CORONA UND DIE FOLGEN Lange Wartezeiten für die, die mobil sein wollen

Schwierige Zeiten für Kunden und Händler

Jens Schwarzwälder vor seinen Farrädern im Laden
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Jens Schwarzwälder hat wieder Fahrräder und Hoffnung auf gute Zeiten.

Wer in den vergangenen Monaten ein Auto oder ein neues Fahrrad kaufen wollte, musste mitunter Geduld beweisen: Lieferengpässe gab es an allen Ecken und Enden. Geht es jetzt wieder bergauf?

Rotenburg – Michaela hatte lange überlegt: ein neues Auto? Dann kam Corona, dann die Frage, ob E-Auto oder lieber doch konventionell, dann schossen die Benzinpreise durch die Decke. Aber irgendwie wollte sie nun doch nicht länger warten und ließ sich beim Autohändler beraten. Der war sehr nett und entgegenkommend, aber das mit dem Auto sei grade so eine Sache, erfährt die Rotenburgerin.

Beeindruckende Zahlen machen in diesen Tagen die Runde: Laut Handelsblatt haben Daimler, VW und BMW das beste Ergebnis seit Jahren, getoppt noch von Toyota. Gut 25 Prozent mehr als noch vor einem Jahr verkaufen die Marktführer im Schnitt. Corona scheint wirtschaftlich überwunden. Aber jetzt tut sich ein anderes Problem auf, mit dem die Kundin nicht gerechnet hatte: Ein Auto zu bekommen ist momentan schwer.

Olaf und Thorsten Bruns vom Autohaus Bassen in Rotenburg bestätigen das. Lieferzeiten von drei Monaten sind das Minimum, auf manche Modelle muss man auch weit länger warten. Und wer sich auf den Höfen der hiesigen Autohändler umsieht, staunt: Auch der Jahres- und Gebrauchtwagenmarkt ist fast leer gefegt. Jetzt, wo es doch eigentlich wieder losgehen könnte.

Spätestens im Frühjahr 2022 sollte es wieder „boomen“: Olaf Bruns im Autohaus Bassen.

Der Corona-Schock sitzt den Bruns-Brüdern noch tief in den Gliedern: Als die Pandemie im März 2020 um sich griff, war es, „als ob sie uns die Tür abgeschlossen hätten“, so Thorsten Bruns. Der Ausstellungsraum dicht, die Werkstatt kaum nachgefragt, Kurzarbeit. Die Folge war „ein erheblicher Umsatzeinbruch“. Und ein – eigentlich ja erfreulicher – Umstand kam noch hinzu. Weil kaum noch Autos unterwegs waren, gab es auch kaum noch Unfälle und somit kaum noch entsprechende Aufträge für die Werkstatt. Dann ging es langsam wieder bergauf, auch die staatlichen Hilfen kamen schnell, bis es vor Weihnachten 2020 wieder „katastrophal wurde“. Nach fast zwei Corona-Jahren sollte es jetzt besser werden – aber „nun kriegen wir keine Autos“, so Olaf Bruns. Die ganze Welt war und ist von Covid-19 betroffen. Auch der Rohstoff- und Teilehandel. Entsprechend gab es überall Stillstand. Trotzdem wird – vor allem in den USA und China – verkauft wie nie zuvor. Man hofft darauf, so die beiden Bruns’, dass der „starke Partner“, also die Herstellerfirma in Japan, bald wieder zu einer „normalen Lage“ zurückfindet. „Das müsste bis Ende des nächsten Frühjahrs klappen.“ Wohin der Weg dann führt, ist nach deren Meinung noch nicht klar. Ausschließlich Elektroantrieb wird nicht funktionieren. Wasserstoff ist offensichtlich noch zu aufwendig und teuer, läuft aber in Fernost schon. Geduld ist gefragt. Auch die genannte Kundin ist schließlich fündig geworden.

Geduld war auch bei den bundesdeutschen Fahrradhändlern angesagt. Auf den ersten Blick die Gewinner der Pandemie. Als nichts mehr ging, Geschäfte und Kneipen geschlossen hatten und noch nicht mal mehr die Großfamilie zusammenkommen konnte, stand die Wiederentdeckung des Fahrrads an. Schon kurz vor Corona stiegen die Verkaufszahlen bundesweit um etwa 20 Prozent. Und in der Pandemie schien es richtig loszugehen. Wer nach Feierabend oder am Wochenende in der Rotenburger Ahe unterwegs war, kam sich schon fast vor wie auf holländischen Fahrrad-Highways. Hinzu kam, dass ein neuer Trend immer mehr um sich griff: das E-Bike. Galt das noch bis vor wenigen Jahren als Vorstufe zum Rollator, übersteigt inzwischen die Zahl der neuen E-Bikes die der herkömmlichen Velos deutlich. „Auf 60:40“ schätzt der Rotenburger Fahrradhändler Jens Schwarzwälder die jeweiligen Anteile auch in seinem Laden. Hätte Michaela ihren Besuch im Frühjahr allerdings dort gemacht, hätte sie vermutlich nicht weniger gestaunt als beim geplanten Autokauf. Corona hatte auch hier einen enormen Lieferengpass beschert. Sei es, dass ganze Fahrräder oder auch nur Teile virusbedingt in Asien festhingen oder sich ein riesiges Containerschiff im Suezkanal festgefahren hatte. Mancher potenzielle Kunde musste dann hören, dass er „im Spätsommer“ noch mal nachfragen möge. Insofern sei Corona keinesfalls der große Umsatzbringer für die Branche gewesen, so Schwarzwälder. Seit etwa zwei Jahren gäbe es aber einen weiteren Trend, der sich immer mehr entwickele: Fahrrad-Leasing. Firmen leasen entsprechend für ihre Arbeitnehmer ein E-Bike. Das ist steuerlich günstiger als ein Gehaltsplus und schont die Umwelt. Und inzwischen sind, offensichtlich schneller als in der Autobranche, auch wieder Fahrräder verfügbar. Hier und da muss noch improvisiert werden, aber grundsätzlich läuft es wieder recht gut. Bei den derzeit rasant steigenden Infektionszahlen haben offensichtlich alle, auch die Fahrrad- und Autohändler, aber vor allem eine Hoffnung: Bloß nicht noch mal wieder alles dicht!

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