Profitieren von Vielfalt

Serie „Frauen an der Spitze“: Die Gleichstellungsbeauftragte Ute Pommerien

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Ute Pommerien ist seit 2014 die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Ja, man müsse noch über das Thema sprechen. Frauen an der Spitze? „Es fehlt noch in ganz vielen Bereichen“, sagt Ute Pommerien. Die 57-Jährige ist seit vier Jahren die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, und sie hält die Debatte um Gleichberechtigung und Quoten nicht für verstaubt – wohl aber, dass dabei meist nur über Frauen gesprochen wird. „Es geht vielmehr um Fragen der Unterrepräsentanzen.“

Wer verstehen will, wo die Arbeit einer Gleichstellungsbeauftragten ansetzt, der trifft die Juristin Pommerien am frühen Dienstagnachmittag im Rotenburger Kreishaus. Rund 1 000 Mitarbeiter hat die Kreisverwaltung insgesamt, und auch wenn die Führungsspitze hinter Landrat Hermann Luttmann (CDU) mit zwei Dezernentinnen und zwei Dezernten geschlechterneutral besetzt ist: Die Büros, in denen Pommeriens Kolleginnen vormittags sitzen, verwaisen am Nachmittag. 

Die Teilzeitquote in der Verwaltung liegt bei den Frauen bei über 70 Prozent, gegen 14 Uhr müssen sie in den Feierabend: Den Nachwuchs abholen aus Kitas oder Schulen. „Es ändert sich alles, wenn ein Kind da ist“, sagt Pommerien. Ihr größtes Aufgabengebiet.

„Ich verschaffe Frauen keine Vorteile“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte, die lacht bei der Nachfrage, ob sie nicht doch Frauenbeauftragte sei. Das verbiete nicht nur die Gesetzgebung, sondern widerspreche auch ihrem Selbstverständnis. Denn: „Ich kann zwar nicht ändern, was sich in Jahrhunderten an Rollenbildern festgesetzt hat, aber Vielfalt ist es, wovon die Gesellschaft profitiert.“ Zum Beispiel mehr Männer in sozialen Berufen, mehr Frauen in technischen. 

Gleichstellungsbeauftragte arbeitet in Teilzeit

Auch der Landkreis achtet auf ein ausgewogenes Verhältnis, was nach der Verwaltungshandreichung bei 45 Prozent Anteil eines Geschlechts erreicht ist. Theoretisch, sagt Pommerien, müsste sie bei jedem Vorstellungsgespräch der Kreisverwaltung dabei sein, rein praktisch ist das aber bei einem 25-Stunden-Job nicht möglich. Auch die Gleichstellungsbeauftragte selbst arbeitet in Teilzeit.

Sowieso gibt es im Kreisgebiet neben Pommerien nur noch in den Rathäusern in Rotenburg und Zeven hauptamtliche Verantwortliche, die sich um die Belange der Chancengleichheit kümmern. Das Thema werde gerade im ländlichen Bereich leider immer noch etwas stiefmütterlich behandelt. Pommerien: „Wir sind meilenweit entfernt vom städtischen Bereich.“ 

Dort werde Gleichbehandlung viel konsequenter verfolgt. Denn auch wenn man in der Kreisverwaltung selbst recht vorbildlich sei, so sprächen die vielen Einrichtungen im ländlichen Raum zur Unterstützung junger Mütter doch für sich: „Die Not ist groß.“ Die Lebensplanung „Mutter als Beruf“ sei leider noch weit verbreitet – und führe zu „faulen Abhängigkeiten“. Jede Person sollte stattdessen so leben, dass sie für sich selbst verantwortlich ist, sagt die Gleichstellungsbeauftragte ganz geschlechtsneutral.

Pommerien: Leistung gibt es auf allen Ebenen

Pommerien selbst hat den Bruch im Lebenslauf erlebt, als es galt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Nach dem Jura-Studium in Passau und Hamburg ging die gebürtige Rotenburgerin 1993 ins Regierungspräsidium nach Dresden, beriet dort in Naturschutzfragen. Die Fernbeziehung zum Mann, der als Ingenieur in der Heimat tätig war, endete 1995 mit der Geburt des Sohnes: Pommerien kam zurück, „die Juristerei wurde abgelöst“, sagt sie heute. Später jobbt sie in der Buchhandlung Müller in Rotenburg, arbeitet als Mediatorin. 

Und sie beginnt, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren, als sie von den Expansionsplänen am Rotenburger Flugplatz hört. Von der Bürgerinitiative geht es zu den Grünen, zwölf Jahre Stadtrat, 2001 holt sie beachtliche 17,3 Prozent in der ersten Wahl zum hauptamtlichen Rotenburger Bürgermeister – Detlef Eichinger gewinnt. „Niedersachsens bestes grünes Ergebnis damals“, so Pommerien.

Eine Spitzenfrau muss nicht auf dem Chefsessel sitzen. Auch dieses Bild müsse sich gesellschaftlich ändern, sagt Ute Pommerien. Leistung gebe es auf allen Ebenen. Und die junge, gerade hoch qualifizierte Generation lebe das mittlerweile. Karriere, Familie, Privatleben: „Sie wollen heute alles.“ Für Pommerien ist das nicht vermessen, sondern angemessen. Und es sei, anders als noch zu „ihrer“ Zeit, durchaus realistisch: „Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels haben sie gute Chancen.“

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