„Jede Frau hat ihre Gründe“

Schwangerschaftsabbruch: Beratung ist Pflicht, aber auch wichtig

Natalie Müller berät Schwangere, Paare mit Kinderwunsch – aber auch Frauen, die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken.
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Natalie Müller berät Schwangere, Paare mit Kinderwunsch – aber auch Frauen, die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken.

Rotenburg – Vier Stühle, ein runder Tisch. Pflanzen sorgen für ein wenig Grün, und die hellen Gardinen lassen Tageslicht in den Raum. In dieser Atmosphäre empfängt Natalie Müller jeden Tag Schwangere, Paare mit Kinderwunsch – aber auch Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen möchten oder sich unsicher sind. Müller ist Schwangerenberaterin am Diakonischen Werk Rotenburg, und zu ihrer Tätigkeit gehört auch die Schwangerschaftskonfliktberatung. Diese macht etwa ein Sechstel ihrer Gespräche aus.

Dass die Frauen zum Gespräch in ihr Büro kommen, hat aus Müllers Sicht einen wichtigen Vorteil. „Es ist eine Möglichkeit, in einem geschlossenen Raum offen mit einer außenstehenden Person zu sprechen“, erklärt die Sozialpädagogen. Das Gespräch selbst ist Pflicht. Frauen, die abtreiben möchten, benötigen eine Bescheinigung, damit der Eingriff straffrei ist. Denn im Prinzip ist der Schwangerschaftsabbruch nach dem Paragraf 218 der deutschen Strafgesetzgebung nicht erlaubt. Darin heißt es: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Vor genau 150 Jahren ist der Paragraf eingeführt worden.

Den Zusatz, nach dem eine Abtreibung durch einen Arzt durchgeführt werden kann, sofern die Frau sich zuvor hat beraten lassen, gibt es seit 1976. Darüber klärt Müller die Frauen meist direkt zu Beginn des Gesprächs auf. „Ich erkläre ihnen, warum die Beratung wichtig ist.“ Allerdings macht sie auch deutlich, dass sie den Schein unabhängig davon ausstelle, wie lange die Beratung dauert und wie sich die Frau am Ende entscheidet. „Wenn sie die Schwangerschaft fortsetzen möchte, kann sie das Stück Papier immer noch zerreißen“, so Müller.

Für die Sozialpädagogin wichtig: Sie verdeutlicht ihren Gesprächspartnern, dass sie im Anschluss diskret ist. Wenn Müller jemanden aus ihrer Beratung auf der Straße trifft, grüßt sie diejenigen nicht. „Es ist wichtig, Distanz zu bewahren und die Privatsphäre zu schützen“, erklärt sie. Eine Schweigepflicht bestehe zudem ohnehin. Auch darüber klärt sie ihre Gesprächspartner auf und macht zudem deutlich, dass das Gespräch ergebnisoffen ist. Die Sozialpädagogin erfährt auch gar nicht immer, ob die Schwangerschaft fortgesetzt oder abgebrochen wurde. Manchmal allerdings kontaktieren die Frauen sie hinterher.

Wie hoch der Anteil der Schwangeren ist, die schon mit einem festen Entschluss in ihr Büro eintreten, lasse sich schwer sagen. „Ich denke, das ist 50 zu 50“, schätzt die Beraterin, die allerdings ein Gespür dafür entwickelt hat, mit welcher Stimmung die Frauen zu ihr kommen. „Man merkt, wie sehr es sie beschäftigt oder auch belastet“, sagt Müller. Zwar hat sie einige Themen, mit denen sie das Gespräch beginnt, oft kommt sie aber gar nicht zu ihrer Einführung: „Einige reden direkt los.“ Andere seien im Verlauf des Gesprächs emotional, fangen an zu weinen. Auch darauf reagiert sie entsprechend: „Ich frage sie, was sie beschäftigt.“

Jede Frau steckt in einer besonderen Situation, weiß Müller, und oft ist diese belastend. „Da sind ganz unterschiedliche Lebensumstände dabei“, betont Müller. Ebenso sind die Sorgen und Probleme vielfältig, die die Frauen im Gespräch äußern. Finanzielle oder partnerschaftliche Sorgen, berufliche Bedenken: All das kommt vor. „Jede Frau hat ihre Gründe“, ist sie überzeugt.

Die Beratung muss übrigens nicht unter vier Augen stattfinden. „Ich befürworte ganz ausdrücklich, dass der Partner mitkommt“, sagt Müller – das gilt natürlich nur, wenn die Frau den Erzeuger kennt, beziehungsweise diesem von der Schwangerschaft erzählt hat. „Ich hatte hier schon fünf Personen in einer Beratung“, berichtet sie. Allerdings bittet sie Begleitpersonen auch immer für eine Zeit hinaus, um für einen Moment alleine mit der Frau reden zu können. Damit will sie ihnen das Gefühl geben, dass die Entscheidung ganz bei ihnen liegt. Manchmal, erzählt die Sozialpädagogin, merkt sie, dass die Frau von ihrem Umfeld beeinflusst wird, sei es von der Mutter oder dem Partner.

Ärzte und Krankenhäuser haben keine Mitteilungspflicht

Die Bundesärztekammer führt eine Liste mit Ärzten und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen (www.bundesarztekammer.de). Diese ist allerdings nicht vollständig, denn: „Es besteht keine Mitteilungspflicht“, weiß Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Gelistet sind dort unter anderem die Ostemed-Klinik Bremervörde und die Aller-Weser-Klinik Verden. Am Rotenburger Diakonieklinikum werden Schwangerschaftsabbrüche nicht durchgeführt, erklärt der Frauenklinik-Chefarzt Dr. Wladimir Pauker auf Nachfrage.

2020 sind laut der KVN in Niedersachsen 8 627 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt worden. 1 955 ambulant und 153 stationär im Krankenhaus, 6 499 in einer gynäkologischen Praxis.

Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung bietet neben dem Diakonischen Werk auch das Gesundheitsamt des Landkreises und die AWO Zeven an. Zudem berät Profamilia Stade in der Außenstelle Bremervörde. Es gibt zudem einen Arbeitskreis, in dem die Beraterinnen organisiert sind.

Doch die Entscheidung könne der Frau niemand abnehmen. „Einige fragen mich auch: Was würden Sie denn machen?“ Doch natürlich kann sie darauf keine Antwort geben. Was Müller aber klar macht, ist, dass die Frau sich bis zum letzten Moment umentscheiden kann. Ebenso allerdings: Ist die Entscheidung da, ist sie endgültig.

Aber egal, ob die Schwangerschaft abgebrochen oder fortgesetzt wird, bietet die Beraterin den Frauen an, dass sie auch später zu ihr kommen können. Denn mit dem Abbruch kommt jede Frau unterschiedlich klar. Manche erzählten ihr hinterher, wie sie es erlebt haben. „Sie fragen mich, warum sie nichts spüren oder umgekehrt, warum es sie so belastet. Es ist wichtig, diese Gefühle anzusprechen“, betont Müller. Frauen, die sich für den Abbruch entscheiden, empfiehlt sie ein Ritual, um damit abschließen zu können – sei es, eine Kerze anzuzünden oder einen Brief zu schreiben. „Das kann helfen, die Situation zu verarbeiten.“

Generell steht in der Beratung aber die Information im Vordergrund, Müller ist dabei um Neutralität bemüht. „Ich vermeide es, Kind oder Baby zu sagen, meistens spreche ich über Schwangerschaft“, erklärt sie. Neben Unterstützungsangeboten hinsichtlich der Betreuung und finanzieller Hilfe geht sie auch auf das Thema Verhütung ein. „Es ist wichtig, dass die Frauen sich darum Gedanken machen, wie sie nach dem Abbruch verhüten. Denn zwei Wochen später können sie wieder schwanger werden. Einige wissen auch kaum etwas über ihren Zyklus.“

Schwangerschaftsabbruch ist nach wie vor ein Tabuthema, die bestehende Gesetzgebung steht immer wieder in der Diskussion. Müller findet, dass der Eingriff komplett straffrei sein sollte. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Frauen sich ausreichend über das Thema Schwangerschaftsabbruch informieren können, mit möglichst wenig Hürden, so Müller: „Es ist wichtig, dass die Frauen wissen, dass es diese Beratung gibt.“

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