Gemeinschaftsprojekt: Geflüchtete bauen Picknickbänke für die Nordpfade

Sie wollen was zurückgeben

Die ersten zwei von zunächst 13 Picknickbank-Kombinationen stehen. Symbolisch durchtrennen die Beteiligten ein rot-weißes Band.
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Die ersten zwei von zunächst 13 Picknickbank-Kombinationen stehen. Symbolisch durchtrennen die Beteiligten ein rot-weißes Band.

Rotenburg – Erstklassige Arbeit. Das erkennt selbst der Laie, während Toni Glüsing vom Rotenburger Bauhof noch die letzten Schrauben festzieht, um die beiden Picknickbänke im Boden zu verankern. Es sind die ersten von zunächst 13 Rastplätzen, die nach und nach für die Nordpfade geschaffen werden sollen. Der Bedarf ist groß, sagt Udo Fischer, Geschäftsführer des Touristikverbandes Landkreis Rotenburg (Tourow), während sich die Teilnehmer der Einweihung nach und nach am Unterstedter Wehr direkt an der Wümme einfinden. Sie kommen mit großer Freude und bei bestem Wetter. Wanderer und Radfahrer sind zu sehen. Es riecht ein wenig nach Urlaub.

Die Picknickbänke aus Holz sind in der von Werner Ruhe vor zwei Jahren eingerichteten Holzwerkstatt auf dem Campus in Unterstedt entstanden. Sie bietet den dort lebenden Flüchtlingen eine sinnvolle Beschäftigung. Die Zahl der Teilnehmer variiert – zurzeit sind fünf bis acht Männer mehr oder weniger regelmäßig dabei. Fünf von ihnen sind an diesem Morgen mit von der Partie. „In der Holzwerkstatt kommen wir immer auch gut ins Gespräch“, verrät Werner Ruhe. Für ihn das Wertvollste daran: „Ich erfahre sehr viel über die Motivation der Teilnehmer, aber auch eine ganze Menge über ihre Biografie, über ihre Träume und Wünsche.“ Einer eben dieser Wünsche: „Sie möchten Rotenburg was zurückgeben und den Menschen hier ,Danke’ sagen.“

Ganz unabhängig davon entsteht im Zug auf der Fahrt von Bremen nach Rotenburg eine Idee, die perfekt zu diesem Anliegen passt. Martina Hoffstedt als Ehrenamtskoordinatorin im Diakonissen-Mutterhaus und Tourow-Geschäftsführer Udo Fischer treffen sich häufiger auf der Fahrt zur Arbeit. Und irgendwann stellen sie fest, dass es ein Gemeinschaftsprojekt geben könnte, aus dem am Ende alle Beteiligten als Gewinner hervorgehen. Die Holzwerkstatt fertigt Picknickbänke an, die für die Wanderer auf den Nordpfaden als Rastplätze zur Verfügung stehen. Das Ergebnis begeistert – nicht nur Ruhe, Fischer und Hoffstedt, sondern auch die Erste Stadträtin Bernadette Nadermann, die sich ebenfalls auf den Weg an die Wümme gemacht hat.

Holz Behrens hat das Material für die ersten drei Tisch-Bank-Kombinationen gestiftet, Rotary 500 Euro locker gemacht – und am Ende ist auch noch Geld für Messingschilder vorhanden, die darauf hinweisen, dass die Rastplätze ihren Ursprung in einem Gemeinschaftsprojekt haben, in dem es viele Profiteure gibt. Der damit verbundene Dank der Flüchtlinge an die Stadt Rotenburg und die Menschen ist aus Sicht von Werner Ruhe „ein starkes Zeichen“. Sie machen etwas aus freien Stücken heraus, „um einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten“. „Das zeigt auch, wie integrationswillig sie sind, dass sie dazugehören und dabei sein möchten.“

Zugute kommt dieser Beitrag den Menschen, die die Nordpfade für sich entdecken. Und das werden immer mehr – vor allem in der Zeit, in der die Pandemie neue Bedürfnisse weckt. Nicht mehr alle wollen nach Malle, sondern zunehmend verbringen die Menschen ihren Urlaub und ihre Freizeit vor der eigenen Haustür. „Die Nordpfade entwickeln sich prächtig“, berichtet Udo Fischer. Aus ganz Deutschland kämen nicht nur Anfragen, sondern auch Wanderer. „Oft fehlen uns noch die Rastplätze, und deshalb ist es schön, dass die Geflüchteten so etwas Tolles gemacht haben.“ Radfahrer, Kanuten und Wanderer – sie alle werden das Ergebnis aus der Holzwerkstatt zu schätzen wissen. Dass die ersten zwei Bänke gleich an einem derart „traumhaften Platz“ aufgestellt werden, freut Martina Hoffstedt umso mehr. Ihren Dank richtet die Ehrenamtskoordinatorin nicht nur an die Handwerker und an Werner Ruhe, sondern auch an alle anderen, die das Projekt gefördert und unterstützt und damit erst möglich gemacht haben. Dazu gehören der Unterstedter Ortsbürgermeister Uwe Lüttjohann (SPD) ebenso wie der Rotarier Hero Feenders. Doch im Fokus stehen an diesem sommerlichen Morgen vor allem die Geflüchteten. Udo Fischer bringt daher genau das auf den Punkt, was den Teilnehmern der Holzwerkstatt garantiert guttun wird: „Schön, dass Sie bei uns in Deutschland sind.“

Mit der Vermittlung von Grundkenntnissen hat es in der Werkstatt angefangen

Seit 2018 bietet die Holzwerkstatt unter der Leitung von Werner Ruhe den Flüchtlingen eine sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit. Zu Beginn lag der Schwerpunkt auf der Vermittlung von Grundkenntnissen. Neben einigen Reparaturarbeiten von Einrichtungsgegenständen ihrer Unterkünfte standen dabei meist ganz praktische Dinge im Vordergrund: Schneidbretter, Garderobenleisten, Schlüsselbretter, Holzkisten, Regale oder auch kleinere Holzspielzeuge. Ruhe: „Innerhalb dieser Zeit haben die Teilnehmer ihre Fähigkeiten entwickeln und ausbauen können.“ Dann war es an der Zeit, diese Kompetenzen für die Fertigung von Gegenständen für den öffentlichen Raum zu nutzen. Husein Khalaf, Hadi Sleman, Khalil Khalaf, Murad Hussein und Fabian Beese gehören zum Werkstatt-Team und sind dabei, als der erste Rastplatz am Unter-stedter Wehr offiziell eingeweiht wird. Dolmetscherin ist Hadya Sleman.  men

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