Wie sich Schulen im Landkreis Rotenburg auf die Veränderungen vorbereiten

Inklusion beginnt beim Umbau

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Inklusion ist auch eine Frage des Raumes – es wird schlichtweg mehr Platz in Schulen benötigt.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Viel Licht fällt in die neuen Klassenräume. Zwischen den Tischen und Stühlen gibt es viel Platz, damit sich auch die Kinder im Rollstuhl frei bewegen können. Um dem Gedanken der Inklusion inhaltlich und baulich gerecht zu werden, zählt nach Überzeugung von Sven Thiemer vor allem die Erfahrung. Er ist Leiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Rotenburg – und muss sich wie seine Kollegen in anderen Schulen den neuen Anforderungen stellen.

Die Stadt Rotenburg als Träger hat sich dazu entschlossen, Haupt- und Realschule in der IGS aufgehen zu lassen. Weil aber in Niedersachsen inzwischen auch die inklusive Beschulung gilt, musste ein neues bauliches Konzept her. Dafür ist ein Flügel der Theodor-Heuss-Schule komplett entkernt worden, und es wurde angebaut. Um der Inklusion nicht nur inhaltlich, sondern auch baulich gerecht zu werden, zählt nach Überzeugung von Thiemer vor allem „die Erfahrung, die wir in den Jahren zuvor gemacht haben“.

Schließlich bedeute inklusiver Unterricht nicht nur, Kinder im Rollstuhl regulär zu unterrichten. Auch Mädchen und Jungen mit anderen körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen sowie Migranten hätten ein Anrecht darauf.

Im Baurecht taucht der Begriff Inklusion jedoch nicht auf. Und doch ist die neue Form der Teilhabe bei öffentlichen Bauvorhaben allgegenwärtig. Rechtliche Grundlage in Niedersachsen ist die Bauordnung vom April 2012. Darin wird das barrierefreie Bauen von öffentlich zugänglichen Gebäuden geregelt – neben Schulen und Hochschulen auch Kitas, Bibliotheken, öffentliche Verwaltungen und Kinderspielplätze. Die Vorgaben für sie sind in den Technischen Baubestimmungen der „DIN 18040-1“ festgehalten. Diese Standards gelten zwar bundesweit, doch die Umsetzung ist Sache der Länder. Sie finden unter anderem ihren Niederschlag in Rampen für Rollstühle, breiten Türen oder auch niedrig angebrachten Waschbecken für Rollstuhlfahrer.

Doch damit allein ist es nicht getan. Inklusives Beschulen bedeutet auch, dass Ruheräume oder -zonen für Kinder mit Beeinträchtigungen geschaffen oder Klassen elektronisch nachgerüstet werden müssen. So ist es zum Beispiel während der Sommerferien am Gymnasium Sottrum geschehen. Das zu Beginn des Jahrtausends errichtete Gebäude musste erst einmal für eine Schülerin mit körperlichen Beeinträchtigungen hergerichtet werden. Doch das sei nur der Anfang, weiß Schulleiter Ferdinand Pals. Die jüngsten Arbeiten nennt er „Nachjustierung“. Hierzu gehören die Einrichtung eines zusätzlichen Ruheraumes und auch der Einbau eines Routers, damit die neue Schülerin dem Unterricht über ihren Tablet-Computer folgen kann.

Die Sottrumer und die Rotenburger stehen in Sachen baulicher Voraussetzungen derzeit gut da und dürften zumindest mittelfristig keine Probleme haben. Weniger rosig sieht es da bei den älteren Schulgebäuden aus – und von denen gibt es in der Region einige. Dass inklusiver Unterricht von der baulichen Seite dort nicht oder nur sehr eingeschränkt stattfinden kann, haben Thiemer, die Lehrer und Schüler in der noch bestehenden Realschule gemerkt, wo die IGS zunächst angegliedert war. Breite Gänge und Platz in den Klassen für Rollstuhlfahrer gab es dort gar nicht.

Auch die Raumzuschnitte befinden sich auf dem Stand der 70-er, vielleicht der 80-er Jahre. Mit den noch immer rechnerisch zweieinhalb Quadratmetern je Schüler kommt nach Ansicht der Praktiker und der Landesschulbehörde keiner mehr hin. Denn inklusive Beschulung bedeutet auch, dass sich in den Räumen nicht mehr nur Schüler und Lehrer aufhalten, sondern auch pädagogische Kräfte, Einzelbetreuer oder Absolventen eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Es wird eng in den Klassenräumen.

Darüber hinaus erfolgt die Unterrichtsgestaltung bei der Inklusion immer mehr in Kleingruppen. Auch hierzu müssen die passenden Räume her. Dazu kommen Rückzugsmöglichkeiten für einzelne Schüler, wie sie gerade in Sottrum geschaffen worden sind. Irgendwann könnte es gar so kommen, dass geschlossene Klassenräume ganz der Vergangenheit angehören.

IGS-Leiter Thiemer betont, dass der Trend auch bei der architektonischen Gestaltung von Schulgebäuden immer mehr zu offenen Lernlandschaften gehe. Verschließen könne sich dieser Entwicklung keiner. Diese Überzeugung vertritt auch Schulleiter Pals aus Sottrum. „Die Problematik ist da, das sind Herausforderungen, die auf uns zukommen.“ Dies haben auch die Vertreter von Politik und Verwaltung in den Kommunen erkannt. „Die Samtgemeinde hat sich ganz selbstverständlich hinter den Inklusionsgedanken gestellt“, so Pals. Jürgen Schlusnus, allgemeiner Vertreter des Sottrumer Samtgemeindebürgermeisters, erklärt, dass in den vergangenen Jahren Investitionen für Inklusionsmaßnahmen getätigt worden seien, „wenn sich ein konkreter Bedarf aufgetan hat“.

Was die Inklusion am Ende mehr kostet, lässt sich nach Aussage von Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber zurzeit noch nicht sagen. Er weist darauf hin, dass die Ganztagsbeschulung ein viel größerer Kostenträger sei. Hierzu benötigten die Kommunen die Unterstützung des Landes. „Für die Ganzstagsbeschulung fehlen mir die Förderprogramme“, bedauert er.

Sie sind derzeit jedoch nicht in Sicht. Dafür lässt sich das niedersächsische Kultusministerium die Inklusion etwas kosten. Nach Auskunft von Ministeriumssprecherin Susanne Schrammar unterstützt das Land die Schulträger in diesem Jahr mit 17,5 Millionen Euro und ab 2016 mit 30 Millionen Euro jährlich bei der Umsetzung der Inklusion. Ob das Geld ausreicht, ist derzeit noch nicht klar.

Sicher ist hingegen, dass eine vernünftig praktizierte Inklusion die Kommunen und Länder in den kommenden Jahren noch richtig was kosten wird. IGS-Leiter Thiemer: „Teilhabe ist ein großes gesamtgesellschaftliches Paket, an dem wir zu knuspern haben.“

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