„Wortfassetten“-Mitbegründer Dennis Schmidt zum vierjährigen Bestehen des Poetry-Slam-Formats

„Selbst etwas auf die Beine stellen“

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Dennis Schmidt war Mitbegründer der „Wortfassetten“ in Rotenburg. Am Sonntag feiert diese beliebte Veranstaltung ihren vierten Geburtstag. Um 18 Uhr geht’s los.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Wenn am Sonntag Girlanden die Rotenburger Kneipe „Schmidts“ schmücken und eine Torte angeschnitten wird, dann können die Gäste ein eher ungewöhnliches Geburtstagskind feiern: die „Wortfassetten“.

Anlässlich des vierjährigen Bestehens des Poetry Slams sprachen wir mit Mitbegründer Dennis Schmidt über Vergangenheit und Zukunft des Wort-Wettstreits.

Herr Schmidt, war es vor vier Jahren schwer, das Format hier zu etablieren, oder hatte Rotenburg nur auf einen Poetry Slam gewartet?

Dennis Schmidt: Hauke Prigge hatte in der Region mit seinem „Poetry im Park“ schon Vorarbeit geleistet, das hat eine Menge ausgemacht. Auch, wenn das Publikum bei den „Wortfassetten“ eher gemischt ist. Ich habe den Eindruck, Rotenburg wartet allgemein auf Kultur – das Kneipenquiz wird zum Beispiel auch gut angenommen.

Das klingt wie eine Erfolgsgeschichte – und einige Ausgaben der „Wortfassetten“ haben bis zu 150 Besucher gezogen. Gab es auch Durststrecken?

Schmidt: Die Besucherzahlen sind eigentlich eher die Folge der gemachten – oder auch unterlassenen – Werbung. Man möchte meinen, bei einer Einwohnerzahl von 20 000 Rotenburgern müsste es möglich sein, das Haus jedes Mal voll zu bekommen. Tatsächlich hatten wir zwischendurch aber auch schon Auflagen mit gerade mal 30, 40 Besuchern, wenn wir vorher nicht ordentlich geklappert haben.

Sie können heute bei Ihren Line-Ups auf eine beständige lokale Szene bauen. Waren die „Wortfassetten“ so etwas wie ein Geburtshelfer?

Schmidt: In einigen Fällen sicher – das beste Beispiel ist Conny Fauck. Sie hatte vor ihrem ersten Auftritt bei uns erst ein, zwei andere Slams absolviert. Heute ist sie in der norddeutschen Szene eine feste Größe. Oder Eva Matz, die auch häufig dabei ist.

Auffällig ist, dass Sie oft auch bekanntere Namen zu Gast haben – und das, obwohl in Rotenburg keine Startgelder gezahlt werden und das Preisgeld ausschließlich aus dem Hut kommt. Wie erklären Sie sich, dass trotzdem Größen wie Tobias Kunze das Schmidts beehren?

Schmidt: Die Frage hatte ich mir anfangs auch gestellt und bei vielen bekannteren norddeutschen Slammern einfach mal angefragt – mehr als ein „Nein“ hätte ja nicht passieren können. Das kam aber nicht. Manchmal muss man sich einfach was trauen. Viele sind aber auch einfach begeistert von der kompakten Atmosphäre, dem gemütlichen Hinterzimmer, wo die Slammer bei gutem Essen zusammensitzen. Und die Veranstalter, Paco und Ralf, sind ehrlich, haben keine Allüren.

Im vergangenen Jahr sind Sie mit dem Open Air auf dem Hartmannshof neue Wege gegangen, woanders gibt es „Preacher Slams“ mit Pastoren in Kulturkirchen. Muss man sich heute immer wieder neu erfinden?

Schmidt: Man muss schon immer wieder was Neues machen, vor allem in der Vermarktung. In den nächsten Tagen gehen einige kurze Clips zum Thema „Vier Jahre Wortfassetten, vier Leute, vier Fragen“ mit einigen bekannten aktiven und passiven Wegbegleitern in den sozialen Medien viral. Wir ändern immer mal wieder die Moderation, mal ich, mal zusammen mit Thorsten Finner, mal Marco Hops und Hauke Schrade. Das Konzept der Wortfassetten komplett umzuschmeißen, macht keinen Sinn. Das Schmidts hat so eine Lesungsatmosphäre: Bierglas – Zigarette – Texte, dazu keine abgehobenen Künstler, sondern normale Menschen. Das passt.

Gibt es in den vier Jahren Momente, die Sie zu Ihren persönlichen Höhepunkten zählen?

Schmidt: Einer war sicherlich der erste Slam. Da waren alle Parkplätze belegt, die Leute waren von überall her geströmt – und Paco und ich haben uns gefragt: „Was geht denn hier ab?“ Ein weiterer schöner Moment war, als ein Flüchtling vom Campus, der noch gar nicht so lange in Deutschland war, teilgenommen und mit seinen Liebesgedichten im persischen Stil den dritten Platz belegt hat. Ohne zu hoch greifen zu wollen: Vielleicht sind das kleine Punkte der Integration zu einem gemeinsamen Miteinander. Das ist Politik, aufeinandertreffen, Freude teilen und nicht nur drüber reden.

Was erwartet die Besucher am Sonntag?

Schmidt: Von den Namen her das bisher wohl hochkarätigste Line-Up und viele kleine Specials wie Verlosungen. Aber auch eine richtige Geburtstagsfeier mit Deko und einer Torte und allem Drum und Dran.

Am Mikro haben Sie sich persönlich in jüngster Zeit eher rar gemacht. Wann erlebt man Sie mal wieder?

Schmidt: Ich habe viele Schreibideen, aber noch nicht die geeignete Plattform. Bei meinen ja eher nachdenklichen Texten brauche ich das wertende Element nicht. Ich sehe mich selbst nicht als lustigen Entertainer und will mich beim Schreiben für ein bestimmtes Format nicht verbiegen. Bei den „Wortfassetten“ freue ich mich, im Hintergrund etwas für die Stadt tun zu können und vielleicht andere, gerade Jüngere, zu ermutigen, jenseits großer Veranstaltungen selbst etwas kulturell auf die Beine zu stellen. Man könnte so viel machen, einen Kiosk mit ein paar Liegestühlen an der Wümme zum Beispiel. Der Streetworkoutparcours am Weichelsee ist ein tolles Beispiel. Außer Sport wie Handball und Basketball ist die Stadt sonst für Jüngere tot.

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