Mehr als 70 Musiker

Scheunenkonzert: Ausnahme-Pianist Alexander Vorontsov begeistert Publikum

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Alexander Vorontsov bediente den Flügel mit technischer Sicherheit und Ausdruck.

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. Geduldig ordnet sich die Warteschlange Hunderter Besucher in gleißender Abendsonne auf dem Hartmannshof vor dem Eingang der Konzert-Scheune. Wieder einmal haben sich Nabu und Rotenburger Werke zusammen getan, um das inzwischen vierte Konzert-Programm von Musik-Professor Thomas Posth aus Hamburg umzusetzen. Und wieder einmal funktioniert alles, was diesen Samstagabend unvergesslich machen soll.

Mehr als 70 junge Musiker des Sinfonieorchesters der Universität Hamburg sind angereist und bevölkern die Bühne. Selbst ein Konzert-Flügel findet noch seinen Platz. Das altehrwürdige Gebäude haben tatkräftige Hände des Nabu und der Rotenburger Werke zu einem rustikalen Konzert-Saal umfunktioniert, als sei diese alte Scheune für nichts anderes gebaut worden. 

Roland Meyer, Vorsitzender des Nabu Rotenburg, spart daher in seiner Begrüßung nicht mit Dank an alle, die zum Gelingen dieses Konzertes beigetragen haben. „Wir müssen gar keine Werbung machen“, gibt er unumwunden zu. Die Konzerte auf dem Hartmannshof seien längst ein Selbstläufer.

Jutta Wendland-Park, Geschäftsführerin der Werke, bringt ihre Freude zum Ausdruck, dass so ein musikalischer Abend wieder möglich geworden sei, und dankt in diesem Zusammenhang auch dem Dirigenten Thomas Posth, der damals die Initiative für die Scheunenkonzerte ins Leben rief. 

Russische Stücke gewinnen an diesem Abend Leichtigkeit

Nun ist er wieder da mit seinem jungen Orchester, diesmal mit „russischer Seele“ im Gepäck. Stehen doch Sergej Rachmaninows 2. Klavierkonzert – eine echte Herausforderung für jeden Pianisten – und Dimitri Schostakowitschs 5. Sinfonie auf dem Programm. Schwere Kost, die aber hier in der Scheune sommerliche Leichtigkeit bekommt.

Den Anfang macht Alexander Vorontsov – ein 22-jähriger Ausnahme-Pianist, der den eigens herangeschafften Bösendorfer Flügel mit technischer Sicherheit und Ausdruck bedient. Er nimmt „Rach Zwo“, wie dieses zweite Klavierkonzert im Programm heißt, souverän in Angriff, streichelt Tastatur und russische Seele. Was aus Klavier und Orchester kommt, ist süffig und geht berauschend unter die Haut. 

Das Orchester folgt dem temperamentvollen Dirigat Posths, der immer wieder strahlt. Der Mann hat sichtlich Freude bei der Arbeit, die wiederum aus dem Orchester zurückkommt und sie ins Publikum spielt. Das ist nach der ersten Programm-Hälfte nun ganz aus dem Häuschen. Stehende Ovationen, Bravo-Rufe für Alexander Vorontsov, Thomas Posth und das junge Orchester.

In der Pause schlenderten die Besucher über den idyllischen Hof.

„Wie kann man Rachmaninow eigentlich nicht mögen?“, fragt sich erstaunt eine Zuhörerin in der Pause. Draußen zwitschert eine Lerche über dem Kartoffelacker, vollkommen unbeeindruckt von dem, was soeben 500 Menschen begeisterte. Besucher schlendern über den idyllischen Hof in der Abendsonne. Wie fühlen sich die Musiker? „Wir hören uns gut“, sagt ein junger Geiger und lobt damit die Akustik. „Und das Publikum trägt die Sache mit.“ 

Noch etwas sei ihm aufgefallen: An einer Stelle habe ein Vogel genau im Rhythmus mit gezwitschert. Man höre und staune, hier ist auch die Tierwelt musikalisch. Die Lerche aber wird es nicht gewesen sein, die singt noch immer ihr eigenes Lied.

Zweite Konzerthälfte, Schostakowitsch ist an der Reihe. Der kommt freilich etwas sperriger daher. Wie heißt es im Programmheft? „Er stellt das Gigantische dem Intimen gegenüber, das Groteske dem Entzückenden, das Triumphale dem Erbärmlichen.“ 

Die Musik passt zum Veranstaltungsort und umgekehrt

Wie wahr, das wird sehr deutlich. In ekstatischen Passagen mit vollem Orchester, Blech, Pauken und Trompeten, die nicht laut genug sein können, fällt der Putz von den Wänden. Oder war das schon? Hier wachsen Musik und Location zu einer Symbiose mit rauem Charme zusammen.

Am Ende wieder stehende Ovationen, Jubelrufe, Pfiffe aus dem Publikum. Dafür gibt es eine fetzige Zugabe aus der Dominikanischen Republik. Ein verrückt-fröhliches Stück, „das“, so Thomas Posth, „jetzt bei jeder Gelegenheit gespielt wird“. 

Es fegt alles heraus, was zuvor in dieser Scheune Platz hatte: Russische Seele, Staub und Spinnweben und ganz zuletzt ein frenetisch jubelndes Publikum. Und viele der Zuhörer stehen ganz gewiss wieder geduldig in der Warteschlange vor dem nächsten Scheunenkonzert auf dem Hartmannshof.

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