Die seit 18 Jahren in Rotenburg lebende Erika Cziesielsky veröffentlicht ein Buch

Kaum Liebe, viel Arbeit

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Erika Cziesielsky hat nach langen Überlegungen ihre Lebensgeschichte als Buch veröffentlicht. Es ist ein schonungsloser Bericht, wie sie selbst sagt.

Rotenburg - Von Guido Menker. Das Gespräch mit Erika Cziesielsky kommt zunächst nur langsam in Fahrt. Die 66-Jährige wirkt ein wenig unsicher und scheint sich immer wieder auf die Lippen zu beißen. Doch nach wenigen Sätzen ist sie da, wo sie hin will. Und dann redet sie plötzlich sehr ausführlich über das, was sie ihr Leben lang beschäftigt: ihr Leben nämlich.

Die Unsicherheit ist inzwischen wie verflogen und weicht der Überzeugung, das Richtige getan zu haben. Erika Cziesielsky hat ihr Leben aufgeschrieben – und inzwischen als Buch veröffentlicht. Der Titel: „Blechmeyers Mädchen“. Im vergangenen Jahr ist dieses Buch entstanden, doch die Wurzeln liegen sehr viel tiefer. „Seit 20 Jahren mache ich mir immer wieder Notizen“, sagt die Frau, die in den zurück liegenden 66 Jahren sehr viel durchgemacht hat. Nein, es sei kein Tagebuch gewesen. Notizen eben, um nichts zu vergessen. „Das hat mir immer sehr gut getan.“ Und jetzt, da das Buch fertig und zum Verkauf bereit ist, fällt die Autorin ein deutliches Urteil: „Ich bin in diesem Buch wirklich schonungslos mit meinem Leben umgegangen.“

In ihrer persönlichen Lebensgeschichte spielt der Vater eine zentrale Rolle. Er baute damals zu Hause viel aus altem Blech – und war daher im Dorf als „Blechmeyer“ bekannt. Erika Cziesielsky kam als fünftes von insgesamt acht Kindern in Liebenau (Kreis Nienburg) zur Welt. „Kaum Liebe, aber ganz viel Arbeit“ – das habe ihre Kindheit geprägt. Schwere körperliche Arbeit habe sie verrichten müssen auf dem kleinen landwirtschaftlichen Hof der Familie. „Mein Vater war sehr geizig“, erinnert sich die Autorin an die Zeit zu Hause. „Wir sind in primitiven Verhältnissen aufgewachsen.“ Jeweils zwei Kinder mussten sich ein Bett teilen, und der Vater verzichtete auf Zahnarztbesuche, um sich das Geld zu sparen. Erika Cziesielsky: „Er hat sich sogar selbst die Zähne gezogen und später seine Tabletten halbiert.“ Der Vater war zuckerkrank. Alles durfte nichts kosten. An Schulausflügen nahm Erika Cziesielsky nicht teil. Ausnahme war einmal eine Klassenfahrt, die 70 Mark kosten sollte. „Ich durfte nur mitfahren, wenn ich das Geld dafür selbst verdiene“, sagt die heute 66-Jährige. „Allein war das nicht zu schaffen, aber ich bekam Hilfe von meinen Geschwistern, und so habe ich im Wald genügend Beeren gesammelt – und konnte mitfahren.“

Während sich jedes Kind auf die Ferien freut, war die kleine Erika immer traurig: „Weil dann zu Hause von morgens bis abends gearbeitet werden musste.“ Und als sie sich dabei an der Hand verletzte und als Arbeitskraft ausfiel, gab es tägliche Vorwürfe vom Vater – das habe sie absichtlich gemacht, um nicht arbeiten zu müssen.

Erika Cziesielsky war 1949 mit Hüftdysplasie zur Welt gekommen. Nach einem jahrelangen Krankenhausaufenthalt – Besuche habe es so gut wie keine gegeben – wusste sie mit fünfeinhalb Jahren weder, was eine Mutter noch was eine Schwester ist. Als Kind auf dem Bauernhof mit dieser gesundheitlichen Vorgeschichte hat sie in den folgenden Jahren viel zu schwer gearbeitet – und wurde auch noch von einem der Brüder sexuell missbraucht. „Das ging fast drei Jahre“, erinnert sie sich. „Ich wollte nur noch weg, als ich mit der Schule durch war.“ Sie verließ das Zuhause, begann eine Lehre als Frisörin am Steinhuder Meer. Ausbildung, Heirat, elf Umzüge. Zwei Kinder, nach 26 Jahren die Scheidung von ihrem Mann – und dann die Herausforderung, das Leben nach neun Hüftoperationen alleine zu meistern. Seit 1998 lebt sie in Rotenburg. Cziesielsky beschreibt das alles fast sachlich, mit einfachen Sätzen und dennoch beeindruckend klar, weil es für die meisten Menschen kaum vorstellbar ist, was sie durchgemacht hat. Kaum Liebe, viel Arbeit. Dazu gesundheitliche Probleme. Und dann erfährt sie, dass ihr Vater Millionär war...

„Blechmeyers Mädchen“ von Erika Cziesielsky gibt‘s für 9,90 Euro als „Book On Demand“. ISBN: 978-3-7392-2761-0

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