Das Leben in der Kreisstadt an einem ganz normalen Freitag

ROW24: Rotenburg in einem Tag

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7.32 Uhr: Das traurigste Motiv des Tages. Bianca Burfeind bereitet einen Abschied vor.

Rotenburg - Von Guido Menker. Ein junges Paar steht vor dem Traualtar. Die beiden sind glücklich – und doch bleibt ein Traum der Frau unerfüllt: Eigentlich hatte sie sich immer gewünscht, an ihrem Hochzeitstag mit einer weißen Kutsche zu fahren. Ein teures Vergnügen. Es ist das Jahr 1958. Das Geld dafür fehlt. Aber dennoch ist es ganz offensichtlich eine lange Liebe, die die beiden verbindet.

Freitag, der 18. Dezember 2015: 57 Jahre nach der Eheschließung verabschiedet sich der Mann im Haus „Seelenfrieden“ von seiner Frau, wenige Stunden, bevor die Beisetzung stattfindet. Bianca Burfeind vom Bestattungsunternehmen Brückmann hat alles für den Abschied vorbereitet: Kerzen brennen, und ein prächtiges Blumengesteck aus roten Rosen liegt auf dem Sarg. Der ist weiß. Weil es damals mit der Kutsche nicht geklappt hat...

Eine Liebeserklärung zum Abschied – das bewegt auch Bianca Burfeind. Es ist 7.20 Uhr an diesem Freitag, den sich die Redaktion ausgesucht hat, um die 24-Stunden-Reportage mit dem Titel „ROW24“ zu starten. Der Besuch im Haus „Seelenfrieden“ ist eine von 34 Stationen, die wir an diesem Tag ansteuern – und zugleich die bewegendste. „Seelenfrieden“ – für Bianca Burfeind ist der Name Programm. Jeder Trauerfall ist anders, sagt sie. Immer wieder stößt sie auf Geschichten, die sie nicht vergisst. Sie sind so einzigartig, wie die Menschen, die sie erlebt haben.

24 Stunden Rotenburg. Wir sind von 0 bis 24 Uhr unterwegs, tauchen ein in das Leben der Kreisstadt und lassen uns treiben. Sport und Musik, das Aufeinandertreffen von jungen und alten Menschen, Weihnachtsfeiern, Mittagessen im Imbiss, Stippvisiten in der Kneipe, beim Tätowierer, bei der Polizei, in der Notaufnahme, im Schnellrestaurant, Bahnhofs-Kiosk, Fitness-Studio oder im Naturkindergarten – so ein Tag in der Kreisstadt hat viel zu bieten. Und das zu allen Tages- und Nachtzeiten.

Einen derart vollen Terminkalender an nur einem Tag hat die Redaktion noch nie gehabt. Wohlgemerkt für den gesamten Südkreis, in dem wir unterwegs sind. Und jetzt sind es nur wir beide, die sich an die Arbeit machen. Ausschließlich in Rotenburg. Bevor es losgeht, treffen wir uns in der Redaktion. Die Stadt ist wie leergefegt. Draußen ist es zwar warm, aber ungemütlich. Es nieselt. Wir trinken Kaffee, gehen unseren Plan noch einmal durch, motivieren uns für das, was uns bevorsteht – und machen uns auf den Weg.

Zum Start gehen wir in das „Max 2.0“ am Neuen Markt. Wir treffen den Wirt, eine Mitarbeiterin und eine Handvoll Gäste am Tresen, erzählen von unserem Vorhaben und ernten ungläubiges Lächeln. „Warum macht Ihr das?“, will einer wissen. Weil wir glauben, dass es spannend ist zu sehen, was an einem ganz normalen Freitag in Rotenburg so passiert. Nach einem Kaffee und dem Versprechen, in 24 Stunden zurückzukommen, um die Reportage-Tour hier am Tresen ausklingen zu lassen, geht es weiter. Der Wirt verspricht, uns dann einen auszugeben.

Es werden viele weitere Tassen Kaffee sein, die wir trinken. Mit dem Auto legen wir in diesen 24 Stunden mehr als 90 Kilometer zurück, der Schrittzähler zeigt die Marke von 18331 an und rechnet diese in 12,81 zurückgelegte Kilometer um – bei bewältigten 36 Stockwerken.

Nun ist aber Schluss mit dem Jammern: Selbst bei aufkommender Müdigkeit bereitet der Trip schließlich unglaublich viel Freude. Es sind die Begegnungen mit durchgehend netten Menschen, die sich offen und gesprächsbereit geben. Sie freuen sich, es in unsere Reportage geschafft zu haben. Es sind Menschen, wie wir ihnen täglich auf der Straße begegnen – ohne zu wissen, was sie bewegt und beschäftigt, wovon sie leben, wie sie ihre Freizeit verbringen und was ihnen Spaß macht. Aber mit dem, was sie machen, sorgen sie alle dafür, dass Rotenburg nicht nur lebens-, sondern eben auch liebenswert ist.

#ROW24: O bis 12 Uhr - mit Frühaufstehern unterwegs

#ROW24: 12 bis 24 Uhr - kreuz und quer in Rotenburg unterwegs

Zwischen 5 und 6 Uhr erwacht die Stadt, beim Bäcker gibt es frische Brötchen, im Ronolulu treffen sich die Frühschwimmer, der Verkehr nimmt zu – die Arbeit ruft. Für uns starten jetzt knapp acht Stunden, in denen ein Termin den anderen jagt. Kaum Zeit zum Verschnaufen, keine Zeit zum Müdewerden. Die Stunden vergehen wie im Flug. Noch am Vormittag erreicht uns ein Anruf aus dem Diakonieklinikum: Ja, es hat an diesem Tag auch eine Geburt gegeben. Klare Sache: Wir fahren hin. Der kleine Delian Rohr bringt 3900 Gramm auf die Waage, ist 55 Zentimeter groß und sorgt nicht nur bei Mama Angelina, sondern auch bei Papa Christopher sowie Schwester Daria Tamina für große Freude. Knapp zwölf Stunden nach dem Besuch im Haus „Seelenfrieden“ ist dieser Tag mit dieser Geburt schon jetzt eine runde Sache – obwohl noch fast sechs weitere Stunden vor uns liegen. Der kleine Delian hebt unsere inzwischen von der Müdigkeit beeinflusste Stimmung. Weiter geht’s. Der Handy-Akku ist fast leer, der Kaffeekonsum deutlich gestiegen. Wir bleiben wach und steuern am Ende wieder das „Max 2.0“ an – wie versprochen. Die Wiedersehensfreude ist groß. Beim Wirt und auch bei uns. Er gibt einen aus. Versprochen ist versprochen.

Der trauernde Mann kann inzwischen hoffentlich gut schlafen. Ich muss an ihn denken, obwohl ich ihn nicht kennengelernt habe. Freude und Trauer – beides gehört zum Leben und liegt manchmal ganz nah beieinander. An jedem Tag. Auch an diesem Freitag, den 18. Dezember, der unter „#row24“ auf unserer Homepage nachzulesen ist und in unsere Redaktionsgeschichte eingehen wird.

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