Plädoyer für Friedenspolitik

Von „Russland-Astrologie“ und Recherche in Satiresendungen

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Fast eine Stunde lang stellte sich die Historikerin Gabriele Krone-Schmalz den fachkundigen Fragen aus dem Publikum.

Rotenburg - Russland verstehen in knapp zwei Stunden – geht nicht? Geht doch! Zumindest ansatzweise, wenn man eine so kompetente „Russland-Erklärerin“ geladen hat wie am Donnerstagabend der Wachtelhof. „Eine Grundfeste wie der Papst oder Kanzler Kohl“, kündigt Direktor Heiko Kehrstephan die Journalistin Gabriele Krone-Schmalz an.

Bekannt ist die 67-Jährige durch ihren charakteristischen Haarschnitt, den sie, inzwischen ergraut, immer noch als Markenzeichen trägt, und ihre messerscharfen, von viel Zuwendung und Sachkenntnis der komplexen Materie „Russland“ gekennzeichneten Exkurse. Die prägen auch am Donnerstagabend die Ausführungen der Auslandskorrespondentin aus dem Land von Hammer und Sichel – gefühlt Jahrzehnte, in der Tat aber nur knapp fünf Jahre, stellt Kehrstephan fast erstaunt fest.

Aufforderung zur Skepsis

Das Bild, das die Professorin für Journalismus in ihrem Vortrag vom flächenmäßig größten Land der Erde zeichnet, verhält sich fast diametral zum Russland-Bild in den deutschen Medien. Mit hochgezogenen Augenbrauen und bedeutungsvollem Blick, beides kennen die meisten noch aus dem Fernsehen, stellt sie in gestochen präziser Sprache, logisch und strukturiert, dar, warum die Annektierung der Krim in ihren Augen eine Sezession war. Sie hinterfragt den von den Medien geprägten Begriff der „völkerrechtswidrigen Annektierung“ ebenso wie das Bild, das die Medien von „Russland als ewigem Bösewicht“ zeichnen – und relativiert eingefahrene Denkmuster.

Krone-Schmalz ruft in ihrem die Konzentration fordernden Exkurs dazu auf, näher hinzusehen, nicht alles auf den ersten Blick zu glauben, skeptisch zu sein – dieser Appell geht an die 190 Zuhörer ebenso wie an die Studenten in ihren Uni-Vorlesungen. Kenntnisreich, rhetorisch gewandt, überaus charmant und um Wahrhaftigkeit bemüht, demontiert sie das Bild von Putin, der sich die baltischen Staaten unter den Nagel reißen will: „Das ist nicht in Russlands Interesse.“ Dabei hat sie gleich eingangs klargestellt, dass es die eine Wahrheit nicht gebe, „sondern nur verschiedene Wahrnehmungen“.

Friedenspolitik ohne Sanktionen

Immer wieder führt die „Russland-Versteherin“ – ja, auch dieses Stigma lässt sie nicht unkommentiert –, die Kurzsichtigkeit deutscher und EU-Politik vor Augen. Sie plädiert für eine Friedenspolitik ohne Sanktionen: „An allen Ecken der Welt brennt es – wäre es nicht schlau, Russland beim Schaffen einer möglichst gerechten Weltordnung einzubeziehen?“ So habe man in der Vergangenheit, gerade nach der Wiedervereinigung, viele Chancen verpasst, in den Dialog mit dem Land zu treten. Die Forderung des Mitglieds im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs nach mehr Schüleraustausch mit Russland, „das ist eine Schutzimpfung gegen Borniertheit“, quittiert das Publikum mit Applaus.

In der anschließenden, fast ebenso langen Fragerunde zeigt sich, dass auch im Publikum geballte Kompetenz sitzt. Dezidiert sind die Nachfragen nach Gas-Exporten, zum Goldstandard oder zum Verhältnis zwischen Putin und Erdogan. Die Journalistin flachst gut gelaunt: „Haben Sie heute noch was anderes vor?“ Und sie hat genügend Größe, auch mal zu passen und keine „Russland-Astrologie“ zu betreiben. Das A und O ist für sie Recherche, auch die Medien bekommen mehr als einmal ihr Fett weg: „Journalisten müssen Fakten checken und auch mal rausgehen und mit den Menschen sprechen!“, so ihr Ratschlag an junge Kollegen, „es ist traurig, wenn die besten Recherchen sich nur noch in Satiresendungen finden, weil die ein größeres Budget haben.“ 

hey

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