„Schädliche Neigungen“

Amtsgericht verurteilt Pärchen zu mehrjährigen Jugendstrafen

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Der Aktenberg zu den Taten der beiden jungen Leute aus Visselhövede ist kräftig angewachsen. Das Amtsgericht sieht nun mehrjährige Gefängnisstrafen als angemessen an.

Rotenburg/Visselhövede - Von Michael Krüger. „Es liegt am Angeklagten, ob er die Chance nutzt.“ Richterin Sabine Ostermann wollte dem 18-Jährigen am Mittwoch vor dem Rotenburger Amtsgericht noch ein wenig „Licht am Ende des Tunnels“ lassen, an einer Strafe in Jugendhaft führe aber kein Weg mehr vorbei.

Gemeinsam mit seiner Freundin hat sich der Visselhöveder einen großen Haufen an Straftaten geleistet. Gelernt habe er aus den bisherigen Verurteilungen und staatlichen Ermahnungen aber nicht. Das soll er nun in „mehrjähriger Erziehungsarbeit“ nachholen – genauso wie die mitverurteilte 21-Jährige, die ebenfalls in Visselhövede lebt.

Drei Jahre Jugendstrafe für den 18-Jährigen, zwei Jahre und sechs Monate für seine Freundin – mit dem Urteil bleibt das Amtsgericht zwar unter der Forderung von vier und dreieinhalb Jahren der Staatsanwaltschaft, eine Bewährungsstrafe, wie vergangene Woche von den beiden Pflichtverteidigern als angemessen bezeichnet, hielten Ostermann und die beiden Schöffen aber nicht mehr für möglich. Über Jahre seien beide immer wieder mit kleineren Delikten aufgefallen, selbst während laufender Prozesse und beim jungen Mann während der Bewährungszeit sei das munter so weitergegangen. „Sie sind erheblich strafrechtlich in Erscheinung getreten.

Gleich mehrere Straftaten begangen

Ostermann zählte noch einmal kurz auf, was in fünf Verhandlungstagen zur Sprache kam: Nötigung, Betrug, Sachbeschädigung, Fahren ohne Führerschein, Diebstahl, Hehlerei, Raub und Körperverletzung. Alles Taten, die sich seit Mai 2016 angesammelt haben. „Es steht fest, dass sie die Straftaten wie geschildert begangen haben“, so die Vorsitzende Richterin in Richtung der beiden jungen Menschen, die einen Großteil der Vorwürfe eingeräumt hatten. 

Am schwerwiegendsten wertete das Gericht einen Vorfall vom 4. Mai 2016. Nachdem das Paar beim Schwarzfahren mit Freunden im Zug nach Bremen erwischt worden war, hat es laut Ostermann versucht, fehlendes Geld durch sexuelle Dienste aufzutreiben. Ein an einem Getränkemarkt angesprochener Mann habe das Angebot annehmen wollen, sei dann aber später von den Angeklagten in seiner Wohnung erpresst worden.

Am gleichen Tag habe das Paar einer 78-Jährigen die Handtasche gestohlen. Beim Handgemenge sei die Seniorin gestürzt und schwer verletzt worden. Weitere Taten wie nicht bezahlte Taxifahrten, Sachbeschädigungen an einem Spielplatz oder der Diebstahl von Fernsehern und einem Goldring bei einem Mann in Visselhövede trügen zur verhängten Strafe bei. Beim jungen Mann komme erschwerend hinzu, dass er die jüngsten Taten während einer Bewährungszeit nach einem Urteil im Februar begangen habe. Auch sei er nie bei den sozialen Hilfsangeboten erschienen, die ihm das Gericht nahegelegt hatte. Ostermann: „Er hat nichts angenommen, um sein Verhalten zu ändern.“

Junge Mutter soll in Haft

Beiden jungen Leuten, die das Urteil mit versteinerter Miene und zu Boden blickend entgegennahmen, attestierte die Richterin „schädliche Neigungen“. Es sei in beiden Fällen eine „Reifeverzögerung“ zu erkennen, die „erheblichen Persönlichkeitsmängel“ sollten nun im Jugendstrafvollzug aufgearbeitet werden. 

Dafür seien die mehrjährigen Haftstrafen „mindestens erforderlich, um auf sie einzuwirken“. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts hatte von den Problemen der Heranwachsenden berichtet. „Es ist von einer schlechten Zukunftsprognose auszugehen“, sagte sie über den 18-Jährigen. Er selbst äußerte sich nach den Plädoyers: „Es war alles schlecht, was früher gewesen ist, das muss ich besser machen.“ Beim Urteil sind „Erziehungsgesichtspunkte ausschlaggebend“, sagte Ostermann. So sollte beiden die Möglichkeit gegeben werden, im Gefängnis einen Schulabschluss zu machen und bestenfalls sogar eine Ausbildung zu beginnen.

Verteidiger will gegen Urteil vorgehen

Wann oder ob überhaupt die beiden jungen Erwachsenen in die Jugendhaft gehen, ist noch offen. Direkt nach der Urteilsverkündung hieß es vonseiten der Verteidigung, dass man Rechtsmittel einlegen werde. Acht Wochen habe das Gericht Zeit, ein schriftliches Urteil vorzulegen, dann werde man dagegen vorgehen. Realistisch sei eine Verhandlung in zweiter Instanz vor dem Landgericht Verden im zweiten Quartal 2018. 

Ob die Richter dort weiterhin „schädliche Neigungen“ attestieren, dürfte wesentlich vom Verhalten der beiden in den kommenden Monaten abhängen. Und schließlich stünde ja noch die Frage im Raum, wie die junge Frau mit ihren vier kleinen Kindern im Vorschulalter überhaupt im Strafvollzug „erzogen“ werden kann. Es gibt zwar Einrichtungen wie das Mutter-Kind-Heim der Justizvollzugsanstalt Vechta, deren Plätze sind aber gerade im geschlossenen Bereich rar.

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