Vera Meyer spricht über ihre deutsch-jüdischen Wurzeln

Das Schicksal einer Familie

„Familie Meyer aus Bielefeld – Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie”: Vera Meyer (v.l.) mit Michael Amthor und Inge Hansen-Schaberg laden zum Vortrag in die Cohn-Scheune ein. Foto: Bonath

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Witz, Optimismus, Kontaktfreude, Musikalität und vor allem die Überzeugung, dass menschliches Leben nicht von Konfrontation bestimmt, sondern von gegenseitigem Verständnis geprägt sein muss, das sind Eigenschaften von Vera Meyer. Die 68-Jährige hält am Mittwochabend ab 19 Uhr einen Vortrag in der Rotenburger Cohn-Scheune. Die sympathische und temperamentvolle Frau aus Boston im US-Staat Massachusetts ist Spross einer angesehenen deutsch-jüdischen Familie aus Bielefeld. Sie wird auf Einladung von Professor Michael Amthor, ehemaliger Chefarzt des Pathologischen Instituts des Rotenburger Diakoniekrankenhauses, in der Cohn-Scheune über das Schicksal ihrer Familie sprechen.

Eine Parallele lässt sich zwischen der Bielefelder Familie Meyer, der Rotenburger Cohn-Familie und unzähligen anderen jüdischen Familien erkennen: Sie wollten einfach nur gute Bürger und friedliebende Nachbarn sein. Längst nicht immer stand die Religiosität im Vordergrund. Mit den Nazis kam 1933 für die Juden Schritt für Schritt die Katastrophe, die von ersten Verfolgungen bis zur systematischen Vernichtung mit millionenfachem Mord reichte. Vera Meyers Großvater, Gustav Meyer, war in Bielefeld Rechtsanwalt und Notar. Als die Nazis die Herrschaft übernahmen, verließen seine drei Söhne Rolf, Hajo und Alfred Georg, Vera Meyers Vater, Deutschland. Rolf und Hajo suchten Schutz in England und Holland.

Vera Meyers Vater Alfred Georg gelang es, 1939 nach dem Abitur in die USA auszuwandern. Er trat in die US-Armee ein und wurde Offizier. Nach dem Zweiten Weltkrieg schickte ihn die Armee an die Harvard University, wo er Politologie und Russisch studierte. Während seiner langen Karriere als angesehener Wissenschaftler lehrte er an mehreren Universitäten, zuletzt an der University of Michigan über die Sowjetunion. 1991 wurde er für seine Arbeit für den Transatlantischen Austausch vom deutschen Bundespräsidenten mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt.

Meyers Großeltern Gustav und Therese haben es nicht geschafft, aus Deutschland zu fliehen, sie wurden Opfer des Holocaust. Bevor sie in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz umkamen, hatten sie ihren Söhnen Abschiedsbriefe geschrieben. Bewegende Briefe, die Nachbarn versteckt und nach dem Krieg ausgehändigt haben. Vera Meyer bringt sie mit und wird sie während der Veranstaltung vorlesen.

Amthor, der mit Vera Meyer befreundet ist: „Sie wird in der Cohn-Scheune über das Schicksal ihrer jüdischen Familie berichten. Vera Meyer hat trotz der Traurigkeit über das Schicksal ihrer Familie ihre Liebe zu den deutschen Menschen und ihrer Kultur nicht aufgegeben. Es wird ein Abend, an dem es um Versöhnung geht.”

Meyer, die in Boston in einer Firma arbeitet, die Software für Krankenhäuser herstellt, hat ein großes Anliegen: die Versöhnung mit den Deutschen. Die 68-Jährige sagt: „Ich habe vor vier Jahren meine Facebook-Gruppe ,JEWS‘ – Jekkes Engaged Worldwide in Social Networking – gegründet, weil ich mich so einsam fühlte. Ich wollte Gleichgesinnte finden, die ähnlich wie ich denken und empfinden. Die von den Nazis angestrebte Ausgrenzung des jüdischen Teils der Bevölkerung möchte ich wieder rückgängig machen. Die Wunden sollen also wieder geheilt werden.”

Es handelt sich um eine weltweite Gruppe von zur Zeit rund 1 800 Mitgliedern. Nachkommen deutscher Juden teilen dabei ihre Erinnerungen an ihre Familien und möchten das kulturelle Erbe der deutschen Juden ehren. „So kommt es zu einer Art gemeinsamem Gefühl“, erklärt Meyer.

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