verbindung zum TuS Rotenburg herstellen. Eins ist aber sicher: Es wird das typische Simbav-Begrüßungslied geben. Um es den Familien einfacher zu machen, haben die Schreiners es auf Russisch übersetzt.

Simbav arbeitet ebenfalls eng mit der Stadt und dem Mutterhaus zusammen. Es ist eine andere Situation als 2015. Diesmal war schnell klar: Es werden hauptsächlich Frauen und Kinder kommen, da die Männer in der Ukraine bleiben müssen zum Kämpfen. Zudem weiß niemand, wie lange sie bleiben werden. Damals wurden Sprachkurse für Mütter mit Babys in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule gestartet, ob das diesmal benötigt wird, sei noch unklar.

Elena und Viktoria Schreiner bauen Kinderspielzeug im Saal des Familienzentrums auf.
Elena (vorne l.) und Viktoria Schreiner (vorne r.) sind fleißig und bereiten das Angebot vor. © Beims

Die Kleiderbörse hat sich bereits als wertvoll erwiesen. Die Mitarbeiterinnen haben schon viele Sachen für Mütter und Kleinkinder zusammengepackt. Auch Engel- und Löwengutscheine stehen zur Verfügung, sagt Helwig – ebenso wie in Visselhövede, wo das neue Ankunftszentrum für die Flüchtlinge im Landkreis ist. „Es ist auch ein Stück Lebensqualität, wenn sie sich das, was sie brauchen, selber aussuchen können.“ Es geht um „schnelle und unkomplizierte Hilfe“, betont Helwig.

Diese gibt es auch über das bundesweite Projekt „wellcome“. Darin unterstützen Ehrenamtliche Familien, indem sie ihnen Zeit schenken. Im Spendentopf dafür gibt es nun auch eine Soforthilfe für Kinder aus der Ukraine, weiß Koordinatorin Andrea Heckmann. Mit jeder Spende können die Ankommenden mit dem Nötigsten versorgt werden – Schulsachen, Babynahrung, was immer benötigt wird. Anträge kann Heckmann stellen.

Doch auch, wenn die Hilfe für die Kriegsflüchtlinge gerade alles vereinnahmt, sollte nicht die Hilfe an anderen Stellen vergessen werden, mahnt Helwig. „Auch hier geraten Familien kurzfristig in Not“, sei es durch Trennung, Arbeitslosigkeit oder angesichts stark gestiegener Energie- und Lebenshaltungskosten. Auch diejenigen können sich bei Simbav Rat und Unterstützung holen. Denn dort sind alle willkommen.

Der Weg zur Gruppe

Zwar stehen auf dem Campus Fahrräder zur Verfügung, noch fehlt es aber an Anhängern für Kinder. Wer einen abgeben kann, kann sich bei Simbav melden, teilt Leiterin Ina Helwig mit.

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