Theologin verlässt den Kirchenkreis Rotenburg

Superintendentin Susanne Briese: „Die Hauptstadt der Diakonie“

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Heute kommt der Umzugslaster: Susanne Briese verlässt den Kirchenkreis Rotenburg.

Rotenburg - Von Guido Menker. Das war’s. Susanne Briese geht. Nach drei Jahren als Superintendentin im Kirchenkreis Rotenburg wagt sich die Theologin an eine neue berufliche Aufgabe in Hannover heran. Vor den Mitgliedern des Kirchenkreistages hat sich die 53-Jährige verabschiedet – danach stand sie der Kreiszeitung für ein Interview zur Verfügung.

Die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen?

Susanne Briese: Also mir geht es sehr gut. Aber ich muss sagen, zu so einem Umbruch gehört auch Ambivalenz. Ich freue mich auf die neue Aufgabe und auf die Kollegen, die ich dort habe, auf die Stadt und darauf, dass mein Mann nicht mehr so weit fahren muss. Er arbeitet nämlich noch in Würzburg. Ich bin aber auf der anderen Seite wirklich auch traurig, weil ich mich in Rotenburg wohlgefühlt habe. Diese kleine Stadt ist einfach charmant. Die Arbeit hat mir immer Freude gemacht. Das war eine Aufgabe, die ich gerne wollte. Und nun gehe ich raus in eine andere sehr schöne Aufgabe. Diese Ambivalenz muss man aushalten, die gehört dazu.

Die Frage zielte auch auf Ihre zwischenzeitliche Erkrankung ab. Es klingt aber so, dass Sie sie gut überstanden haben.

Briese: Ja, sehr gut sogar. Da habe ich wirklich großes Glück gehabt. Ich bin sehr gut da durchgekommen, es wurde frühzeitig erkannt, und insofern bin ich jetzt wieder voll da und muss auch keine Befürchtungen haben. Das wird mir immer wieder bestätigt, und darauf vertraue ich auch. Diese Zeit der Krankheit ist ein ziemlicher Einschnitt gewesen. So etwas steckt man nicht so einfach weg. Aber es war für mich auch eine Zeit, in der ich über mich selbst noch einmal viel gelernt habe. Dafür bin ich dankbar.

Bei der Bekanntgabe Ihres Abschieds aus Rotenburg haben Sie gesagt, Sie hätten gelernt, anders auf Ihr Leben zu schauen und anders mit Ihrer Gesundheit umzugehen. Was heißt das?

Briese: Ich bin immer schon jemand gewesen, der sich zu mehr als 100 Prozent eingesetzt hat. Zeitlich und auch vom inneren Engagement und von der Begeisterung für die Sache her. Nun habe ich gelernt, dass der Mensch auch dann etwas wert ist, wenn er nicht permanent Hochleistung bringt. Das ist etwas, was ich eigentlich nicht betonen muss, weil wir das in unserer Kirche ja auch predigen. Aber ob man es für sich selbst begreift und gelten lässt, ist noch einmal eine andere Frage. Ich habe also gelernt: Ich darf auch ein Stück zurücktreten. Und das tue ich jetzt auch. Aus der Hochverantwortung einer großen Komplexität gehe ich jetzt einen Schritt zurück in eine andere Verantwortung. Und ich bin sehr froh darüber, dass ich das machen kann.

Vor drei Jahren sind Sie als Superintendentin nach Rotenburg gekommen. Mit welchen Erwartungen haben Sie damals die Stelle angetreten?

Briese: Als ich kam, waren wir kurz davor, die neue Finanz- und Stellenplanung gestalten zu müssen. Der Stellenplan ging ja bis Ende 2016, ich war 2015 gekommen. Ich bin mit der Erwartung gekommen, dass das Amt der Superintendentin ein Steuerungsamt ist. Das heißt, darauf zu achten, dass die finanzielle Struktur zukunftsfähig und die personelle Situation der finanziellen Struktur angemessen ist. Zugleich müssen wir dafür sorgen, dass die Aufgabenbereiche, für die unsere Mitarbeitenden zuständig sind, nicht immer größer werden, weil ihnen sonst auch irgendwann die Puste ausgehen könnte. Was ich auch erwartet hatte, war, dass ich hier die Kirche repräsentieren kann – in der Stadt und im Kirchenkreis. Das ist sehr gut gelungen.

Welche Ihrer Erwartungen haben sich erfüllt?

Briese: Wir haben es geschafft, die Finanz- und Stellenplanung so zu gestalten, dass wir sogar noch neue Schwerpunkte setzen konnten. Und zwar da, wo wir eine Zukunftsherausforderung sehen. Einmal die Arbeit mit Kindern. Dazu haben wir beschlossen, dass wir jeder Region finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, damit sie die Arbeit mit Kindern personell aufstocken kann. Die Regionen sind dabei, ihre Konzepte dafür zu entwickeln. Das andere war die Schaffung einer neuen Stelle zusammen mit dem Kirchenkreis Bremervörde-Zeven. Es geht dabei um die Gemeindeinnovation. Das sind zwei Themen, mit denen wir uns auf die Zukunft hin ausrichten. Das haben wir geschafft – trotz der finanziellen Lage. Das finde ich toll.

Welche Erwartung hat sich nicht erfüllt?

Briese: Nicht ganz erfüllen ließ sich, dass die Kollegen spürbare Entlastungen bekommen. Das ist sehr komplex. Unsere Gemeindestrukturen sind so, dass wir so um die 3 000 Gemeindeglieder pro Gemeinde haben. Das ist schon nicht wenig. Das Gute ist, dass wir dazu in jeder Region Diakoninnen und Diakone haben. Trotzdem arbeiten unsere Kolleginnen und Kollegen oft am Rande der Belastung. Ich hätte gerne mehr dazu beitragen wollen, dass sich die Situation für sie mehr entspannt. Doch das ist auch eine Herausforderung, die man nicht als einzelner Kirchenkreis leisten kann. Wir werden einen Fachtag zum Thema Aufgabenkritik und Leitbildentwicklung im Pfarramt haben. Den kann ich nun leider nicht mehr mitgestalten, aber den wird es geben. Und der soll auch dabei helfen, Aufgaben neu zu definieren und das Berufsbild Pastor neu zu bestimmen. Damit jeder gesund und gerne arbeiten kann.

Mit welchen Erkenntnissen verlassen Sie Ende des Monats die Kreisstadt?

Briese: Ich werde die Erfahrung mitnehmen, dass wir wohl wirklich die Hauptstadt der Diakonie sind. Das wird über uns ja immer wieder gesagt. Das kirchlich-diakonische Gepräge dieser Stadt war deutlich zu spüren. Wir sind eine Stadt, die barrierefrei ist. Nicht nur, was Räumlichkeiten und Wege betrifft, obwohl es da auch noch Entwicklungsbedarf gibt. Hier lebt man im positiven Sinne fast wie in einem Dorf. Man kennt sich, und das führt dazu, dass es sehr gute Kooperationen gibt. Das habe ich gesehen, das habe ich erlebt, und das nehme ich auch mit. Das ist großartig, und das zeichnet diese Stadt aus.

Mit Blick auf Ihren Abschied aus dieser Stadt haben Sie Rücksicht auf die Kirchenvorstandswahl genommen. Warum war Ihnen das so sehr ein Anliegen?

Briese: Das ist ein enorm wichtiges Datum für uns. Schließlich ist es ja so, dass sich viele Menschen in unserem Kirchenkreis entschieden haben, sechs Jahre lang Verantwortung zu übernehmen. Sechs Jahre lang werden Ehrenamtliche mit dem Pfarramt die Leitung der Kirchengemeinden übernehmen. Kurz vorher zu gehen, wäre ein Signal gewesen – als würde ich sagen: Das ist so, aber es kümmert mich nicht groß. Aber es kümmert mich sehr, weil ich eine große Wertschätzung habe für Menschen, die Zeit, Nerven und Kompetenz investieren in dieses Amt als Kirchenvorsteher. Das wollte ich bis zu Ende begleiten. Ich werde auch noch den Wahlausgang kommentieren. Sodass wir das alles dann wirklich gemeinsam abgeschlossen haben.

Warum ist Ihnen der Kirchenkreis so sehr ans Herz gewachsen?

Briese: Wir wohnen hier in einer sehr schönen Gegend. In unserem Kirchenkreis ist etwas, das man nicht überall findet. Wir haben hier bei uns den Grundtenor der Kooperation und der Kollegialität. Das merkt man bei den Kolleginnen und Kollegen in der Kirchenkreiskonferenz. Wir streiten offen um Sachfragen und setzen uns auseinander. Aber es ist immer spürbar, dass wir an einem Strang ziehen. Das ist toll. Wir haben in unserem Kirchenkreis viele Dinge entwickelt, die dadurch entstehen konnten, weil Ehrenamtliche sich da ganz reinbegeben haben. Nicht zuletzt sieht man es daran, dass wir gerade wiederum einige Notfallseelsorger im Ehrenamt eingeführt haben. Das gibt es nicht in allen Kirchenkreisen. Bei uns gibt es das, und das finde ich gut. Wir haben außerdem auch eine hohe Kompetenz im Kirchenkreisvorstand und im Kirchenkreistag. Da macht die Arbeit wirklich Spaß, weil man die Dinge gemeinsam entwickeln kann.

Was nehmen Sie mit nach Hannover?

Briese: Nach Hannover nehme ich – außer das, was auf den Laster passt – all die guten Erinnerungen und den Rückblick auf einige Erfolge mit, die wir zusammen in diesen drei Jahren erzielen konnten. Es hat sich an vielen Stellen das Bild einfach erneuert. Strukturell, aber auch personell. Es ist schön, wenn man weggeht und weiß: Das Feld ist bestellt. Daran kann dann der Nachfolger oder die Nachfolgerin anknüpfen.

Künftig sind Sie als Landespastorin für Ehrenamtliche im Haus kirchlicher Dienste tätig. Was ist die Aufgabe?

Briese: Die Landespastorin für Ehrenamtliche gestaltet, entwickelt, vernetzt und berät zu Fragen des Ehrenamts in der Landeskirche. Zu unserem Fachbereich gehören zum Beispiel das Freiwilligenmanagement, die Gemeindeleitung, die Kirchenvorstandsarbeit, aber auch die Gemeindeberatung und die Organisationsentwicklung sowie das Fundraising dazu. Ich bin dafür verantwortlich, Ehrenamtliche zu fördern, fortzubilden und für gute Rahmenbedingungen zu sorgen. Meine Aufgabe wird es dann zum Beispiel auch sein, mich um Kirchenkreistagsvorsitzende und Kirchenvorsteher zu kümmern. Ich bin auch dazu da, landeskirchliche Gremien in Sachen des Ehrenamts zu beraten und die Theologie des Ehrenamts weiterzuentwickeln. Schon jetzt bin ich an kleinen Veröffentlichungen beteiligt. Es geht also darum, dass Ehrenamtliche eine gute Basis haben, um sich bei uns engagieren zu können. Und zwar in einer Struktur, die wertschätzend ist.

Welchen Stellenwert hat vor diesem Hintergrund die Zeit in Rotenburg?

Briese: Ehrenamtliche darf man nie so behandeln, als wären sie nur Helfer. Früher dachten manche so. Heute besetzen Ehrenamtliche wichtige Positionen. Das ist etwas, was ich mitnehme – die Erinnerung an ein partnerschaftliches und professionelles Zusammenwirken mit Menschen im Ehrenamt.

Worauf muss sich Ihr Nachfolger einstellen?

Briese: Er oder sie wird sich darauf einstellen müssen, dass jetzt wiederum ein Zeitfenster kommt, in dem man gemeinsam zügig daran gehen sollte, zu steuern. Denn dann fangen schon die nächsten Bemühungen gemeinsam mit den neuen Gremien an, auf die Struktur der nächsten Finanz- und Stellenplanung zu schauen. Diese Herausforderung wird dann da sein. Aber: So etwas muss man hier niemals alleine tun.

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