SOMMER ZUHAUSE Tourismus daheim gewinnt in Krise

Sanft und gesund

Urlaubsidylle geht auch zuhause – wie hier am Beispiel Bullensee zu sehen.
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Urlaubsidylle geht auch zuhause – wie hier am Beispiel Bullensee zu sehen.
  • Michael Krüger
    vonMichael Krüger
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Rotenburg – „Zurück zur Natur“, könnte der Touristikverband Landkreis Rotenburg (Tourow) auf seine Werbebroschüren schreiben – wäre die rousseausche Redewendung nicht schon allzu abgegriffen und der Tourow selbst nicht viel kreativer. Trotzdem trifft es genau das, worum es beim Thema Tourismus im Landkreis und vor allem jetzt in der Corona-Krise geht: „Für uns steht die Gesundheit ganz oben“, sagt Tourow-Geschäftsführer Udo Fischer.

Zugegeben: In wirtschaftlicher Hinsicht spielt der Tourismus zwischen Visselhövede und Bremervörde eine eher untergeordnete Rolle. Das Hurricane-Festival, der Eurostrand und die Reha-Klinik in Gyhum sind die großen „Besuchermagnete“, insgesamt beziffert Gesa Weiß die anteilige Wertschöpfung der Branche im Landkreis aber nur auf 1,7 Prozent – 61 Millionen Euro pro Jahr. Während der Tourow für die Praxis des Tourismus’ im Landkreis verantwortlich ist, laufen auf Behördenseite die Fäden bei Weiß im Kreishaus zusammen. „Wirtschaftsförderung“ ist das Schwerpunktthema der gelernten Hotelfachfrau mit Hochschulabschluss im Tourismusmanagement. Mehrere Studien haben Politik und Verwaltung in den vergangenen Jahren in Auftrag gegeben, um genauer zu erkunden, was es an Tourismus überhaupt gibt und welche praktischen Schlüsse man daraus ziehen kann. Gemündet sind Bestandsaufnahme und Chancenbewertung im Regionalen Tourismuskonzept von 2017. 1,62 Millionen Übernachtungen werden dort pro Jahr aufgelistet, dazu 1,3 Millionen Aufenthaltstage von Tagestouristen. 910 Vollzeitstellen schaffe der Tourismus damit. Natürlich sei es auch das Ziel, diese wirtschaftliche Effekte auszubauen, sagt Weiß. Und dann folgt das Aber.

„Wir wollen kein zweiter Heidekreis werden“, sagen Fischer und Weiß unisono. Touristische Großprojekte wie in Bispingen oder Soltau seien nicht das Ziel. Vielmehr das, was gerade jetzt in der Corona-Krise immer mehr Menschen aufs Land ziehe: Abstand, Naturerlebnisse, Weite. Die gute Erreichbarkeit der Region über die Autobahnen oder Bahnlinien führe immer mehr Städter hinaus auf die Nordpfade oder Radrouten hin zu den Melkhüs, Dorfgasthöfen oder kleinen Museen. „Wie wichtig diese touristische Ausrichtung ist, bekommen wir gerade alle mit“, sagt Weiß. Tourow-Chef Fischer kann das auch mit Zahlen belegen. Waren es vor Corona noch 300 bis 400 Prospekte, die monatlich verschickt wurden, sind es in der großen Lockdown-Zeit 5 000 gewesen. Kistenweise hätten die vier Mitarbeiter des durch den Landkreis und die Mitgliedsgemeinden finanzierten, seit 1996 bestehenden Tourismusvereins die Briefe zu den Postkästen geschleppt. „Viele entdecken den Landkreis neu, wenn keine Kreuzfahrtschiffe mehr fahren und Flugreisen ausfallen.“

Das gelte aber nicht nur für Auswärtige, sondern vor allem auch für die Menschen, die hier leben. Als „weichen Standortfaktor“ bezeichnet Wirtschaftsförderin Weiß die Ausrichtung der touristischen Angebote auf die eigene Bevölkerung. Der Freizeitwert müsse hochgehalten und anders ausgerichtet werden als der in einer Stadt. „Das Leben auf dem Land gewinnt“ in der Krise, ist Weiß überzeugt. Und jetzt, da Gaststätten und alle anderen Lokale wieder öffnen können, bleibe auch wieder Geld in der Region – ein nur radelnder Tourist bringe schließlich keinen Umsatz. Er muss auch eine Pause machen.

„Erholung und Entschleunigung“ gelten nach dem Tourismuskonzept als touristische Kernkompetenzen des Landkreises. Dies werde „durch die abwechslungsreiche Landschaft und die gute Lage zwischen Hamburg, Bremen und Hannover begünstigt“. Was es bereits gibt und wie vielfältig die Angebote sind, hat der Tourow nun auf einer neuen Website festgehalten. Seit einigen Tagen ist das Portal www.freizeit-row.de freigeschaltet. Der Nutzer kann dort seinen Standort freigeben und erhält dann direkt Rückmeldungen über das, was in erreichbarer Nähe zu sehen, zu erleben und zu genießen ist. Fischer hält das für einen wichtigen Schritt der digitalen Vernetzung mit sanften Tourismus: „Wir sind überzeugt, dass der Landkreis Potenzial für mehr hat.“

Von Michael Krüger

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