Detektivarbeit unter Lehrern

Schulstart in voller Klassenstärke: „Eine Herkulesaufgabe“

Grafelschule Rotenburg
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Die Kinder und Jugendlichen kehren heute in ihre Schulen zurück.

Sechs Wochen Sommerferien sind vorbei, die Schule geht wieder los. Zwar ist da die Freude, dass es wieder Präsenzunterricht in voller Klassenstärke gibt, doch stehen damit Lehrer und Schüler vor der großen Aufgabe, eventuelle Lernrückstände zu erkennen und aufzuholen.

Rotenburg – Mittwochmittag, letzter Ferientag. Für die Rotenburger Schulleiter jedoch nicht. Sie sitzen schon seit Längerem wieder an ihren Schreibtischen und bereiten sich gemeinsam mit den Lehrern auf den Start nach den Sommerferien vor. Gerade trudeln noch Nachrichten aus dem Ministerium ein. „Das sind regelmäßige Briefe, die Informationen hatten wir letzte Woche schon“, sagt Sven Thiemer, Schulleiter der Integrierten Gesamtschule (IGS). Also alles entspannt? Nicht ganz, denn den ersten leichten Unmut gibt es bereits, als die Schüler noch gar nicht wieder in den Klassenräumen sitzen.

Der Schulstart verläuft zwar in gewisser Weise recht normal, alle Kinder haben wieder Präsenzunterricht. Die Laufwege sind bekannt, auch bei Klassenraumwechseln wurden die Schüler rechtzeitig informiert. Aber es gibt neue Regelungen, die ihrem Schutz dienen sollen: So herrscht unter anderem eine tägliche Testpflicht an den ersten sieben Schultagen und, anders als noch vor den Ferien, müssen die Masken wieder dauerhaft, auch am Platz, getragen werden.

Dagegen hat es bereits erste Beschwerden gegeben, so Thiemer. Auch Ratsgymnasium-Schulleiterin Iris Rehder hat Familien, die „aus weltanschaulichen Gründen von dieser Position abweichen“. Eine Wahl bleibt ihnen jetzt aber nicht mehr, denn sie können ihre Kinder nicht einfach Zuhause lassen. „Manchmal hilft Kommunikation.“ Wenn nicht, muss der Erlass durchgesetzt werden – notfalls von höherer Stelle. Aber: „Viele haben ihre Masken auch vor den Ferien trotzdem getragen“, merkt Thiemer an.

Gespräche zu Lüftungsanlagen

Anstrengend ist der Unterricht mit einer medizinischen Maske, „auch wenn er keine Herausforderung mehr ist“. Die Lehrer müssen wieder regelmäßige Maskenpausen einlegen. „Wir müssen darauf achten, dass das auch genutzt wird“, sagt Thiemer. Zum Beispiel während der Lüftungspausen. Die werden weiterhin eines der Hauptmittel für den regelmäßigen Luftaustausch bleiben. „Das ist die effektivste Methode“, findet Thiemer. Dennoch: Schüler mit Fensterplätzen werden im Herbst und Winter, an kalten und nassen Tagen, keine Freude haben, das ist allen bewusst.

Dass Lüftungsanlagen zur Unterstützung sinnvoll sein können, hat Thiemer bereits festgestellt: Die IGS verfügt über mehrere mobile Geräte, die beispielsweise während der Prüfungen zum Einsatz kamen. „Das könnten auch gerne mehr Geräte sein.“ Bei dem Thema könnte es aber Fortschritte geben: Die Stadtverwaltung hat als Schulträger bereits Einladungen rausgeschickt und für Mitte September zu einem Termin ins Rathaus gebeten. Auch der Landkreis hat für kommenden Montag eine digitale Sitzung für die Schulen in seiner Trägerschaft anberaumt. Das ist unter anderem wichtig, weil zum Beispiel im Ratsgymnasium vier Lernräume nicht optimal belüftbar sind, so Rehder.

Letztendlich geht Sicherheit vor. Gerade nach sechs Wochen Ferien soll kein unnötiges Risiko eingegangen werden. Reisen ist wieder, auch über größere Entfernungen, möglich; wer wo war, wird natürlich nirgends festgehalten. Aber manch ein Schüler kann aus einem Risikogebiet kommen. Die Eltern haben dazu und zum Thema Quarantäne bereits Informationen erhalten. Ein Schüler der Grafelschule kehrt erst am Montag in den Unterricht zurück, erklärt dessen Schulleiter Marc Puschmann.

Grundsätzlich würden aber gerade an der Grundschule die ersten Tage auch genutzt, mit den Kindern zu sprechen: Zwei Tage folgt zunächst reiner Klassenlehrerunterricht. Zeit, sie in Empfang zu nehmen, zu fragen, wie es ihnen geht, wie die Ferien waren. Und auch „herauszukitzeln, wo sie gewesen sind, um zu gucken, ob ein Risiko besteht“. Denn: Die Jüngsten sind diejenigen, die dem Coronavirus gegenüber am ungeschütztesten sind. „Wir Erwachsenen sind geimpft, können es aber natürlich bekommen und an die Kinder weitergeben, da ist eine Menge Vorsicht geboten“, sagt Puschmann. Aus diesem Grund habe er ein wenig „Bammel“ vor der kalten Jahreszeit.

Eine Herausforderung für den Schulalltag

Deswegen, sagt auch IGS-Kollege Thiemer, möchten sich die Lehrer weiterhin testen. Ob dafür künftig genügend Test-Kits vorhanden sein werden, wird sich zeigen, denn Pflicht ist es nicht. Noch sind aber genügend vorhanden und die Maßnahme sinnvoll, betont Thiemer. „Das ist unsere Verantwortung, wir möchten auf Nummer sicher gehen.“

Die größte Herausforderung wartet aber an anderer Stelle: Jetzt ist es wichtig, den Lernstand aller Schüler herauszufinden und ihnen beim „Zusammenleben lernen“ zu helfen, nennt es Rehder. Denn auch die soziale Komponente darf nicht vernachlässigt werden.

Viele waren lange im Homeschooling. Haben sie alleine den Stoff gelernt? Mit Unterstützung der Eltern oder auch gar nicht? „Das wird eine Herkulesaufgabe“, sagt Thiemer. Die Lehrer haben sich bereits damit befasst, welche Themen geschoben oder in manchen Fällen auch gestrichen werden können. Schriftliche Arbeiten werden deutlich zurückgefahren, sagt Rehder. Es gibt Lernstandserhebungen, um die Lücken zu finden, Projektarbeiten, Fördermöglichkeiten, die Ideenliste ist lang.

Dass nach den Sommerferien erst mal der Stand abgefragt wird, ist normal. „Es ist unser Job, sie danach abzuholen“, so Rehder. Diesmal sind die Voraussetzungen jedoch anders. „Viele waren lange Zuhause, wir müssen Lerndefizite erkennen und aufbereiten. Ganz individuell gucken, testen, Rücksprachen halten“, ergänzt Thiemer. „Wir müssen die Kinder wieder einfangen“, meint auch Puschmann.

Es sei zwar schön, dass alle wieder da sind, doch sind damit eben auch Einschränkungen verbunden. Dennoch, sagt Rehder, nehmen Eltern und Schüler diese größtenteils in Kauf. „Und die Lücken füllen wir mit Gelassenheit, Engagement und Augenmaß.“

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