Selig-Sänger Jan Plewka über das Stiftungs-Konzert in Rotenburg, das Hurricane-Festival und Dave Grohl

„Eine heilende Wirkung“

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Jan Plewka beim Hurricane 2011. Schlechtes Wetter, doch am Abend geht für ihn die Sonne auf.

Rotenburg - Von Guido Menker. Jan Plewka hat Verspätung. Die Bahn streikt, er sitzt zum verabredeten Zeitpunkt noch im Zug. Der Ausstand bringt viel durcheinander – auch den Terminkalender des Selig-Sängers, der am 28. Juni in der Rotenburger Stadtkirche mit seinem Simon & Garfunkel-Programm „Sound of Silence“ gastiert. Später erreichen wir ihn doch noch – und er plaudert über Kirchen, das Hurricane-Festival, sein Programm sowie über das neue Album seiner Band.

Herr Plewka, wo erreiche ich Sie gerade?

Jan Plewka: Ich bin im Taxi von Harburg ins Stadtzentrum Hamburg unterwegs – und stehe im Stau.

Wissen Sie aus dem Stehgreif, was Sie am 28. Juni machen werden?

Plewka: Was werde ich tun? Helfen Sie mir!

Wir hoffen, dass Sie dann in Rotenburg sind und hier in der Stadtkirche ein wunderbares Konzert geben!

Plewka: Ahh, sehr gut. In Rotenburg – Rotenburg an der Wümme.

Müssten Sie kennen, oder?

Plewka: Ja, kenne ich. Da habe ich mal mit Tempeau gespielt. Das war auf einem Festival.

Ganz in der Nähe haben Sie vor fast genau vier Jahren ebenfalls gespielt, und zwar beim Hurricane-Festival. Haben Sie noch gute Erinnerungen an den Auftritt?

Plewka: Das sind teilweise meine liebsten Lebenserinnerungen, also nicht nur der Auftritt. Das Wetter war ziemlich schlecht, es war verregnet. Und dann habe ich gesehen, dass die Sonne durch die Wolken kommt. Ich bin aus dem fahrenden Nightliner rausgesprungen und habe zu unserem Schlagzeuger gesagt, ich bleibe hier. Dann ging das Festival eigentlich los für mich. Ich habe die Hives gesehen und Eels, zum Schluss noch die Foo Fighters. Als das Festival zu Ende war, war ich dann noch im VIP-Bereich. Dort habe ich mich mit einem Amerikaner unterhalten – total nett. Er meinte, komm, wir gucken mal, ob bei uns noch was los ist. Wir sind also in den Backstage-Bereich gegangen. Die Tür geht auf. Und wer sitzt da? Die Sängerin von The Kills und neben ihr Dave Grohl. Wahnsinn. Dann kamen die mit einer Palette Jägermeister an, und ich habe den ganzen Amis beigebracht, wie man Jägermeister trinkt. Meine letzten Erinnerungen sind, wie Dave Grohl mir den Hals geküsst hat und sagte: „I love you!“ Ich würde eher Vater und Mutter vergessen, aber nicht diese Geschichte.

Rotenburg freut sich auf den 28. Juni, auf das Stiftungskonzert hier in der Stadtkirche. Haben Sie schon mal eines Ihrer Programme – Rio Reiser oder Sound of Silence – in einer Kirche gespielt?

Plewka: Ja, beide. Und zwar in der Kulturkirche in Köln. Da sind wir eigentlich auch Stammgäste. Und auch zwei Mal schon in Aachen. Genau. Ich bin also kirchenerfahren.

Ist es für Sie etwas Besonderes, solche Programme in der Kirche zu spielen?

Plewka: Ja, das ist ja ein inszeniertes Konzert. Ich laufe da ja auch rum, stehe plötzlich auf der Ballustrade vor der Orgel, und werde satansrot beleuchtet. Das ist schon irre. Oder ich als großer Rio-Fan, der dann so durch die Menge auf den Altar zuschreitet. Nur mit Gitarre, und ich singe „Halt Dich an meiner Liebe fest“. Als das passiert ist, dachte ich so, Mensch, Rio, wie sieht‘s aus? Vielleicht heiraten wir gerade.

Rio Reiser auf der einen, Simon & Garfunkel auf der anderen Seite. Das ist ein großer Unterschied. Welche Bedeutung haben die beiden Programme für Sie?

Plewka: Eine schöne Mischung auf jeden Fall. Wir haben das Rio-Programm gemacht. Das ist jetzt fast auf den Tag genau zehn Jahre her. Seit zehn Jahren sind wir damit auf Tour. Nach sieben Jahren haben wir uns gedacht, ob wir nicht mal was anderes machen können. Vielleicht Rio, die Zweite. Waren dann aber der Meinung, es ist gut so, wie es ist. Dann waren wir in Berlin bei Tom Stromberg (der Regisseur beider Programme, Anm. d. Red.) und haben gefeiert. Tom hat eine Schublade mit Musik-DVDs aufgemacht. Wir haben eine rausgegriffen – das war Simon & Garfunkel im Central Park. Das haben wir uns angeguckt und waren fasziniert – und betrunken. Von diesen Melodien, von dieser Musik, von diesem „das ist doch einfach“. Was so einfach anmutet, aber sehr kompliziert ist mit diesen zweistimmigen Gesängen. Für uns Mucker war das natürlich eine Herausforderung. Wir dachten uns, das müssten wir versuchen. Was würde man uns zutrauen? Auf jeden Fall nicht, dass wir Simon & Garfunkel covern. Aber je mehr wir uns damit beschäftigt haben, umso größer wurde die Magie der Musik und der Stücke, die sie geschrieben haben. Das hat jetzt wirklich eine heilende Wirkung – also diese Musik. Es ist wirklich schön, genial komponiert. Sie galten ja so als Muttersöhnchen damals. Ganz anders als die anderen – die Doors und die Stones auf Drogen. Wenn man jetzt unsere Versionen davon hört, ist es tatsächlich eher so, als wenn die Doors oder die Stones das spielen.

Was wird das also für ein Abend in der Rotenburger Stadtkirche?

Plewka: Es wird ein vielfältiger Abend. Mit Poesie, Empfindung durch alle Sparten. Ich werde auf der Bühne versuchen, eine Frau verschwinden zu lassen. Dann gibt es halt Lieder, die wahrscheinlich jeder kennt. Es wird ein wahnsinnig emotionaler Abend. Mit allen Facetten. Es wird gelacht, geweint, gesungen, geschrien, getanzt. Alles ist dabei.

Sie sind Sänger, Musiker, Schauspieler, Sprecher. Was machen Sie von alledem am liebsten?

Plewka: Ich bin Sänger, ich bin Musiker. Das ist meine Berufung. Das ist meine Leidenschaft, die ich irgendwann erkannt habe. Seitdem sind diese Leidenschaft und ich eine Person. Wenn ich singe, vergesse ich die Zeit. Singen ist mein Paradies auf Erden.

Aber Sie sind eben auch Schauspieler, und dieser Simon & Garfunkel-Abend ist ja auch eine Inszenierung. Das ist schon was anderes, als als Musiker einfach nur auf die Bühne zu gehen. Worin liegt für Sie der Unterschied?

Plewka: Wenn Du Schauspieler bist, dann versuchst Du, eine Rolle über Dich zu stülpen. Ich versuche aber weder Simon & Garfunkel noch Rio Reiser zu sein, sondern ich bin Jan Plewka. Ich übernehme die Argumente von denen und gebe sie weiter – in meiner Stimme, meiner Musik und in meiner Art. Ich versuche also nicht, mir eine Rolle anzuziehen.

Ihre Agentur hat ja auch Pressematerial herausgegeben. Da ist bezogen auf das Programm „Sound of Silence“ davon die Rede, dass es so eine Art Frischzellenkur für das amerikanische Duo sei. Ist das nicht ein bisschen anmaßend?

Plewka: Naja, das Ding ist – und vielleicht können Sie das auch schreiben –, „Leute, kommt mit Euren Eltern“. Das ist ein Abend, an dem sich tatsächlich beide drauf einigen können. Die schändliche Jugend der Stadt (lacht) und die Eltern, die dann auch irgendwo mit hingehen. Niemand wird enttäuscht. Der Sound ist von heute, von jetzt, von uns. Das ist die gleiche Bande, die auch den Rio Reiser gemacht hat. Geiler Sound, und es sind die Älteren, die Erinnerungen daran haben. Die Jüngeren kriegen einfach gute Musik geliefert.

Aber was ist eigentlich mit Selig, Herr Plewka?

Plewka: Wir sind gerade im Studio und fangen damit an, eine neue Platte zu machen.

Können Sie schon sagen, in welche Richtung es geht und wann sie erscheint?

Plewka: Wir haben momentan weder Plattenfirma noch irgendwas anderes und sind daher sehr frei, was uns gut tut. Wir können machen, was wir wollen. Es wird auf jeden Fall irgendwie eine Selig-Platte werden.

Was macht denn eigentlich mehr Spaß: Selig oder die Abende im Zeichen von Rio Reiser oder Simon & Garfunkel? Oder lässt sich das gar nicht vergleichen?

Plewka: Als Balance ist es gut, beides zu machen. Wie soll man das beschreiben. Also,... Ja, genau. Also, ich bin Familienvater und habe vier Kinder. Alle meine Kinder liebe ich gleich doll. Aber alle meine Kinder sind komplett verschieden. So kann man das eigentlich vergleichen.

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