Freiberufliche Hebamme Antje Jäger schildert ihre Arbeit in der Corona-Krise

Schutzkleidung und Masken fehlen

Hebamme Antje Jäger hofft auf ein baldiges Ende der Krise. Foto: Goldstein

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Wie wirkt sich das Coronavirus auf die Arbeit der freiberuflichen Hebammen in der Region Rotenburg aus? Wie gehen Schwangere und ihre Familienmitglieder mit den vielen nötigen Einschränkungen um? „Bisher sind die Hebammen in der Region vor einer Ansteckung anscheinend verschont geblieben“, erklärt die selbstständige Hebamme Antje Jäger aus Rotenburg.

In einem Gespräch mit der Rotenburger Kreiszeitung beschreibt Jäger die aktuelle Situation ihres Berufsstands und mit welchen Problemen die Familien und Paare vor, während und nach der Geburt aus ihrer Sicht konfrontiert werden. „Wir sind uns unserer Verantwortung für die Gesundheit unserer zu betreuenden Frauen und Familien bewusst.“ Sie und ihre Kolleginnen würden soweit es geht bei den Hausbesuchen sowohl auf den eigenen Schutz als auch auf den der Schwangeren sowie deren Familienmitglieder achten, hätten jedoch kaum Schutzmaterial wie Mundschutz und Kittel. „Viele Hebammen hoffen, dass sie nicht in Quarantäne müssen, denn bereits jetzt ist die Arbeit gerade noch zu bewältigen“, sagt sie.

„Eigentlich hat sich für uns relativ wenig geändert, weil wir trotzdem die Familien besuchen müssen. Wir haben alle Desinfektionsmittel, um Hände und Gerät wie unter anderem die Babywaage zu desinfizieren.“ Fakt bleibe, dass ein Körperkontakt aus verschiedensten Gründen nicht ausbleibt. Sowohl die Familien als auch die Hebammen gehören meist nicht zur Risikogruppe. Mundschutz sei nicht zur Genüge vorhanden, daher müsste meist auch ohne gearbeitet werden, so Jäger. Oberstes Gebot sei es, Hände zu waschen. Seit Oktober seien Hebammen laufend mit Erkältungskrankheiten oder Darminfektionen und ähnlichem bei den Familien konfrontiert worden.

„Wenn eine Frau in Quarantäne wäre, wären wir verpflichtet, volle Komplettschutz-Montur sowie einen vorgeschriebenen professionellen Mundschutz zu benutzen. In diesem Fall würden wir die Hausbesuche auf ein nötiges Minimum reduzieren. Wenn wir dieses Material nicht haben, können wir keine Betreuung übernehmen.“ Auch Online-Beratungen würden in solchen Betreuungen infrage kommen, die jedoch nicht die direkte Arbeit miteinander ersetzen können. Die Krankenkassen hätten vor einigen Tagen beschlossen, dass solche Beratungen in der besonderen Corona-Zeit auch honoriert werden. Aber zurzeit sei das bei ihr noch Zukunftsmusik. „Wir durften bisher gar keine Online-Beratungen durchführen, beziehungsweise abrechnen.“ Online-Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gibt es in Rotenburg noch nicht, aber das könne vielleicht bald losgehen, wenn sich die Lage nicht entschärft. Es gebe laut Jäger im Landkreis bereits Kolleginnen, die diesen Service anbieten.

Was sich bei ihr geändert habe, sei die Anzahl der Wünsche nach Hausgeburten. Voraussetzung für eine Hausgeburt durch eine Hebamme sei, dass die Schwangere gesund ist. Nach der Geburt werden die jungen Mütter dann von den eigenen Hebammen betreut. Die „U2“ wird dann meist auch zu Hause durchgeführt. Das bedeutet, dass die jungen Mütter das Haus nicht verlassen müssen, so Jäger. Das senke das Infektionsrisiko auch durch das Virus. Außerdem würden viele Schwangere die Vorsorgeuntersuchungen bei den Hebammen anfragen, um nicht in oder vor einer Praxis warten zu müssen.

Sie selber mache viele Hausbesuche per Fahrrad, um zwischendurch frische Luft zu tanken. Bewegung, ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung halten fit und hoffentlich gesund. „Die Arbeit ist zurzeit sehr anstrengend, zumal bei den Hausbesuchen oft Kleinkinder im Haushalt sind, die das ganze ,Theater‘ nicht verstehen. Kinder leiden in dieser Zeit besonders. Papa macht oft Homeoffice, die Großeltern dürfen nicht kommen und Mama hat alle Hände voll zu tun, den Haushalt zu wuppen oder ist teilweise noch berufstätig“, so Jäger. Das sei besonders schwierig für Menschen, die in Mehrfamilienhäusern wohnen, ohne Garten, Spielplatz oder Balkon. „Die Kinder hängen häufig bereits morgens vor dem Fernseher oder PC.“

Großeltern, die sonst die Kinder auch mal beaufsichtigt haben, fallen für unbestimmte Zeit aus. „Viele Familien sind mit der Situation überfordert.“ Die Leidtragenden seien die Kinder.

„Was uns und viele Familien nervt, ist die Situation, dass wir alle ranklotzen und peinlich darauf achten, alte Menschen zu schützen, die Senioren sich aber zum Beispiel beim Einkaufen in die Warteschlange schieben, ohne den Mindestabstand einzuhalten, weil sie nicht verstehen, dass Distanz vor Infektion schützt.“ Einige Senioren würden den Einkauf nur nutzen, um raus zu kommen. Viele junge Familien bieten ihren Großeltern Unterstützung an, diese sei aber oft nicht gewünscht. Darauf angesprochen, würden einige pampig reagieren. „Dann sterbe ich halt“ – sei eine von vielen Äußerungen gewesen, die jüngere Leute schockieren. „Wenn das so ist, brauchen wir den ganzen Zirkus für die besonders Gefährdeten nicht zu machen“, stößt so ein Verhalten bei Jäger auf Unverständnis. Für sie sind genügend Schutzkleidung und geeignete Masken für ihren Berufsstand wichtig und sie hofft auf ein baldiges Ende der Maßnahmen.

Aktuelle Informationen zur Coronavirus-Krise:

- Informationen zum Schulausfall aufgrund des Coronavirus und den Beschlüssen der Landesregierung 

Maskenpflicht und DIY-Mundbedeckung: Das sollten Sie über Corona-Masken wissen

- Coronavirus: Wie sinnvoll sind Wegwerfhandschuhe für die Virenabwehr?

- Daten-Apps zum Coronavirus: Das kann die Stop-Corona-App - Was Kritiker und Befürworter zu der Technik sagen

- Live-Ticker zur Coronsvirus-Krise in Niedersachsen

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