1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Ehrenamtliche Hilfe nach der Geburt: Zehn Jahre „wellcome“ in Rotenburg

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ann-Christin Beims

Kommentare

Über das Kinderlachen im Hintergrund freut sich Gisela Vogeler (l.) während des Gesprächs mit Andrea Heckmann über das Projekt „wellcome“ sehr.
Über das Kinderlachen im Hintergrund freut sich Gisela Vogeler (l.) während des Gesprächs mit Andrea Heckmann über das Projekt „wellcome“ sehr. © Beims

Das Baby schreit, eventuell fordert ein Geschwisterkind ebenfalls Aufmerksamkeit – und die Mutter würde gerne einfach mal ein paar Minuten die Augen zumachen oder in Ruhe duschen gehen. Oft helfen Familie und Freunde dabei, den Stress der ersten Monate nach einer Geburt zu bewältigen. Doch wer diese Hilfe nicht hat, bekommt Unterstützung von den Ehrenamtlichen des Angebots „wellcome“. Seit 2012 gibt es die Offerte auch im Südkreis, verschafft Eltern eine Atempause.

Rotenburg – Die praktische Hilfe nach der Geburt an sich gibt es jedoch schon zehn Jahre länger, nämlich seit 2002. Anlässlich des 20. Geburtstages gab es vor Kurzem in Hannover einen Festakt zu Ehren der Freiwilligen, die Woche für Woche zu den Familien fahren und ihnen das Wertvollste schenken: Zeit. Das kann vieles sein: Sie gehen eine Runde mit dem Baby spazieren, bieten den Eltern zwei Hände beim Einkaufen oder unternehmen etwas mit den älteren Geschwisterkindern, zum Beispiel einen Besuch auf dem Spielplatz. Denn Letztere gehen oft im Trubel der ersten Wochen auch ein wenig unter. So bekommen die Geschwister bewusst ein wenig eigene Aufmerksamkeit, sagt Andrea Heckmann. Sie ist Koordinatorin für den Südkreis und hat sich gemeinsam mit Gisela Vogeler auf den Weg zu der Feier gemacht.

Die Rotenburgerin ist zwar erst seit vier Jahren dabei, dafür aber eine der aktivsten Ehrenamtlichen in der Runde. Eine „Perle“, sagt Heckmann. Denn Vogeler hatte bisher die meisten Einsätze. Meist ist sie ein Jahr in der Familie, denn „wellcome“ geht bis zum ersten Lebensjahr, dann ist Feierabend. „Sie geht da mit viel Herzblut ran“, erzählt Heckmann. Und so verwundert es auch nicht, dass die Bindungen zu den Familien nach dem Jahr oft nicht abreißen – schließlich verbringt Vogeler jede Woche Zeit mit ihnen, wird auf diese Weise auch ein Teil der Familie, sagt sie.

Den Umgang mit Babys kennt sie zu gut: Die gelernte Kinderkrankenschwester hat 27 Jahre in Hamburg-Altona auf der Intensivstation gearbeitet. Als sie in Rente gegangen ist, möchte sie sich privat engagieren. Auf „wellcome“ ist sie durch einen Artikel aufmerksam geworden, erinnert sie sich. Später hat sie dazu einen Flyer gefunden und sich sofort gemeldet. „Ich habe das gleich in die Tat umgesetzt.“ Und es sollte nicht lange dauern, bis sie den ersten Einsatz hat. „Dabei hatte ich erst gar nicht den Eindruck, dass es so viel Bedarf gibt“, sagt sie.

Wenn die Kinder einem entgegenkommen, Vertrauen haben – das ist ein schöner Lohn.

Gisela Vogeler, Ehrenamtliche

Doch die Nachfrage ist groß: „Wir brauchen dringend Ehrenamtliche“, meint Heckmann. Auch gerne Männer – wenngleich es da bei den Familien mitunter noch eine Hemmschwelle gibt, weiß die Koordinatorin, die den Familien dann die Ängste nimmt. „Wenn ich ihnen versichere, dass das ein ganz Toller ist, geht das. Und sie lernen sich ja auch vorher kennen.“

Denn um Vertrauen zu schaffen, gibt es Kennenlerngespräche – oft schon in der Schwangerschaft. Und: Alle Ehrenamtlichen sowie die Familien werden vorher von Heckmann unter die Lupe genommen. So sieht sie, wer zusammenpassen könnte oder wo vielleicht Probleme sind. Nach dem ersten Treffen ruft sie auch immer beide Seiten an, ob es aus ihrer Sicht passt. Die Ehrenamtlichen legen vor ihrem Einsatz zudem ein Führungszeugnis vor.

Anschließend sind die Helfer einmal die Woche für etwa zwei Stunden in den Familien. „Ich gehe auch manchmal etwas länger hin“, sagt Vogeler – und wird so für manche eine Ersatz-Oma. „Dann ist das Ende nach einem Jahr oft nicht einfach“, merkt sie an. „Wenn die Kinder einem entgegenkommen, Vertrauen haben – das ist ein schöner Lohn.“ Hin und wieder besucht sie ihre Schützlinge noch.

Sie wurde auch schon einmal „ausgeliehen“, erzählt sie und lächelt. Die Krankenkasse hatte die Pflege für ein ehemaliges Frühchen in Zeven nicht mehr genehmigt – dann ist Vogeler im Rahmen von „wellcome“ eingesprungen, bis die Pflege wieder genehmigt wurde. Für sie sei es interessant, durch das Projekt so viele unterschiedliche Familien kennenzulernen, erklärt die Rotenburgerin.

Auch während der Pandemie sind die Ehrenamtlichen, wenn sie das selber möchten, weiterhin aktiv. Und wenn die Eltern wollen: Ein paar haben auch hier zeitweise pausiert. „Da waren alle sehr vorsichtig, gerade in der Anfangsphase“, so Heckmann. Und „man hat den Kindern gegenüber auch eine Verantwortung“, betont Vogeler.

Anfragen für die Hilfe der Gruppe gibt es genug – darunter nicht nur von Familien, die mit den Kräften am Ende sind, sondern auch von Eltern, die sich einfach mal eine kurze Auszeit wünschen. Gerade, weil Familien heute viel weiter verstreut sind als früher, wird das Angebot immer wichtiger. Familiäre Unterstützung direkt vor Ort ist keine Selbstverständlichkeit mehr. „Und ich bringe viel Ruhe mit, das ist das, was junge Eltern oft brauchen“, meint Vogeler.

Deren Wünsche können ganz unterschiedlich sein. Es gibt aber Grenzen, und die sollte man deutlich machen, so Heckmann – damit die Hilfe nicht ausgenutzt wird. „Das sind keine Haushaltshilfen. Sie sind da, damit sich die Mama mal entspannen kann, zum Arzt, Friseur oder einkaufen gehen. Damit sie entlastet wird.“ In den meisten Fällen ist das kein Problem, sagt Vogeler – und wenn doch, wird sie energisch. Bisher musste sie das aber noch nicht oft werden.

Über das Projekt

Mehr als 4 000 Ehrenamtliche engagieren sich mittlerweile pro Jahr für das Projekt „wellcome“, mit dem Eltern nach der Geburt Unterstützung in der Alltagsbewältigung erhalten. 2002 wurde das Angebot in Hamburg ins Leben gerufen, mittlerweile gibt es dieses an mehr als 230 Standorten – nicht nur in Deutschland, auch in Österreich und der Schweiz. Weitere Teams sind in Gründung, heißt es in einer Pressemeldung. In Rotenburg sind die Teams seit 2012 vertreten. Durch die Unterstützung der Freiwilligen konnten allein im vergangenen Jahr gut 3 000 Familien mit mehr als 52 000 Betreuungsstunden in den ersten Monaten nach der Geburt entlastet werden. In Niedersachsen wird „wellcome“ in mehr als 20 Städten und Landkreisen in Kooperation mit Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe angeboten und ist zu einem bekannten Angebot der Frühen Hilfen geworden. Die Fahrtkosten bekommen die Ehrenamtlichen erstattet. In Rotenburg treffen sich zudem alle drei Monate die Teilnehmer zum Austausch beim Ehrenamtsfrühstück. Weitere Informationen gibt es auch unter www.wellcome-online.de.

Auch interessant

Kommentare