„Die Stimmung war explosiv“

Zwei Zeitzeugen erinnern sich an das „Olympia-Attentat“ vor 45 Jahren

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Enno Krüger (l.) aus Verden und Gert Flöge aus Scheeßel – Kampfrichter bei den Olympischen Spielen 1972 – tauschen bei der Lektüre des offiziellen Olympiabuchs Erinnerungen aus. 

Scheeßel / München - Von Ulla Heyne. Heute, am 5. September 2017, jährt sich die als „Olympia-Attentat“ in die Geschichte eingegangene Geiselnahme elf israelischer Athleten bei den Olympischen Spielen 1972 zum 45. Mal. Enno Krüger (98) und Gert Flöge (76), zwei Zeitzeugen, die damals als Leichtathletik-Kampfrichter die Landkreise Rotenburg und Verden vertraten, erinnern sich an diese Spiele und daran, wie das „Massaker von München“, Vorbote des deutschen Herbstes, die „fröhlichen Spiele“ veränderte.

Herr Krüger, Herr Flöge, wie kam es, dass Sie bei den Olympischen Spielen als Kampfrichter dabei waren?

Krüger: Ich war Bezirksvorsitzender in Verden in der Leichtathletik. Damals wurde aus jedem Bezirk ein Kampfrichter geschickt, natürlich Leute mit Erfahrung. Das war eine Ehre – man wurde von der Bundesregierung dafür freigestellt –, das ist sogar gesetzlich geregelt.

Zweieinhalb Wochen Freistellung für die Olympischen Spiele: Gab das nicht Ärger mit Ihrem Arbeitgeber?

Krüger: Als Vermessungsbeamter hatte ich keine Probleme. Die haben höchstens komisch geguckt, weil ich vier Wochen vorher schon wegen der Deutschen Meisterschaften weg gewesen war. Flöge: Damals war ich junger Lehrer an der Eichenschule. Nach dem letzten Wettkampf bin ich abends mit der Bahn zurückgefahren, einen Tag vor der Abschlussfeier. Die hatte sich durch die Anschläge ja um einen Tag verschoben. Meine Eintrittskarte habe ich am Bahnhof verschenkt. Das ist mir schon ein bisschen schwergefallen. Aber ich wollte am Morgen wieder vor der Klasse stehen.

Gab es Vorgaben durch den Veranstalter?

Krüger: Es gab einen Anzug in Laubfroschgrün mit fliederfarbenen Hosen, vier paar Socken, je zwei lang- und zwei kurzärmelige Hemden und einen Hut. Und die Ansage: „Bloß nicht im Gleichschritt einmarschieren!“ Die ersten Spiele in Deutschland nach 1936 sollten der Welt ja beweisen, dass wir keine Nazis waren.

Waren Sie im olympischen Dorf untergebracht?

Flöge: Dort hatten wir bei den Deutschen Meisterschaften vier Wochen vorher gewohnt, für uns Kampfrichter eine Art Generalprobe für die Spiele. Dieses Mal wohnten wir in gerade fertiggestellten Wohnblocks in unmittelbarer Nähe.

Wie haben Sie die Geschehnisse rund um die Geiselnahme elf israelischer Sportler durch palästinensische Terroristen erlebt, die damit palästinensische und deutsche Terroristen aus Gefängnissen freipressen wollten?

Flöge: Die Leichtathletik hatte einen freien Tag. Um den zentausenden Menschen täglich zu entgehen, war ich mit einem Kollegen nach Garmisch-Patenkirchen gefahren. Auf der Alm haben wir dann im Kofferradio in den Nachrichten gehört, was da los war. Als wir zurückkamen, war die Stadt um das Stadion abgeriegelt. Nur dank meines Olympiaausweises durfte ich die letzten drei U-Bahnstationen bis zum Olympiadorf weiterfahren. Dort war überall Blaulicht, es herrschte gespenstische Leere. Alles war still, bis auf eine einsame Bongotrommel, die aus dem Dorf drang. Das werde ich nie vergessen. Krüger: Ich hatte an dem Tag beim Springreiten in Nymphenburg zugeguckt – obwohl die Geiselnahme ja schon am frühen Morgen erfolgt war, hat man den ganzen Tag nichts erfahren. Die einzigen Informationsquellen waren ja Radio, Fernsehen und Zeitung.

Wie haben Sie den Abend verbracht? Da waren die Verhandlungen um Verlängerung des Ultimatums und Freilassung der Geiseln im olympischen Dorf noch in vollem Gange…

Flöge: Wir saßen vor dem Fernseher und haben uns die Berichte angeguckt. Als der Sprecher sagte: „Gute Nacht, Deutschland, alles ist gut ausgegangen“, haben wir ihm das geglaubt – und er es wohl auch. Da flogen gerade die Hubschrauber in Richtung des Flughafens Fürstenfeldbruck an unserem Fenster vorbei, zum Greifen nahe. Man konnte die Insassen erkennen. Wahrscheinlich gehörten wir zu den Letzten, die sie lebend gesehen haben. Seine Aussage habe ich dem Sprecher noch Jahre übel genommen – aber wahrscheinlich wusste er es nicht besser. Das war wohl keine gezielte Fehlinformation; er dachte, alles ist vorbei.

Am Abend endete der Befreiungsversuch in einem Desaster – insgesamt kamen 17 Personen ums Leben. Wie ging es für Sie weiter?

Flöge: Am Morgen danach herrschte im Frühstücksraum natürlich eine gedrückte Atmosphäre. Die Bedienungen, fast alles Studentinnen aus dem arabischen Raum, hatten versteinerte Gesichter. Aber alle waren gekommen, um ihren Job zu machen. Sie schwankten zwischen Unverständnis und so etwas wie Säuernis, dass jemand die bis dahin fröhlichen Spiele zerstört hatte. Die Stimmung war explosiv – ich dachte: „Jetzt ein Streichholz, und der Laden geht hoch!“ Krüger: Erst am nächsten Tag bei der Trauerfeier haben wir, wie alle anderen auch, erfahren, dass die Olympischen Spiele fortgesetzt werden, als der IOC-Präsident Avery Brundage verkündete: „The Games must go on!“

Wie hat sich danach das Klima verändert?

Flöge: Danach war alles anders: Die Polizisten waren bewaffnet, das war vorher nicht der Fall gewesen. Statt der hellblauen Sonntagsanzüge trugen sie ganz normal Uniform. Es herrschte ein Klima der Bedrücktheit. Die Spiele waren nicht mehr dieselben.

Die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen wurden den Veranstaltern im Nachhinein vorgeworfen – war man Ihrer Einschätzung nach einfach zu leichtfertig gewesen?

Flöge: Vielleicht war man etwas zu gutgläubig gewesen. Krüger: Gutgläubig trifft es nicht – der Anschlag kam ja aus heiterem Himmel. Heute wäre man auf so etwas anders eingestellt. Damals hatte niemand damit gerechnet.

Die Fortsetzung der Spiele: eine richtige Entscheidung?

Krüger: Absolut! Sonst wären viele Menschen enttäuscht gewesen. Es war schon richtig so: Erst die Trauerfeier, und dann weiter. Flöge: Ich bin mir sicher, dass sich nicht alle einig waren. Aber es gab Stimmen, die mit der Fortsetzung der Spiele ein Zeichen gegen den Terrorismus setzen wollten. So wie heute in Barcelona, Paris oder London, wo die Leute bewusst sagen: Ich gehe jetzt erst recht da wieder ins Konzert oder dort flanieren.

Hatten Sie danach keine Angst?

Flöge: Überhaupt nicht. Die Situation war anders als heute, mit Kettenreaktionen war nicht zu rechnen.

Was sind Momente, an die man sich gern erinnert?

Flöge: Ich erinnere mich noch an den Tag der Vorqualifikationen im Hochsprung. Als ich mit dem überfüllten Bus fuhr, teilte ich mir die Festhalteschlaufe mit Ulrike Meyfahrth – sie oben, ich unten, sie war ein Stück größer als ich. Sie war gerade mal 16 und vor den Qualifikationen ziemlich nervös. Drei Tage später hat sie dann die Goldmedaille gewonnen. Krüger: Das Kampfgericht Sprung II war auch für den Weitsprung der Frauen zuständig, den Heide Rosendahl gewann. Die erste Medaille für Deutschland, und wir beide haben den Sprung gemessen – 6,78 Meter. Was uns den Spitznamen „die Goldjungs“ eingebracht hat. Flöge: Bei Heide Rosendahl, die in der Siebenkampfpause neben uns im Kampfrichterblock saß, habe ich zum ersten Mal nach einem Autogramm gefragt. Sie war äußerst schroff; sie hatte gerade im Hochsprung vergeigt. Als auch noch ihr Trainer mich anpampte, ich sollte sie in Ruhe lassen, habe ich spontan geantwortet: „Was kann ich denn dafür, dass sie keinen Hochsprung kann?“ Im Endeffekt hat sie im Siebenkampf die Silbermedaille geholt. Ich habe nie wieder im Leben jemanden um ein Autogramm gebeten. Und ich bin unversehens zum Nationaltrainer von Malawi avanciert. Beim Dreisprung kam deren Vertreter auf mich zu und wollte wissen: „Wie weit ist es bis zur Grube?“ Auf meine Antwort „13 Meter“ sagte er: „Das schaffen wir nie“. Ich erwiderte: „You must spring with Schmackes!“ Im Wettkampf schaffte er es mit Hängen und Würgen in die Grube: 13,02 Meter – neuer Malawi-Rekord!

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