Brieftaubenzuchtvereine in der Region haben ein Nachwuchsproblem

Es sieht mau aus

Im Taubenschlag ist einiges los, aber der interessierte Züchter-Nachwuchs fehlt. Foto: Bonath

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Als Napoleon Bonapartes Truppen am 18. Juni 1815 in der Nähe des Dorfes Waterloo, 15 Kilometer südlich von Brüssel, von den Alliierten vernichtend geschlagen wurden, gab es noch keine Telegrafie und Telefonie, mit denen die Siegesnachricht hätte übermittelt werden können: Ein mittelgroßer Vogel, eine Brieftaube, wurde bei Waterloo aufgelassen, der die sensationelle Meldung, auf einem Röllchen am Bein fixiert, über den Ärmelkanal nach London trug. Nachrichtenübermittlung nicht so rasant schnell wie heute, aber immerhin. Fliegende Nachrichtenboten, zuletzt eingesetzt von der Schweizer Armee, gibt es nicht mehr. Liebhabern sportlicher Wettbewerbe, zusammengeschlossen in zahlreichen Brieftaubenzuchtvereinen und Reisevereinigungen, gehört das Feld. Im Landkreis Rotenburg, im Heidekreis, in benachbarten Bereichen, überall in Deutschland und in vielen anderen Ländern. Ein Hobby, das die meisten nicht loslässt, eine Leidenschaft, die jedoch an einem krankt: Der Nachwuchs fehlt.

Wir treffen uns mit Wilhelm Tödter (68), Elektroinstallateur aus Vahlde, Mitglied des Lauenbrücker Brieftaubenzuchtvereins „Wümmebote”, und mit Henry von Alm (71) aus Wesseloh (Heidekreis) ganz in der Nähe von Fintel, ehemaliger Schlachter und Tischler. Er ist seit vielen Jahren Mitglied der Reisevereinigung Rotenburg und Umgebung. Beide Männer verbindet die langjährige Freundschaft, die bis in die Schulzeit zurückreichende Passion für Brieftauben, die Faszination für die sogenannten „Rennpferde des kleinen Mannes”, der Ehrgeiz, bei den Wettbewerben mit ihren Tauben besonders erfolgreich abzuschneiden, das züchterische Wissen und Können zu steigern und der Wunsch, das Interesse für diesen Sport zu wecken.

Es sieht nämlich mau aus unter den Brieftaubenzüchtern mit ihrem in Essen ansässigen Dachverband Deutsche Brieftaubenzüchter mit seiner weit über 100-jährigen Tradition. Wilhelm Tödter: „Wir haben so gut wie keinen jugendlichen Nachwuchs. Das liegt unter anderem daran, dass der Weg zu den einzelnen Arbeitsplätzen bei vielen Menschen viel Zeit beansprucht und für dieses Hobby kaum Gelegenheit lässt. Hinzu kommt, dass die Möglichkeiten zur Haltung von Tauben teilweise erheblich eingeschränkt sind. Die dichte Bebauung lässt interessierten jungen Menschen wenig Chancen, die notwendigen Räumlichkeiten für Tauben einzurichten.” – Henry von Alm ergänzt: „Es stimmt, dass das Züchten von Tauben sehr viel Arbeit macht. Aber es handelt sich um ein tolles Hobby. Einmal damit angefangen, kommt man nicht wieder davon los.”

Die Saison für die Wettflüge reicht von April bis September: Die Züchter bringen ihre vorbereiteten und zum idealen Gewicht gefütterten Tiere in Boxen zur Sammelstelle der Reisevereinigung gegenüber des Rotenburger Weichelsees. Ebenso weitere Mitglieder der Transportgemeinschaft aus benachbarten Landkreisen. In einem großen Kabinenexpress werden die Tauben dann zum jeweiligen Auflassort in wechselnden Himmelsrichtungen der Republik und unterschiedlichen Entfernungen vom heimatlichen Taubenschlag (zum Beispiel in Weil am Rhein, 609 Kilometer entfernt) gebracht. Sind die Voraussetzungen erfüllt – ein zertifizierter Flugleiter hat sich über die Witterungssituation informiert – werden die Tauben zum Flug in ihre Heimatschläge freigelassen. Die Fluggeschwindigkeit beläuft sich auf bis zu 100 Stundenkilometer.

Ohne Unterbrechung fliegen die Tauben immer in für sie günstigsten Flugpositionen, von einem bis zu mehreren hundert Metern Höhe zielgenau in die exakte Richtung. In den allermeisten Fällen. Es kommt allerdings immer wieder vor, dass sich Tauben verirren und zum Beispiel in einem Schrebergarten landen. Um die Chancen dieser Tiere zu erhöhen, doch noch bei ihrem Besitzer anzukommen, tragen sie einen Fußring mit der Telefonnummer ihres Eigentümers. Von einem weiteren Ring am anderen Taubenfuß kann das jeweilige Land und die Nummer des Vereins abgelesen werden. Das Feststellen der entscheidenden Daten der einzelnen Flüge übernehmen elektronische Geräte, wenn die Tauben im Schlag eintreffen.

Wie finden Tauben – bei einem Versuch wurden auch die Augen der Vögel verdeckt – zielgenau und ohne „Landkarte” in ihre Heimatschläge zurück? An der endgültigen Lösung dieses Wunders arbeitet die Wissenschaft bis heute. Forscher gehen davon aus, dass Brieftauben den Stand der Sonne und der Sterne sowie das Magnetfeld der Erde als „Kompass” verwenden.

Wie auch immer: Neuer Meister der Reisevereinigung wurde Henry von Alm, den zweiten Platz belegten Wilfried und Traute Tarnowski aus Rotenburg, den dritten Platz erreichte Karl-Heinz Vesper aus Söhlingen. Diese drei Züchter schnitten bei den Jungtieren der Reisevereinigung am erfolgreichsten ab: Ulrich Cordes, Büschelskamp, Günter Möhrmann, Grauen, sowie Wilfried und Traute Tarnowski, Rotenburg.

Gegen die Kritik von Tierschutzorganisationen wehren sich Wilhelm Tödter und Henry von Alm vehement: Wer Taubenzüchtern vorwerfe, der Wettbewerbsgedanke werde von Züchtern über das Tierwohl gestellt und koste vielen Tauben das Leben, dem fehle das nötige Wissen.

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