Vom Saulus zum Paulus

Kreiskantor Simon Schumacher weiß zu improvisieren

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Wirbt für seinen Paulus: Simon Schumacher.

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. „Jetzt geht sie endlich los, die Paulus-Woche“, begrüßt Kreiskantor Simon Schumacher seine Gäste am Pfingstmontag in der Stadtkirche und scheint damit dem bunten Spektakel der „Fogelvreien“ auf dem Heimathaus-Gelände trotzen zu wollen. Zuvor war er noch recht aktiv und kraxelte in Anzug und Krawatte mit der Leiter in seiner Orgel herum. „Wir haben hier 21 Grad“, er-klärt er. „Solchen Tempera-turanstieg mag die Orgel nicht, da müssen die Zungen nachgestimmt werden. Wenn ich das nicht mache, klingt die Orgel nach historischer Aufführungspraxis.“

Daher also das ungewöhnliche Vorkonzert, als die Gäste die Kirche betreten. Im Altar wachsen Birken, auch kein alltäglicher Anblick, Spuren des Pfingstfestes. Schumacher möchte musikalisch auf sein Paulus-Oratorium aufmerksam machen und widmet dem Stoff eine abenteuerliche Improvisation. Zunächst eröffnet er das Konzert mit französischem Barock des allzu jung verstor-benen Nicolas de Grigny. Sein „Vene creator spiritus“ lässt den Zuhörer wegen klanglicher Vielfalt staunen. Dabei aber geht es doch noch recht historisch zu, schrillen doch manche Zungen durch den Gehörgang, was dem Pracht-vollen aber nichts nimmt. Es hüpft in einem Duo zuweilen heiter bis wolkig, dann näselt das Krummhorn, am Ende türmt sich ein klanglich ge-schnörkelter Orgelprospekt feierlichen Barocks auf. 

Dass Simon Schumacher zu improvisieren versteht, beweist er anschließend mit einer Choralfantasie im norddeutschen Stil, wo feinste Chromatik nordischem Orgelwind trotzt und luftige Töne getupft werden. Aus dem Publikum wird ein Wunsch-Choral erbeten, über den Schumacher eine Partita im süddeutschen Stil zu improvisieren gedenkt. Hat da wirklich jemand „Vom Himmel hoch“ gerufen? Letztlich fällt die Entscheidung auf „Schmücke das Fest mit Maien“. Und los legt der Orgelmeister in sechs Sätzen, die man im Gottesdienst als Vorspiel hören möchte, ohne, das jemand zum Gesang einsetzt. Endlich holt Simon Schumacher zu seiner Paulus-Improvisation aus. Hier werden Christenverfolgung und Steinigung exzessiv hörbar, marschieren kriegerische Truppen, rumort es bedrohlich, schmettern Fanfaren. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus gerät beinahe schmerzhaft durch Flirren eines kaum hörbaren Pfeifentons. Zum Paulus mutiert, werden Mendelssohnsche Anklänge wohlig hörbar. Eine Missionsreise in die Türkei lässt die Klais-Orgel orientalische Hüftschwünge machen, eine Schifffahrt wird bei romantisch wogendem Wellengang erlebbar gemacht, die Mission in Griechenland lässt Paulus Sirtaki tanzen.

„Ich bin ganz begeistert, dass Simon Schumacher so spielt“, sagt ein Zuhörer. „Ich tue mich nach wie vor schwer mit der Orgel“, äußert eine Zuhörerin, „auch wenn Herr Schumacher toll gespielt hat.“ „Schön, die Orgel so vielfältig zu hören“, schwärmt ein anderer Gast. Damit ist also der Auftakt für die Paulus-Woche gemacht, und die „Fogelvreien“ mögen wieder abschwirren. Am 16. Juni gehört Paulus die ganze Aufmerksamkeit in der Stadtkirche.

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