Rotenburgs Stadtplaner Clemens Bumann über die Entwicklung der City und Potenziale der Kreisstadt

„Klüngel gibt es überall“

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Clemens Bumann in der Rotenburger Innenstadt – dort lebt und arbeitet er, und dort sieht er noch viel Entwicklungspotenzial.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Rotenburger Innenstadt verändert sich. Neue Geschäfte, neue Häuser, neue Angebote. Und auch über die Neubaugebiete der Kreisstadt ist in diesem Jahr viel geredet worden. Eine Stadt im Wandel – und viele Fäden laufen bei Clemens Bumann zusammen. Der 39-Jährige ist seit vergangenem Jahr Rotenburgs Stadtplaner. Im Interview spricht er über die Entwicklung der Stadt und über einen Breisgauer im Rathaus.

Am Montag eröffnet der neue Rewe-Supermarkt. Was bedeutet das für die Rotenburger Innenstadt?

Clemens Bumann: Die Verwaltung begrüßt das Engagement einer Firma, sich hier in der Innenstadt anzusiedeln. Privates Kapital wird benötigt, um den Städtebau voranzutreiben. Die öffentliche Hand hat bekanntlich weniger Geld. Es gibt drei gute Gründe für die Ansiedlung: Der Supermarkt hat eine Funktion der Nahversorgung. Der gesamte Bereich City, Hemphöfen oder die Wohngebiete, die sich an die Goethestraße anschließen, hatten fußläufig bislang nichts. Da schließt sich eine Lücke. Für Kunden von außerhalb ist es ein weiterer Grund, mal wieder in die Innenstadt zu kommen. Und schließlich wächst die Konkurrenzsituation. Das belebt. Wir haben drei gute Supermärkte: Famila, E-Center und Fabisch. Hier gesellt sich ein qualitativ hochwertiger Markt dazu.

Der Supermarkt passt in Ihr Konzept der innerstädtischen Nachverdichtung.

Bumann: Der Rewe hat ja zwei Seiten – zur Fußgängerzone und rückwärtig zur Glockengießerstraße. Er fügt sich mit dem gesamten Pressehaus-Neubau ein in den Ortsbildcharakter. Das ist gut gelungen. Wir müssen versuchen, vermehrt solche Frequenzbringer in der Großen Straße anzusiedeln, die nach hinten heraus eine große Verkaufsfläche bieten und sich vorne gestalterisch integrieren in den historischen Bestand.

Braucht es in der Innenstadt noch mehr solcher Magnete? C&A kommt ja nun nicht, aber gehen die Ziele der Stadtentwicklung in diese Richtung?

Bumann: Zunächst einmal ist es das Ziel, den Bestand zu sichern. Rotenburg hat das Glück, dass noch viele Inhaber geführte Geschäfte vorhanden sind. Diese haben den Vorteil, dass sie keine Miete zahlen müssen und auch mit einer geringeren Kundenfrequenz leben können. Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, dass das so bleibt. Wenn Lücken entstehen, müssen diese gefüllt werden. Zudem benötigen wir weitere Frequenzbringer, um größere Käuferschichten zu erschließen. Für diejenigen, die zu Dodenhof oder in den Weser-Park fahren, müssen wir Attraktivität schaffen. Davon würde auch der vorhandene Bestand profitieren.

Welchen Einfluss kann die Stadt darauf ausüben?

Bumann: Steuern können wir es über unsere Bauleitplanung. Wir müssen planerische Möglichkeiten schaffen, dass sich solche Geschäfte ansiedeln können. Das Erdgeschoss in der Großen Straße und in den Goethestraße muss als Handels- und Dienstleistungsfläche erhalten bleiben. Da achten wir drauf. Im Bebauungsplan ist es aber auch Ziel, dass in der Innenstadt verstärkt Wohnnutzung einziehen kann – wie wir es jetzt zwischen Fußgängerzone und Glockengießerstraße oder Goethestraße/Steinbeißergasse bekommen. In diesen Bereichen wird es künftig noch mehr geben, wenn die Investoren mitspielen. Damit ziehen wir Nachfrage an.

Ein nächstes Großprojekt ist der Um- und Neubau auf dem Postgelände durch die Sparkasse. Wann geht es dort los?

Bumann: Wenn es nach uns ginge, sehr bald. Anfang kommenden Jahres wird es einen Bebauungsplan geben. Ziel ist es, dass sich dort ein oder zwei großflächige Einzelhandelsbetriebe aus der Bekleidungsszene ansiedeln werden, um weitere Frequenzsteigerungen in die Stadt zu bringen. Die Post bleibt auf jeden Fall auch dort. Und der Straßenbereich zwischen Goethestraße und Nödenstraße muss städtebaulich aufgewertet werden. Wir müssen uns fragen, ob die Masse an Stellflächen dort nötig ist, weil hinter der Post mit einem Parkdeck mindestens 120 neue Plätze entstehen. Ich schätze aber, dass vor 2017 oder 2018 dort keine Baumaßnahmen anlaufen.

Sie haben schon Anfang des Jahres ihre Pläne für eine Umgestaltung des gesamten Bereichs Aalterallee/Glockengießerstraße vorgestellt. Gibt es da eine Gesamtvision?

Bumann: Wir sind da sehr auf die Eigentümer angewiesen, ob sie eine Veränderung wollen. Das Projekt „Reinekes Park“ war ein Glücksfall. Ziel ist es, entlang der Glockengießerstraße eine durchgehende, beidseitige Wohnbebauung zu schaffen. Wir müssen behutsam nachverdichten. Das ist bis 2020 anzugehen.

Gibt es eine große „städtebauliche Vision“, wo es mit Rotenburg insgesamt einmal hingehen soll?

Bumann: Als „Fremder“ hatte ich erstmal einen neuen Blick, mit dem man gewisse Defizite eher sieht. Mir fiel sofort auf, dass in der Innenstadt gewisse Grundstücke sozusagen einer Wohnbebauung entgegen schreien. Aber das muss gutachterlich abgesichert sein, die Wirtschaftlichkeit muss stimmen. 2009 gab es das Einzelhandelsgutachten durch die Entwicklung im Wümme-Park. Das wollen wir jetzt fortschreiben lassen, wenn wir wissen, was bei der Post reinkommt.

Hat Rotenburg in der Entwicklung in den vergangenen Jahren etwas versäumt?

Bumann: Mir sind auch gleich positive Dinge aufgefallen: die lange Fußgängerzone, wenig Leerstände, viele Parkplätze, die Geschäfte. Das ist qualitativ und quantitativ sehr gut. Ob die Gestaltung noch ganz zeitgemäß ist, darüber lässt sich reden. Zum Beispiel sind die Baumbestände wohl nicht ganz richtig. Auch über das eine oder andere Kunstwerk oder Spielgerät müssen wir sprechen.

Wer mit dem Auto unterwegs ist, steht in Rotenburg allzu oft im Stau. Wenn das Mühlende weiter wächst, wird das nicht einfacher. Braucht Rotenburg ein neues Verkehrskonzept?

Bumann: Der Stau in Rotenburg ist ein zeitlich begrenztes Phänomen. Wenn man kurz vor sieben in die Stadt fährt, kommt man durch, dann ist es dicht, und ab 8.30 Uhr ist es wieder frei. Abends ist es ähnlich. In der überwiegenden Zeit fließt der Verkehr. In erster Linie können wir an die Menschen aus Rotenburg appellieren, auch mal zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Die Zeit von großen Umgehungsstraßen ist vorbei. Der Bund baut nur, wenn es ein überregionales, hohes wirtschaftliches Interesse gibt. Wir bräuchten eigentlich einen kompletten Ring von der B71/B75 einmal um die Stadt herum. Das ist von der Kosten-Nutzen-Analyse nicht darstellbar.

Der Landkreis hat schon mehrfach eine allzu kleinteilige Planung in Rotenburg kritisiert. Können Sie das nachvollziehen?

Bumann: Ich halte die Kritik für nicht angebracht. Das Baugesetzbuch sieht vor, dass der Innenentwicklung ein Vorrang eingeräumt werden soll. Wenn ich das ernst nehme, muss ich auch kleinräumig Bebauungspläne aufstellen. Das umfasst in der Regel nur zwei oder drei Grundstücke. Das Stadtgebiet ist im Grunde bebaut. Es geht nur darum, einige Ecken zu verdichten. Der Gesetzgeber will das so. Das ist sinnerfüllend, verursacht für die Verwaltung aber mehr Arbeit.

Kritik gibt es auch immer wieder am Rotenburger „Klüngel“. Also: Öffentliche Aufträge stets an die gleichen Unternehmen. Wie begegnen Sie diesem Vorwurf?

Bumann: Aus meiner Sicht stimmt das überhaupt nicht. Wir sind ab einem gewissen Wert gezwungen, auszuschreiben. Auch bei beschränkten Ausschreibungen kontaktieren wir immer verschiedene heimische Firmen. Bei Wettbewerben geht der Auftrag an die günstigsten. Von den Firmen gibt es wenig Klagen, da scheint man zufrieden mit dem Vorgehen. Bei freien Vergaben arbeiten wir eine Liste ab, sodass jeder mal einen Auftrag bekommt. Wir vergeben reihum. Den Klüngel gibt es wohl überall, aber in Rotenburg ist er nicht größer als woanders.

Es geht aber nicht nur um die Entwicklung der Innenstadt, sondern um die ganze Stadt. Über die Neubaugebiete Stockforthsweg und Brockeler Straße ist viel diskutiert worden. Doch wie geht es weiter?

Bumann: Die Nachfrage nach Grundstücken ist noch größer als wir erwartet haben. Die Baugrundstücke können wohl bis Ende des Jahres komplett verkauft werden. Auf der Warteliste der Bauwilligen stehen noch viele Namen drauf. Wir haben jetzt in Waffensen ein Gebiet ausgewiesen, aber das ist natürlich vor allem für die Einheimischen gedacht. Die Nachfrage kommt auch aus Bremen und Hamburg. Wir müssen über neue Baugebiete nachdenken.

Wo gibt es denn in Rotenburg noch Entwicklungspotenzial?

Bumann: Wir werden im Planungsausschuss am 11. Januar fünf potenzielle neue Wohngebiete vorstellen. Es läuft darauf hinaus, dass man in Richtung Mühlende etwas macht. Es bieten sich mehrere Flächen an: Am Grafeler Damm weiter südlich könnte man weiter bauen, oder die zweite Ausbaustufe am Stockforthsweg. Maßgebend wird immer sein: Können wir als Stadt das Bauland erwerben? Angesichts der aktuellen Problematik mit den Torflinsen an der Brockeler Straße müssen wir dann ganz genau schauen, wie der Boden beschaffen ist und ob man dort bauen kann.

Welche Gebiete schließen Sie eher aus?

Bumann: Die anderen drei Flächen sind eher schwierig. Es gibt eine große Fläche an der Knickchaussee, dort ist man mit den Eigentümern aber nicht auf einen Nenner gekommen. Die Konversionsfläche von Rathsmann am Glummweg wäre städtebaulich am besten zu nutzen. Das wäre eine Aufwertung für das Wohngebiet – ist für die kommenden zwei bis drei Jahre aber bekanntlich für Flüchtlinge vorgesehen. Die dritte Fläche südlich des Kalandshofs ist sehr feucht. Es geht jetzt um Grafel und Stockforthsweg. Das ist eine politische Entscheidung.

Sie sind seit 2014 im Rathaus und noch „Der Neue“. Haben Sie sich denn schon an Grünkohl gewöhnt?

Bumann: Ich habe vor zwei Wochen Grünkohl mit Pinkel gegessen. Das war gar nicht so schlimm. Wenn es kalt ist draußen, passt es.

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