Schweden diskutiert über die Abschaffung von Scheinen und Münzen / In Rotenburg eher kein Thema

Bargeld immer noch am beliebtesten

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Kartenzahlungen nehmen zu, aber viele Menschen halten gerne am Bargeld fest.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Das Spülmittel für 1,95 Euro schnell mit der Kreditkarte bezahlen und den Preis für die Buskarte mit der Smartphone-App begleichen. Selbst beim sonntäglichen Gottesdienst geht nicht mehr der traditionelle Klingelbeutel durch die Reihen. Dafür steht das Kartenlesegerät bereit. Diese und ähnliche Szenarien werden derzeit in Schweden diskutiert. Die Skandinavier könnten laut Medienberichten nicht nur die Nation in Europa sein, die anno 1661 als erste das Papiergeld einführte, sondern sie könnten auch die ersten in der alten Welt sein, die es wieder abschaffen.

Eine Welt ohne Bargeld können sich zumindest in naher Zukunft wohl die wenigsten Menschen vorstellen. Bargeld geht den Deutschen nach wie vor über alles. Darauf weisen Wirtschaftsverbände und Vertreter des Einzelhandels immer wieder hin. Trotz vielfacher bargeldloser Zahlungsmöglichkeiten werden laut Statistik allein im Einzelhandel 50 Prozent des Umsatzes mit Bargeld erzielt. Gesamtwirtschaftlich sind es trotz boomenden Online-Handels noch immer rund 80 Prozent.

Kein Wunder also, dass sich die hiesigen Gewerbetreibenden eher weniger darüber Gedanken machen, ob sie ihre Umsätze in Zukunft nur noch als Plus auf dem Kontoauszug sehen. „Bei uns ist es kein Thema“, sagt unter anderem Cornelia Gewiehs, Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Citymarketing Rotenburg. Sie schätzt, dass es stark von der Branche abhängig ist, wer bargeldloses Bezahlen ermöglicht. Bäcker seien wohl eher auf Münzen und Scheine fixiert als der Textileinzelhandel.

Ebenso wenig wie in Rotenburg spielen Bargeldlos-Systeme wie in Scheeßel und Visselhövede eine Rolle. Innerhalb des Scheeßeler Gewerbe- und Verkehrsvereins (GVS) sei „das noch kein Thema“, erklärt Sprecherin Angelika Dorsch auf Nachfrage. Sie ergänzt: „Bei uns ist immer noch Bares Wahres.“ Bei den GVS-Mitgliedern gebe es auch kein großes Interesse, sich damit auseinander zu setzen, so Dorsch.

Ähnliche Töne sind aus Visselhövede zu hören. Ulf Timmann, Vorsitzender des Gewerbevereins, weiß: „Der Zahlungsverkehr mit Karte nimmt zu.“ Doch mehr als die bislang verbreitete Zahlungsweise mit EC-Karte, wie sie im Volksmund genannt wird, hätten noch nicht den Weg nach Visselhövede gefunden. Timmann findet: „Das ist alles eine Frage der Konditionen.“ Wenn die Gebühren gesenkt werden, könne er sich für sein Geschäft vorstellen, andere Bezahlsysteme freischalten zu lassen.

Sie werden nach dem Stand der Dinge über kurz oder lang auf dem Vormarsch sein, zumindest in den städtischen Ballungsräumen. „Auf dem Dorf ist es da schon schwieriger“, glaubt Rainer Bassen, Marketingchef der Sparkasse Scheeßel. Dort sei es schwieriger, Bezahlstellen zu finden. Also vertrauten die Menschen nach wie vor auf Scheine und Münzen. Sie seien im Übrigen wichtig, damit junge Menschen den Umgang mit Geld erlernen. Scheeßels Sparkassenmann macht deutlich, dass er nicht an eine komplette Abschaffung des Bargeldes glaube.

Von den anderen beiden Kreditinstituten, der Volksbank Wümme-Wieste und der Sparkasse Bremervörde-Rotenburg war wegen allgemeiner Urlaubszeit keine Stellungnahme zu bekommen.

Die Zahlungssysteme, auf die die Kreditinstitute bundesweit setzen, heißen „Girogo“ und „Paydirect“. „Girogo“ dient dazu, Kleinbeträge bis 20 Euro bargeldlos bezahlen zu können. Dazu laden die Nutzer ein Abonnement auf und können damit arbeiten, bis es verbraucht ist. Das System ist ähnlich dem der Geldkarte, ohne dass der Kunde jedoch zu einem Geldautomaten zwecks Aufladen des Chips laufen muss. Das Abo kann via Onlinebanking aufgeladen werden. „Girogo“ soll es als App, vor allem aber als Kartenangebot geben. Dazu bekommen die Kunden nach und nach neues Plastik. Deutschlandweit sollen es 45 Millionen Karten nur im Bereich der Sparkassen sein.

Das zweite System ist „Paydirect“. Das ist eine gemeinsame Entwicklung aller deutschen Kreditinstitute und soll alsbald auf den Markt kommen. In der Branche wird „Paydirect“ als „deutsches PayPal“ bezeichnet. Das Unternehmen betreibt unter diesem Markennamen ein Online-Bezahlsystem. Es dient in erster Linie zur Begleichung von Mittel- und Kleinbeträgen, beispielsweise im Online-Handel.

PayPal beherrscht das Marktsegment des sogenannten Payment Processing weltweit. Das Problem: Das Unternehmen hat seinen Sitz in San José in den USA, wo Datenschutz längst nicht so viel Gewicht hat wie in Deutschland und Europa. „Paydirect“ soll den bekannten Komfort beim Bezahlen mit höheren Datenschutzanforderungen kombinieren, werben die Banken.

Die Möglichkeit mit „Girogo“ zu bezahlen, soll es im neuen Jahr bei Cornelia Gerwiehs geben. Sie stellt nach eigenen Angaben derzeit ihr System um. Auch Ulf Timmann könnte sich Gedanken machen, denn die Gebühren für Bargeldlos-Systeme sinken ab dem 1. Januar. Bis 31. Dezember fielen für Kreditkarten noch Gebühren von 2,75 Prozent vom Umsatz an. Bei der Girocard, im Volksmund Euroscheck-Karte, waren es 0,30 Prozent.

Jetzt gelten neue europäische Richtlinien. Danach sind die Gebühren für Kreditkartenumsätze auf 0,9 Prozent und die für Girocards auf 0,20 Prozent gedeckelt – macht ein Minus von 70 beziehungsweise 30 Prozent.

Die günstigeren Gebühren könnten dazu führen, dass das eintritt, was Sparkassen-Mann Rainer Bassen schätzt: „In zehn Jahren sind wir alle mit Kreditkarte unterwegs.“

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