Christian Meyer über gescheiterten Maitour-Versuch 2013

„Kooperation als einmalige und letzte Chance“

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Das Bild war eindeutig – großes Interesse hatte die Maitour-Bewegung 2013 nicht an der Müllaktion.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Idee einer Interessengruppe, die Maitour zum Bullensee durch mehr Engagement der „Jugend“ vor dem Verbot zu retten, ist nicht neu.

Christian Meyer

Der Versuch der aktuell Aktiven, die sich nach Bekanntwerden der Restriktionen in Rotenburg vor drei Wochen zunächst über Facebook und nun auch ganz „real“ zusammengeschlossen haben, um mit Behörden, Verwaltung und Vereinen Gespräche über Lösungen zu führen, gleicht der Situation vor drei Jahren: 2013 hatten sich das Online-Magazin Row-People.de und das Disko-Portal Party-Bouncer.de mit Stadt und Landkreis an einen Tisch gesetzt, um zumindest das Müllproblem in den Griff zu bekommen. „Feiern gegen Müll“ war die Devise, aber der Versuch scheiterte auf ganzer Linie. Im Interview versucht Christian Meyer als Verantwortlicher bei Row-People.de, die Maitour-Probleme einzuordnen und Perspektiven aufzuzeigen. Der 27-jährige Veranstaltungskaufmann aus Zeven lebt und arbeitet heute in Hamburg.

Sie haben mit Row-People schlechte Erfahrungen gemacht, was die Eigenverantwortung der Jugend-Bewegung betrifft. Was haben Sie versucht?

Christian Meyer: Nachdem bereits 2012 Stimmen gegen die Tour zum Bullensee laut wurden – es waren wie heute Alkohol- und Abfallprobleme –, sahen wir die Wanderung erstmals ernsthaft in Gefahr. Mit der Überzeugung, es müsste möglich sein, die Teilnehmer zu sensibilisieren und als Gemeinschaft das Bestehen der „Veranstaltung“ zu sichern, entwickelten wir ein Konzeptpapier, welches wir mit den Behörden, ehrenamtlichen Helfern unseres Magazins und den Freunden von Party-Bouncer bestmöglich umzusetzen versuchten.

Wie wollten Sie das konkret umsetzen?

Meyer: Wir haben vom Grafeler Damm und der Knickchaussee bis zum Parkplatz des Bullensees Müllcontainer und Entsorgungsstationen aufgestellt. Wir haben ab dem frühen Morgen des 1. Mai mit Hinweis auf die gegebenen Möglichkeiten und über den gesamten Tag eine Masse an Müllbeuteln verteilt und wiesen mit Nachdruck auf die Wichtigkeit hin. Durch eine Vielzahl an Hinweisschildern am Wegesrand sowie die umfangreiche Kommunikation in lokalen und sozialen Medien verschafften wir uns Gehör und stießen anfangs auch auf breiten Zuspruch.

Das Konzept ging aber letztlich nicht auf.

Meyer: Richtig. Der Zuspruch wurde nur von wenigen Teilnehmern über die Wanderung getragen. Die vorgesehenen Container und Entsorgungsstationen wurden umgestoßen und zerstört, Hinweisschilder abgerissen, demoliert und zusammen mit dem restlichen Müll in der Landschaft verteilt. Mit zunehmendem Alkoholpegel der Teilnehmer hagelte es beleidigende und verspottende Kommentare unter der Gürtellinie.

Hat sich die Maitour zum Bullensee verändert?

Meyer: Maitouren finden wie Vatertagstouren seit Jahr und Tag statt, so auch zum Bullensee. Row-People mischte sich seit 2002 unter das friedliche Feiervolk. Große Unterschiede, wie ältere Semester vor 20 Jahren die Touren erlebten, gibt es vermutlich nicht. Man startete mit Fahrrad oder kleinem Bollerwagen, ein paar Getränken und den Freunden auf eine entspannte Tour. Die Stimmung war fröhlich, ausgelassen, es wurde getrunken, die Strecke war voll, aber überschaubar. Man kannte sich.

Hier gelten die Beschränkungen - Lageplan

Was hat sich dann verändert?

Meyer: Die vergangenen Jahre zeigen, wie sich nicht nur die Tour, sondern vor allem die Jugend verändert hat. Wie sie feiern und unterwegs sein möchte. Was zur Unterhaltung dazu gehören muss und wie beispielsweise die Maitour zum Bullensee dieser Vorstellung immer mehr angepasst wurde: Heutzutage findet man sich am 1. Mai auf einer sieben Kilometer langen, ohrenbetäubend lauten und anstrengenden öffentlichen Trinkveranstaltung, ohne Verantwortliche und ernstzunehmende Regeln wieder. Ein Open Air, das an das Hurricane Festival oder an die alte Love Parade erinnert.

...mit den entsprechenden „Nebenwirkungen“?

Meyer: Der Alkohol fließt exzessiver, große Beschallungswagen gehören zum Bild dazu, und die Maitour zum Bullensee ist schon lange keine lokale Angelegenheit mehr. Erlebnishungrige Teilnehmer kommen aus umliegenden Gemeinden, Landkreisen sowie aus den benachbarten Großstädten. Die Wanderung hat einen Event-Charakter erreicht, der sich bisher nicht von den Teilnehmern allein in geordneten Bahnen halten lässt. Überschüssige Energie, Flaschen, Müll, Fahrzeugüberreste und jegliche Art von mitgebrachtem Material werden zwischen Ortsschild und Bullensee abgeladen – aus der Feierlaune heraus, aufgrund angestauter Aggressionen oder weil es so gut wie alle machen.

Wodurch sind diese Probleme entstanden?

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Meyer: Zum einen ist der ursprüngliche Gedanke der Maitour über die Generationen verloren gegangen und hat sich ins Extreme verändert, wie es nur schwierig mit den behördlichen und umweltlichen Anforderungen vereinbar ist. Durch den zunehmenden Event-Charakter in einem vermeintlich freien Raum wurde die Aufmerksamkeit auf den Bullensee größer und die Teilnehmerzahlen stiegen. Mit der Vielzahl an Besuchern nahm die Intensität und das Tempo der Veranstaltung zu. Da es keine ernstzunehmenden Auflagen gibt, geschweige denn jemanden, der es in den Jahren schaffte, die Masse zu koordinieren, entwickelte sich eine Eigendynamik, die bisher von Jahr zu Jahr in größer werdendem Unmut gipfelte. Die Freiheiten der Maitour, ein ausgeprägtes Verständnis vom sorgenfreien, rücksichtslosen Feiern und möglicherweise zu wenig bindende Vorgaben seitens der Stadt haben die Veranstaltung durch die unkontrollierte Entwicklung der vergangenen Jahre zu dem werden lassen, was sie heute ist.

Ist es denn ein Ausweg, den jungen Menschen das Feiern zu verbieten?

Meyer: Man sollte die jungen Leute mit der Problematik konfrontieren und sie zur Kooperation und Mitarbeit verpflichten, um die Maitour in einem geregelten Rahmen durchführen zu können. Und diese Kooperation und Mitarbeit sollte für dieses Jahr als einmalige, letzte Chance eingefordert werden. Auflagen sind in Anbetracht der Größe und dem Umfang der Maitour zwingend notwendig. Nach den ernüchternden, vergangenen Jahren ist es jedoch nun an den jungen Leuten, Engagement und Willen in einer großen Interessengemeinschaft zu zeigen und die Art der Maitour grundlegend zu überdenken.

Also wie kann eine Maitour zum Bullensee klappen?

Meyer: Als möglichen Kompromiss sehe ich eine enge Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der Interessensgruppe. Eine große Anzahl an ehrenamtlichen Helfern, mindestens 250, müsste sich als Voraussetzung für die Genehmigung bis zu einem festgelegten Zeitpunkt finden und bereit erklären, als Gemeinschaft eine Kaution zu hinterlegen. Diese würde nach erfolgreicher Zusammenarbeit zurückgezahlt werden. Vereinbaren müsste man, gemeinsam mit der Abfallwirtschaft die Wege der Maitour zu säubern. Die erforderlichen Behältnisse und Materialien stellt dann die Stadt, die Organisation der Aufräumaktion und des ehrenamtlichen Personals wird in die Hände der Interessensgemeinschaft gegeben. Es sollte einen festen Ansprechpartner geben, der die Gespräche mit den Behörden führt und die Schnittstelle zu allen namentlich gelisteten Helfern darstellt. Durch die Verpflichtung und den Einbezug einer nicht unerheblichen Zahl Freiwilliger sehe ich eine Chance, die anonyme, chaotische Großveranstaltung, zumindest was das Müllproblem betrifft, in den Griff zu bekommen. Im Idealfall überträgt sich die Verantwortung und Umsicht auf weitere Teilnehmer. Zur Regulierung der Lautstärke ließe sich vielleicht ebenfalls eine Vereinbarung treffen. Den Alkohol aus der Veranstaltung zu nehmen, schätze ich jedoch als sehr problematisch, personal- und kostenintensiv ein.

Bilder von der Bullensee-Maitour 2015

Tausende auf dem Weg zur Party am Bullensee

Maitour zum Bullensee - Teil 2

Maitour zum Bullensee - Teil 3

Maitour zum Bullensee in Rotenburg / 4

Maitour zum Bullensee in Rotenburg / 5

Maitour zum Bullensee in Rotenburg / 6

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