Günter Meyer zieht zwei Mal pro Woche die Turmuhr auf

Sie tickt nicht ganz richtig

Die alte Uhr im alten Schlauchturm: ein kleiner „Hingucker“ in Waffensen.
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Die alte Uhr im alten Schlauchturm: ein kleiner „Hingucker“ in Waffensen.

Waffensen – Dass im alten Feuerwehrhaus der Rotenburger Ortschaft Waffensen einmal gefegt und bestenfalls feucht durchgewischt werden müsste, steht außer Frage. Das lässt sich eigentlich auch auf dem kleinen Dienstweg klären – aber dennoch ist das Thema auf der Tagesordnung des Ortsrates gelandet. Denn Ortsbürgermeister Hartmut Leefers (CDU) geht es um mehr: „Da muss was gemacht werden.“ Aus seiner Sicht sei es an der Zeit, die seit acht Jahren im ehemaligen Schlauchturm tickende, historische Uhr viel mehr als bisher in den Mittelpunkt zu rücken. Leefers: „Da lässt sich noch was machen.“

Mit genau dieser Idee wird sich nun die Agenda-Gruppe der kleinen Ortschaft befassen, um dem Ortsrat in einer der kommenden Sitzungen ihre Gedanken dazu vorzustellen. Freuen würde sich darüber auch Günter Meyer. Der 70-Jährige sorgt seit acht Jahren dafür, dass diese Uhr läuft. Zwei Mal in der Woche – immer sonntags und donnerstags – steuert er das alte Feuerwehrhaus an, um die Uhr wieder von Hand aufzuziehen. Dafür benutzt er eine kleine Kurbel. Parat liegt aber auch ein Schraubenschlüssel. Denn die Uhr tickt nicht mehr ganz richtig. Meyer muss sie häufiger wieder richtigstellen. Für ihn ist dieser Aufgabe eine Frage der Zeit – im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch im doppelten Sinn, denn eigentlich hat er gar keine große Lust mehr, sich regelmäßig um die Uhr zu kümmern. „Ich würde mich freuen, wenn sich mal ein anderer dafür findet.“ Es reichen jeweils ein paar Minuten, um diesen Job zu erledigen.

Viel zu erzählen habe er ja eigentlich nicht, sagt Günter Meyer. Aber dann sprudelt es bei einem Treffen mit der Kreiszeitung doch aus ihm heraus. Bei einem Kaffee im Waffensener Mehrgenerationenhaus (MGH) sei man vor zwölf Jahren auf die Idee gekommen – zwei Jahre später hat die Uhr aus dem Schutthaufen des Guts Gothard in Rotenburg ihren neuen Platz im Schlauchturm des alten Waffensener Feuerwehrhauses gefunden. Zwei Jahre, in denen es viel zu tun gab. Denn das heutige Schmuckstück war in einem zum Teil desolaten Zustand und musste mit großem Aufwand renoviert werden.

Der ehemalige Ortsbürgermeister Adolf Jürgens hatte den historischen Zeitmesser nach dem Abriss des Guts Gothard aus den Trümmern gerettet und bei sich zu Hause eingelagert – bis bei einem Kaffee eben die Idee aufkam, sie wieder flott öffentlich sichtbar zu machen. Anlass dafür: Waffensen bewarb sich um den Dorferneuerungspreis.

„Um das hinzukriegen, war viel zu erledigen“, erinnert sich Meyer, der als gelernter Schmied und selbstständiger Maschinenbau-Meister mit Metall umzugehen weiß. Einige Zahnräder waren zu ersetzen, und auch ein neues Zifferblatt musste her – das alte war nicht mehr zu retten. Die Uhr ist inzwischen 112 Jahre alt. Der Zahn der Zeit hat also ihr zu schaffen gemacht. Aber: „Es gibt nichts, was man wieder instandsetzen kann“, ist die Maxime von Günter Meyer.

Der 70-Jährige öffnet die hintere Tür und ärgert sich beim Blick in das Haus. Nicht nur im Turm, sondern auch in den Nebenräumen sieht es wenig einladend aus.

Ins Auge fällt aber nicht nur der Schmutz, sondern in erster Linie das alte, in einem Holzständer installierte Uhrwerk. Doch es führt ein Schattendasein. Selbst ein Blick durch das Fenster verschafft dem rein mechanisch laufenden Uhrwerk keine wirkliche Wahrnehmung – auch das ist arg verdreckt. Meyer greift zur Kurbel, zieht das Uhrwerk auf und erklärt fachmännisch die Funktionsweise der Uhr. Die alten Gewichte habe man seinerzeit ausgetauscht, eines davon steht noch in der Ecke auf dem Fußboden, gleich daneben ist das ausgediente Zifferblatt zu sehen.

„Es ist gut, dass wir diese Uhr haben, und ich habe mich immer gerne dafür engagiert“, erklärt der Mann, der seit 50 Jahren in Waffensen lebt. Sollte sie aus ihrem Schattendasein befreit werden, würde er sich freuen. Wie das zu machen ist, weiß er auch nicht so genau. Ihm sei es jetzt erst einmal wichtig, den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Schließlich kommen hin und wieder zumindest mal Schulklassen, um sich von dieser Uhr ins Staunen versetzen zu lassen. Durchfegen, aufräumen, sauber machen – Leefers versucht, dass sich die Feuerwehr darum kümmern wird. Schließlich lässt sie auch heute noch immer mal wieder ein paar Schläuche im Turm trocknen. Nur ein Problem ist für Meyer damit noch nicht vom Tisch: Wer zieht künftig die Uhr auf? Zwei Mal pro Woche. Immer sonntags und donnerstags. Aber vielleicht findet die Agenda-Gruppe ja auch darauf eine Antwort.

Von Guido Menker

Günter Meyer
Schick ist das Uhrwerk immer noch.
Das ursprüngliche Zifferblatt war nicht mehr zu retten.
Ausgedientes Gewicht.

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